Wirtschaft : Warum Wirtschaftsprüfer Rolf Leuner kein Ende des Aktienbooms sieht (Interview)

Herr Leuner[wann sollen wir neue Aktien von Unter]

Rolf Leuner (31) ist Wirtschaftsprüfer der Nürnberger Rödl & Partner, die auch in Berlin sitzt. Mit ihm sprach Jobst-Hinrich Wiskow.

Herr Leuner, wann sollen wir neue Aktien von Unternehmen kaufen?

Immer, wenn das Unternehmen ein gutes Unternehmen ist.

Schön und gut - wie erfahren wir davon?

Indem sie darauf achten, wie die Analysten den Börsengang bewerten. Die haben in der Regel einen guten Einblick in die Zahlen und ins Management.

Welche Faktoren spielen eine Rolle?

Beispielsweise, wie lange sich die Alteigentümer verpflichten, ihre Aktien zu behalten. Wenn die Analysten den Eindruck haben, die Altaktionäre wollen schnell Kasse machen, dann werden sie abraten. Überdies sollten mindestens 80 Prozent des Emissionserlöses in die Kasse der Firma fließen, nicht ins Portemonnaie der Gründer. Ein gutes Zeichen ist außerdem, wenn der Vorstand sich hauptsächlich in Aktienoptionen bezahlen lässt und auf ein großes Fixgehalt verzichtet. Das verspricht ein Vertrauen der Manager ins Potenzial des Unternehmens.

Wir erleben einen wahren Boom bei Neuemissionen. Wann kommen sie aus der Mode?

Der Herbst hat sich gut angelassen, die Börsenkurse steigen, das Klima ist günstig. So wird es bis zum Jahresschluss bleiben. Im neuen Jahr könnte es einen psychologischen Jahr-2000-Effekt geben: Unternehmen, die sich für zukunftsträchtig halten, drängen womöglich erst recht im Jahr 2000 an die Börse. Der Trend zu Neuemissionen setzt sich fort. Ich erwarte eine Zunahme um 50 Prozent gegenüber dem laufenden Jahr. Das können wir ganz gut abschätzen, weil wir Wirtschaftsprüfer schon ungefähr ein halbes bis dreiviertel Jahr vor dem Börsengang mit den Börsenkandidaten zu tun haben.

Bleibt der Neue Markt das wichtigste Börsensegment für neue Aktien?

Keine Frage. 75 Prozent der Neuemissionen finden am Neuen Markt statt. Die 200. Firma wird dort Anfang 2000 notiert.

Leidet unter der Masse die Klasse?

Es gibt immer mal wieder Problemfälle. Manches Unternehmen ist noch nicht börsenreif, wenn es an die Börse drängt. Bei manchem Kandidaten stimmen Rechnungswesen und Investor Relations - die Betreuung der Aktionäre durch das Unternehmen - noch nicht. Dann leidet der Aktienkurs.

Kann man das vorher erkennen?

Im Verkaufsprospekt finden sich neben den Chancen die Risiken der Emission. Die sollte man sich genau anschauen. Verdächtig ist es, wenn Formulierungen sehr vage bleiben. Wer sich in der Sprache des Prospekts auskennt, der ist noch besser gewappnet. Die Tendenz geht aber dahin, alle Risiken klar auszusprechen. Doch die wenigsten Privatanleger fordern den Emissionsprospekt an oder lesen ihn.

Wenn man ihn liest, kann nichts passieren?

Leider doch. Bei vielen börsenreifen und im Prinzip ordentlichen Unternehmen bleibt der Aktienkurs zurück, weil der Markt die Aktie nicht versteht oder das falsche Börsensegment gewählt wurde. Beispiel Euromed am Neuen Markt: Die Aktie kam zu neun Euro an die Börse, dann fiel sie auf 5,50 Euro. Dabei hat das Unternehmen Substanz und Potenzial - es betreibt eine hoch innovative Klinik für Privatpatienten und will wachsen. Aber offensichtlich hat kaum jemand die Chancen der Aktie erkannt.

Was ist denn chancenreich?

Das Unternehmen hat ein Alleinstellungsmerkmal, das es von allen anderen abhebt. Je näher ein Unternehmen an einem solchen Merkmal ist, umso besser für den Anleger. Wenn jemand der einzige ist, der ein gefragtes Gut anbietet, dann honoriert die Börse die Fantasie. Natürlich sind die wenigsten Aktiengesellschaften konkurrenzlos, und dann kommt es darauf an, dass sie Marktführer oder die ersten ihrer Branche sind. Wer zuerst kommt, der hat die Nase vorn. Beispiel Direktbanken: Consors hat sich am Neuen Markt schon etabliert, jetzt ist der Konkurrent Direkt-Anlage-Bank an die Börse gegangen - und wird es sehr viel schwerer haben, seinen Aktienkurs zu steigern.

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