Wirtschaft : Warten auf Schnee: Snowboards bleiben im Regal liegen

Thomas Magenheim

Ganz Deutschland hofft auf eine weiße Weihnacht. Manch einer verbindet mit dem Warten auf Schnee aber weit mehr als traditionelle Feiertagsstimmung. Für den Geschäftsführer des Verbands Deutscher Sportfachhandel (VDS), Helmut Ott, ist Schnee die entscheidende Geschäftsgrundlage. Deshalb hat er ohne Schnee ein Problem. "Es ist katastrophal", sagt Ott. Vor allem warme Skibekleidung liege "wie Blei" im Regal der Händler. Mit Weihnachten und den damit üblicherweise verbundenen Verkaufszahlen habe das aktuelle Geschäft nichts zu tun. Dabei war die Branche noch bis Mitte November optimistisch gestimmt. Wie hoch die Umsatzrückgänge ausfallen werden, kann Ott noch nicht beziffern. Viele heimische Händler hätten ihr Sortiment für Wintersportartikel bereits reduziert. Die seit einiger Zeit im Trend liegenden Carving-Skier sind fast der einzige Hoffnungsschimmer für die Branche. Beim Snowboard, als zweitem Trendsetter, ist der Optimismus des Handels schon deutlich geringer. Reißenden Absatz finden dagegen auch im Weihnachtsgeschäft Kickboards, die moderne Version des Tretrollers.

Insgesamt werde der schlechte Dezember das Umsatzwachstum dieses Jahres wieder auffressen, das bis dahin branchenweit rund vier Prozent Umsatzwachstum betragen hatte, befürchtet Ott. Im Vorjahr hatten die heimischen Sportartikelerlöse noch um rund drei Prozent auf 14,5 Milliarden Mark zugelegt. Die seit Jahren beklagten niedrigen Margen habe sich der Handel wegen schon fast traditioneller Ramschverkäufe aber selbst zuzuschreiben, finden Branchenkenner. Etwas entspannter blicken die Hersteller von Wintersportware in den schneelosen Himmel - sie haben ihre Ware bereits an den Handel verkauft. Von einer Rekordsaison wie noch vor wenigen Wochen will Helmut Bälz, der Deutschland-Geschäftsführer des weltgrößten Skibauers Rossignol, aber nicht mehr sprechen. Nur wenn der Wettergott sich rasch besinne, sei die dritte Zuwachssaison in Folge möglich. In der Saison 1999/2000 waren mit 585 000 Paar Alpinskiern, dem wichtigsten Produkt der Branche, in Deutschland neun Prozent mehr verkauft worden.

Rodeln fällt aus

Schnee von gestern ist die vorjährige Hoffnung, abseits von Carvingskiern mit so genannten sanften Sportarten wie Eisstockschießen oder Rodeln neue Trends setzen zu können. "Das fällt diesmal ganz aus," befürchtet der Geschäftsführer der Straubinger Völkl Sports Holding AG, Udo Stenzel. Auch Langlauf liege derzeit brach, denn der setzt Schnee in tiefen Lagen voraus. An den immer wieder vorausgesagten "Riesenboom" bei Snowboards glaubt der Manager des heimischen Marktführers bei Skiern nicht einmal bei guten Schneeverhältnissen. 1999/2000 sind branchenweit hier zu Lande 80 000 (Vorjahr 75 000) dieser Bretter verkauft worden. Höhere Zuwachsraten verspricht sich Völkl dagegen von neuartigen Newschool-Skiern. Das sind an beiden Enden aufgebogene Bretter speziell für die Trickski-Klientel unter 18 Jahren. Am verlässlichsten bleibt nach Meinung der Fachleute der Trend zu den ohne Bindung rund 460 Mark teueren Carving-Skiern, auf die erst 15 bis 20 Prozent aller heimischen Skifahrer umgerüstet haben.

Keinen Grund zur Klage hat dagegen die Hotellerie. "Wir sind über die Weihnachtstage zu 90 Prozent ausgebucht," sagt Klaus Furtmeier, der stellvertretende Kurdirektor des wichtigsten bayerischen Wintersportorts Garmisch-Partenkirchen. Der ausbleibende Schnee habe bislang keinerlei negative Auswirkungen. Auch beim Anblick grüner Hänge würden die Gäste erfahrungsgemäß nicht wieder ihre Koffer packen. Das könne aber damit zusammenhängen, dass die kostenlose Stornierung einer schon vor Monaten gebuchten Reise wegen Schneemangels rechtlich nicht möglich sei, räumt Furtmeier ein. Von der Zugspitze abgesehen sei die Schneelage trübe.

Wellness statt Skifahren

Andererseits zählten nur etwa ein Drittel der Gäste zur Kategorie Skifahrer, wie eine Umfrage ergeben habe. Dieser potenziell enttäuschten Kundschaft versuche man mit kulturellen Angeboten von Interpreten der Mailänder Oper bis zu Kabarett und Kindertheater den Aufenthalt zu versüßen. Mit "Wellness statt Skifahren" wirbt in dieser Situation die Bayern Tourismus GmbH, die für viele der deutschen Wintersportorte "ausgebucht" meldet. Weil viele Kur- und Heilbäder in den Alpen liegen, könnten ambitionierte Wintersportler alternativ auch "zum Relaxen in die Berge" fahren, sagt eine Sprecherin der bayerischen Tourismus-Dachorganisation. Bei Massagen, Gesundheits- oder Schönheits-Anwendungen könnten Mann und Frau schließlich auch ohne Schnee den Weihnachtsurlaub auf angehme Art verbringen.

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