Wirtschaft : "Was bei der Pille geht, geht bei Autos auch"

Verbraucher können beim Händler preiswertere Reimporte verlangen / Generelle Preissenkung unwahrscheinlich BERLIN (um).Die deutsche Kraftfahrzeugindustrie boomt, gleichzeitig stagniert aber der Umsatz der Autohändler.Die sehen sich nach dem Millionen-Bußgeld, das die EU-Wettbewerbshüter gegen VW verhängten, nun auch noch stärker dem Druck der europäischen Konkurrenz ausgesetzt, die des Deutschen liebstes Kind oft erheblich billiger anbietet.Klevere Autokäufer können tatsächlich einiges sparen, ist Heike Mallad von der Forschungsstelle Automobilwirtschaft (FAW) überzeugt.Daß die Preise allerdings kurzfristig auf breiter Front fallen, glaubt sie nicht. Im Gegensatz dazu sagte der Anwalt Jürgen Niebling am Freitag im ZDF, durch mehr Konkurrenz könnten nach dem Wettbewerbsurteil die Autopreise zwischen 10 und 25 Prozent sinken.Der Beschwerdeführer der deutschen Autohändler im VW-EU-Konflikt geht davon aus, daß die Kommissions-Entscheidung freie Händler begünstige, die geringere Kosten zu tragen hätten.Vertragshändler könnten auf der Strecke bleiben. Der Spielraum für den Handel ist ohnehin eng."Handel und Werkstätten bekommen die konjunkturelle Situation in Deutschland unmittelbar zu spüren", sagt Jürgen Creutzig vom Zentralverbandes des Deutschen Kraftfahrzeuggewerbes.Die Umsatzrenditen lagen 1997 gerade einmal bei 0,9 Prozent.Die Hersteller versuchen Kosten auch über eine Umstrukturierung des Vertragshändlernetzes zu erreichen.Jüngstes Beispiel ist der VW-Konzern, der zum ersten Januar 1998 rund 600 seiner 3500 Vertragshändler gekündigt habe, sagt Creuzig.Ford habe vor etwa zwei Jahren sogar allen Händlern gekündigt.Allerdings nicht unbedingt zu deren Unmut.Durch die folgende neue Einstufung wurde mancher "Haupthändler" mit Margenansprüchen von 17 Prozent des Listenpreis eines Neufahrzeuges degradiert.Mit den Margen sanken die Kosten, die zum Beispiel durch genaue Vorschriften über die Ausstattung der Verkaufsräume oder die Zahl der Vorführwagen bestimmt werden. Die Zahl selbständiger Vertragshändler habe in den vergangenen zehn Jahren tatsächlich abgenommen, beobachtet der Verbandsvertreter.Die Zahl der Vertretungen und damit die Versorgung mit Service am Ort sei aber gleichgeblieben, die Kunden hätten also bislang keinen Schaden gehabt.Händler könnten aber noch viel mehr tun, ist Creutzig überzeugt und nennt als Beispiel Kooperationen, auch über Fabrikatsgrenzen hinweg, etwa bei Lackiererei oder Sattlerei.Auch dürften Vertragshändler das Geschäft mit Reimporten nicht den Graumarktimporteuren überlassen."Der Einkauf im Kundenauftrag oder auch als "Quereinkauf" auf eigene Kasse in europäischen Nachbarländern ist den Händlern erlaubt", sagt er."Wenn die Händler das nicht wahrnehmen, haben sie selber was nicht gekonnt." Vor einem so pauschalen Vorwurf nimmt Heike Mallad die Händler in Schutz.Den Vertragshändlern werde bei regelmäßigen Reimporten von den Herstellern durchaus "gehörig auf die Finger geklopft".Dennoch rät sie Verbrauchern beim Kauf vom Vertragshändler gezielt Reimporte zu verlangen."Was bei der Pille geht, geht bei Autos auch.Der Verbraucher muß es nur wissen." Autos aus dem europäischen Ausland seien vor allem deshalb preiswerter, weil sie oft schon ab Werk billiger geliefert werden, sagt Mallad: "Die Hersteller wollen sich Marktanteile erkaufen." Ein Umstand, den Helmut Becker, Autohändler in Düsseldorf, nicht genug betonen kann.Dadurch, daß Reimporte bis zu 30 Prozent günstiger waren als in Deutschland gekaufte Autos, sei "der Eindruck entstanden, das ist die Marge des Händlers.Das ist keinesfalls so".Im übrigen ist Becker, der selber - eine Ausnahme in der Branche - 17 verschiedene, fast ausschließlich ausländische Automarken vertreibt, vehement gegen eine Abschaffung der Gruppenfreistellung von Autobauern im EU-Wettbewerbsrecht.VW und die Kommission streiten derzeit, inwieweit die Wolfsburger ihr Recht darauf verwirkt haben.Heike Mallad ist überzeugt, daß die Ausnahmeregelung für die ganze Branche spätestens zum Verlängerungstermin 2002 außer Kraft gesetzt wird.Becker hingegen glaubt, sie bleibe bestehen.Sie sei mittelstands- und letztlich auch verbraucherfreundlich: "Was hat der Autokunde schließlich davon, wenn er am Ende keinen mittelständischen Autohandel mehr in seiner Nähe hat?" fragt er sich.

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