Wirtschaft : Warum sind Sie noch im Job, Herr Sommer?

NAME

Herr Sommer, Ihre Kleinaktionäre fühlen sich betrogen. Viele haben die T-Aktie als Altersvorsorge bei sechzig Euro oder mehr gekauft. Jetzt steht das Papier noch knapp über acht Euro. Verstehen Sie die Sorgen Ihrer Eigentümer?

Ja. Ich bin über den Kurs genauso wütend. Alle Unternehmen der Branche werden jetzt schwer bestraft für die Überschätzung des Sektors in den letzten Jahren. Das ist nicht gerecht, weil die Telekom ein gutes Unternehmen in einem mörderischen Markt ist.

Es wird bei der Telekom keine Überraschungen in der Bilanz geben wie bei dem amerikanischen Unternehmen Worldcom?

Die Telekom ist ein gutes und solides Unternehmen, das gut und solide bilanziert. Wir lassen unsere Abschlüsse von zwei unabhängigen Wirtschaftsprüfern testieren. Das ist deutlich mehr, als wir tun müssten.

Ist ein mörderischer Markt der richtige Ort für eine Volksaktie?

Den Begriff Volksaktie haben ja nicht wir geprägt. Und das war auch nicht unsere Strategie. Als wir mit der Telekom an die Börse gingen, ging es um eine andere Frage: ob man nicht auch hier in Deutschland seine Anlageformen um die Aktie erweitern sollte. So, wie in England oder in den USA.

War das falsch?

Nein. Aktien sind ein vernünftiger Teil der Kapitalanlage. Davon sollte man auch heute keine Abstriche machen. Das Schwierige war aber, dass diese beginnende Aktienkultur mit einer ungeheuren Boomphase der Börse einherging, die vor allem durch den Technologie-, Medien- und Telekommunikations-Sektor geprägt war. Das hat vielen von uns schon damals große Sorgen bereitet.

Diese Sorgen hat man dem Schauspieler Manfred Krug aber nicht angesehen, der für Sie die T-Aktie an den kleinen Mann gebracht hat.

Das ist etwas anderes: Wir waren die Ersten, die in Deutschland eine Aktie als Produkt mit einer eigenen Marke versehen haben. Das ist heute noch so richtig wie damals.

Sind Sie sicher, dass die Politik den Grund für den Kursverfall der T-Aktie auch nur im allgemeinen Markt und nicht bei Ihnen sieht?

Ganz sicher. Unser größter Aktionär ist der Bund. In einem Privatunternehmen spielt ein Großaktionär eine besondere Rolle. In dieser Bundesregierung – wie auch in der letzten – haben wir sehr gute Gesprächspartner. Und da bekommen wir wirklich gute Signale für unsere Strategie. Der Bund interessiert sich ja nicht nur für uns, weil er Aktien der Telekom besitzt. Wir berühren jeden Menschen in Deutschland. Egal, ob er Mitarbeiter, Kunde oder Aktionär bei uns ist.

Die Aktionäre sind so berührt, dass sie Ihre Ablösung fordern. Lässt Sie das kalt?

Nein, die Diskussion macht mir keinen Spaß. Aber die Frage ist doch: Fahren wir den richtigen Kurs? Erkennen wir schnell genug, wenn Korrekturen nötig sind? Oder hat der Vorstand das Unternehmen in eine falsche Richtung getrieben?

Und, hat er?

Wir meinen das ist der richtige Kurs. Wenn unsere Aktie bei acht Euro wäre und der Rest der Welt stünde glänzend da, dann wäre das etwas anderes. Dann müssten wir gehen.

Wenn es so wäre, würden Sie erkennen, dass Sie Fehler gemacht haben und gehen müssen?

Ja. Ich glaube ja.

Man sagt Ihnen eine sehr große Nähe zu Gerhard Schröder nach.

Ja, und vor der letzten Bundestagswahl hat man mir eine sehr große Nähe zu Helmut Kohl nachgesagt.

Es ist Ihnen egal, wer unter Ihnen Kanzler ist?

Ich habe den höchsten Respekt vor diesem Amt. Und ich bin froh, dass es uns gelungen ist, immer gute Gesprächspartner zu finden.

Auch in Fragen der Telekomregulierung?

Auch da ändert sich etwas. Wir werden geknebelt, weil wir so gut sind. Das ist so, als wenn wir Jan Ullrich ein paar Gewichte an die Beine hängen würden, wenn er auf der Tour de France die Königsetappe fährt, damit die anderen auch eine Chance haben.

Jan Ullrich ist nicht dabei in diesem Jahr.

Aber das Bild stimmt trotzdem: Die Wettbewerbsbehörden müssen aufhören, uns zu benachteiligen. Der Markt hat sich verändert. Die Politiker auf allen Seiten haben erkannt, dass die Telekom im Augenblick das einzige Unternehmen in Deutschland ist, das sicher stellen kann, dass jeder an der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts teilnehmen kann.

Deutschlands Schüler haben den Anschluss schon verpasst.

Das stimmt vielleicht, was die allgemeine Bildung angeht. Aber was die Computer- und Internetkompetenz angeht, stimmt es nicht. Wir haben dafür gesorgt, dass innerhalb von zwei Jahren alle Schulen im Netz sind.

Haben Sie diese Initiative gemacht, damit die Schüler besser ausgebildet werden, oder um zukünftige Telekom-Kunden zu gewinnen?

Wir haben das nicht nur als Wohltäter gemacht. Es war eine Marketingentscheidung, die Schulen ans Netz zu bringen. Ich wollte, dass die Schüler in Deutschland mit dem Magenta-T und den Digits aufwachsen und nicht mit irgendeiner amerikanischen oder französischen Marke.

Und der Telekom geht es gut genug, um ein solches Programm spendieren zu können?

Nein, das tut es nicht. Und darum mache ich mir natürlich Sorgen. Ich habe die Verantwortung für 260000 Menschen und deren Familien. Wir kaufen dieses Jahr für neun Milliarden Euro Produkte und Dienstleistungen von anderen ein. Und wissen Sie, was das bedeutet? Wenn wir das mal um eine Milliarde kürzen, dann ist bei 30000 Zulieferunternehmen der Teufel los. Und die heißen nicht nur Siemens oder Nokia. Wenn bei uns der Gürtel enger geschnallt wird, dann ist das eine dramatische Sache für alle.

Müssen Sie den Gürtel enger schnallen?

Ja. Wir müssen die Schulden reduzieren. Das ist das wichtigste Thema jetzt. Dem werden wir alles andere unterordnen.

Und wie wollen Sie die Schulden abbauen?

Der Verkauf unseres Kabelnetzes ist eines der großen Projekte. Daneben verkaufen wir Immobilien und Beteiligungen.

Der Kabelverkauf ist schon einmal gescheitert.

Das ist ein großes Problem für uns. 5,5 Milliarden Euro. Kaum jemand hat verstanden, was das für ein Genickschlag war, als die Kartellbehörde verboten hat, dass wir das Fernsehkabelnetz an Liberty Media verkaufen. Ein paar Wochen später hat es dann jeder verstanden. Weil man am Aktienkurs ablesen konnte, wie sehr die Telekom dieses Verbot getroffen hat.

Wann verkaufen Sie es?

Wir haben viele Interessenten.

Zu welchem Preis verkaufen Sie?

Das weiß ich doch heute noch nicht. Aber sicher ist: Wir werden kein Aktionärsvermögen verramschen.

Und die Immobilien?

Genau dasselbe Thema. Wir haben 13 Milliarden Euro Immobilien in der Bilanz. Das Letzte, was ich sein möchte, ist Immobilienunternehmer. Also wird verkauft.

Ein Geschäft, das Sie offenbar nicht beherrschen, wie die Wertberichtigungen in Ihrer Bilanz zeigen.

Es wurden 32000 Immobilien in einem Eilverfahren bewertet. Daran haben hunderte von Bürokraten in allen möglichen Ministerien gearbeitet und erfahrene Wirtschaftsprüfer. Und dann kommt einer und sagt, alles ist falsch. Dann haben wir wieder von vorne angefangen. Jetzt bescheinigt uns ein Gutachten, dass wir es doch richtig gemacht haben. Wir stecken Millionen in die Richtigstellung ungerechtfertigter Vorwürfe. Aber damit müssen wir wohl leben.

Und die Vorwürfe des Bundesrechnungshofs sind auch nicht richtig?

Es ist ein geheimes Gutachten. Das was berichtet wird, hat der Rechnungshof so nicht gesagt.

Der Börsengang Ihrer Mobilfunksparte T-Mobile würde Sie einen großen Schritt voranbringen. Kommt der noch in diesem Jahr?

Die Wahrscheinlichkeit ist sehr gering. Im Augenblick sieht es nicht so aus, als würde sich der Markt erholen. Wir stellen uns mit unserem Geschäft darauf ein, dass der Börsengang in diesem Jahr nicht kommt.

Das heißt?

Wir drehen jeden Euro doppelt um. Es wird keine Ecke in diesem Unternehmen geben, in der nicht gekehrt wird. Wir haben im Vorjahr 9,8 Milliarden Euro investiert. In diesem Jahr werden es weniger als neun Milliarden sein. Dasselbe gilt für die operativen Kosten. Ob der Werbeetat unangetastet bleibt, ist auch noch nicht raus. Ich muss dafür sorgen, dass die Telekom jeden Sturm überlebt. Und dieser Sturm ist brutal. Die Schiffbrüchigen schwimmen um uns herum. Deshalb gibt es keine Tabus: Alles wird neu gedacht.

Haben Sie für die UMTS-Lizenz zu viel bezahlt?

Nein. Denn wir verdienen heute schon inklusive der UMTS-Lizenz das eingesetzte Kapital mit einer vernünftigen Verzinsung. Allerdings: Ich hätte auch lieber weniger bezahlt.

Gibt es ein Unternehmen, von dem Sie sagen, die bewundere ich – die haben einen sehr guten Job gemacht?

Unter den großen dieser Welt – allemal in Europa – meine ich, hat es keiner besser gemacht. Das tröstet uns nicht, und das tröstet auch den Aktionär nicht. Wir müssen dafür sorgen, dass sich das, was wir tun, an der Börse widerspiegelt und die Aktie nach oben bringt. Wir müssen jetzt zeigen, dass wir die Schulden abbauen und trotzdem wachsen können. Da wird an allen Schrauben gedreht.

An einer Schraube haben Sie nicht gedreht. Der Vorstand hat sich eine Erhöhung der Bezüge um 90 Prozent genehmigt.

Das Thema 90 Prozent ist einfach falsch. Darin stecken Abfindungen für Kollegen, die wir nicht identifizieren wollten, weil das eine private Angelegenheit ist. Wenn Sie die Gehaltsstrukturen deutscher Vorstände von Dax-Unternehmen sauber analysieren, dann würden sie feststellen, dass wir uns im Mittelfeld bewegen und keinen roten Kopf wegen unserer Gehälter bekommen müssen.

Beim Dax-Unternehmen Schering weiß der Kleinaktionär, was der Chef verdient.

Das Thema Gehälter betrifft bei uns 260000 Mitarbeiter und den Wandel von einer Behörde zu einem Unternehmen. Bei den Vorständen haben wir in den letzten Jahren eine Politik gefahren, die besagt, dass wir uns im Mittelfeld bewegen wollen.

Das heißt?

Wir sind für ein Unternehmen angetreten und nicht, um schnelles Geld zu machen. Wir sind angetreten für die Aufgabe. Und wir haben – gerade wegen der Bedeutung der Deutschen Telekom auch als politisches Unternehmen – nie versucht, den Markt zu führen. Sondern wir haben uns hinter dem Markt her entwickelt. Aber wir dürfen den Abstand nicht zu groß werden lassen, sonst bekommen wir keine Leute mehr, die unser Unternehmen nach vorne bringen.

Warum darf dann niemand wissen, was Sie verdienen?

Wir wollen auch bei der Frage der Einzelpublizität von Vorstandsgehältern nicht die Ersten sein, die das veröffentlichen. Wenn es einen Konsens unter den Dax-Unternehmen darüber gäbe, würden wir aber sofort mitmachen. Ich glaube, dass wir in Deutschland dahin kommen werden und ich persönlich habe auch kein Problem damit.

Wie viel verdienen Sie denn?

Publizität kann nicht einer im Vorstand für sich beschließen. Wenn, dann werden wir das gemeinsam entscheiden müssen. Aber noch einmal: Ich kann Ihnen versprechen, dass ich keinen roten Kopf bekommen muss.

Auch nicht, wenn Sie sich das Gehalt um 90 Prozent erhöht haben, wenn gleichzeitig der Kurs um 90 Prozent abgestürzt ist?

Ich kann es nur wiederholen, wir haben das Gehalt nicht um 90 Prozent erhöht. In dieser Frage sind sehr viele Emotionen. Das können Sie auch bei den Optionen sehen. Am Tag, bevor wir veröffentlicht haben, dass wir auf unsere Optionen für das Jahr 2002 verzichten, hieß es noch, dass wir uns gewaltige Geldsummen mit den Optionen in die Tasche stopfen würden. Am Tag danach hieß es, wir verzichten auf gar nichts. Da weiß man doch nicht, was man denken soll.

Und wie ist es?

Die Wahrheit ist, dass wir auf einen wesentlichen Teil unseres Einkommens verzichten. Wir machen uns natürlich den Vorwurf, dass wir das schneller und früher hätten entscheiden können.

Was sagt Ihre Familie dazu, wenn über Sie und Ihr Gehalt öffentlich diskutiert wird?

Ich habe mich daran gewöhnt, dass das eine öffentliche Angelegenheit ist. Für meine Familie ist das nicht so lustig. Doch sie hat gelernt, damit umzugehen.

Als die Telekom noch ein Vorzeigeunternehmen war, war das sicher leichter.

Es war immer eine Mischung. Wir hatten nie eine einfache Zeit. Ich glaube, es gibt drei Typen von Familien. Die einen lieben die Öffentlichkeit – am allerliebsten, wenn sie positiv ist. Die anderen nehmen sie so wie sie ist, und die dritten möchten am liebsten gar keine. Meine Familie gehört zu der dritten Gruppe.

Bekommen Sie Ratschläge von Ihrer Familie?

Kritik. Keine Ratschläge. Kritik.

Das Gespräch führten Corinna Visser und Ursula Weidenfeld.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben