Wirtschaft : Warum es schlimmer werden kann

Christine Lagarde glaubt nicht mehr an die Wende zum Guten. „Ziemlich düster“ seien die Aussichten für die Weltwirtschaft, warnte die Chefin des Internationalen Währungsfonds IWF kürzlich. „Es gibt keine Volkswirtschaft, die immun ist gegen die Krise, die sich derzeit nicht nur entfaltet, sondern eskaliert.“ Gerade Deutschland mit seiner exportorientierten Industrie könnte sich von einer solchen Entwicklung nicht abkoppeln. Das größte Risiko ist natürlich eine eskalierende Schuldenkrise. Mehr als 720 Milliarden Euro frisches Geld benötigen allein Griechenland, Portugal, Italien, Spanien und Irland 2012. Sollten die Zinsen für ihre Staatsanleihen weiter steigen, würde sich die Lage erneut zuspitzen – und die deutschen Exporteure in Bedrängnis bringen. Bei ihnen hängen eine Million Stellen an der Nachfrage aus diesen Ländern.

Ganz zu schweigen von den Banken: Die Aufsichtsbehörden zwingen sie ohnehin, 13 Milliarden Euro frisches Kapital aufzubringen. Müssten sie weitere Forderungen abschreiben, wäre wohl wieder der Staat als Retter gefragt. Der Zusammenbruch einer internationalen Großbank hätte unabsehbare Folgen. Schon jetzt ist das Misstrauen in der Branche so groß wie seit der Lehman-Pleite 2008 nicht mehr. Nicht einmal die jüngste Liquiditätsschwemme von einer halben Billion Euro durch die Europäische Zentralbank vermochte bislang die Spannungen entscheidend zu lockern. Nicht ausgeschlossen ist, dass die Geldinstitute ihre Kreditvergabe einschränken, um das Kapital zusammenzuhalten. Dann würde die Schuldenproblematik endgültig auf Realwirtschaft und Verbraucher übergreifen.

Europa ist indes nicht die einzige Region der Welt, in der sich die Schulden türmen. Die Verschuldung der USA ist mittlerweile ebenso hoch wie das Bruttoinlandsprodukt. Demokraten und Republikanern ist es bislang nicht gelungen, sich auf eine Sparstrategie zu einigen. Das Defizit im US-Bundesetat wird so auch 2012 wohl über einer Billion Dollar liegen. Die Ratingagenturen sind bereits nervös. Nach Standard & Poor’s kündigte auch Fitch an, die Bestnote einzukassieren, sollte Washington keine Kursänderung hinbekommen. Klar ist: Sollten sich die Schuldenkrisen in Amerika und Europa gegenseitig verstärken, wäre wohl alle Hoffnung auf ein einigermaßen mildes Krisenjahr 2012 dahin. Womöglich versuchen die Regierungen dann, ihre Märkte mit höheren Handelshemmnissen vor unliebsamer Konkurrenz zu schützen, wie so oft in schlechten Zeiten. Eine neue Ära des Protektionismus würde aber vermutlich niemandem nützen – und viel Schaden anrichten. brö

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