Wirtschaft : Was einig macht

Das Gerangel um die Führung des Industrieverbandes BDI belastet ein ohnehin umstrittenes Projekt: die Fusion mit der BDA zu einem wahren Spitzenverband.

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Ludolf von Wartenbergs Haupteigenschaft ist die Unauffälligkeit. Wie sich das für jemanden gehört, der von Beruf Strippenzieher ist und es weit gebracht hat. Seit Ende der 80er Jahre führt der frühere Wirtschaftsstaatssekretär die Geschäfte des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Eigentlich bis Ende des Jahres. Denn der Abkömmling einer Offiziersfamilie aus Fürstenwalde wird demnächst 65, es wird also Zeit für den Ruhestand. Oder vielleicht doch nicht.

Womöglich hängt der Preuße ein Jahr dran, um seinem Präsidenten aus der Bredouille zu helfen. Denn Jürgen Thumann hat ein großes Problem: Er findet keinen Nachfolger. Erst winkte Friedrich Merz (CDU) ab; Alt-Kanzler Gerhard Schröders Berater Bernd Pfaffenbach (parteilos) kam auch nicht durch, und schließlich wurde Unionsmann Norbert Röttgen zum Rückzug gedrängt. Unter anderem von Thumanns Vorgängern Michael Rogowski und Hans-Olaf Henkel.

Wer sollte sich noch auf den Job einlassen, als dritte oder gar vierte Wahl? Also weiter mit Ludolf von Wartenberg. Doch was wird dann aus Thumanns Lieblingsprojekt, wenn von Wartenberg mangels Alternative weitermacht? Thumann will den BDI mit der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) fusionieren. Weil er sich davon mehr Gewicht der Wirtschaft in den öffentlichen Debatten und in der Politik verspricht. Und weil wichtige Personen der Wirtschaft dafür sind. Die Chefs von Siemens, Bosch, Daimler-Chrysler und BASF zum Beispiel, aber auch Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser. Es gibt auch viele Gegner der Fusion. Manche ganz offen, wie die Verbände des Maschinenbaus, der Chemie oder Telekommunikation, andere eher verdeckt. Zur zweiten Kategorie wird auch von Wartenberg gerechnet. Öffentlich äußern will sich derzeit sowieso niemand. Der BDI muss erstmal die Röttgen-Krise verkraften und sich sammeln. Ein schwacher BDI-Präsident, das ist klar, kann kaum die Fusion gegen die Widerstände durchsetzen.

Über das Zusammengehen wird seit Jahrzehnten diskutiert. Darauf weisen gerne die BDA-Chefs Dieter Hundt und Reinhard Göhner hin und drücken sich dann um eine klare Aussage über ihre Präferenz. Göhner gilt allerdings als Befürworter und Hundt inzwischen auch – sofern eine Fusion dem langjährigen Arbeitgeberpräsidenten einen würdigen Abschied nicht verbaut.

Die Befürworter einer Fusion von BDI und BDA argumentieren, dass die Gestaltung von Arbeitsbeziehungen (BDA- Thema) und allgemeinere wirtschaftspolitische Fragen (BDI) sich zunehmend verbinden. Ferner würde eine Stimme an der Spitze der deutschen Wirtschaft mehr Gehör finden als zwei. Das ist der Punkt, der bei allen Fusionen eine Rolle spielt: Jeder schätzt sich allein als zu schwach ein. Nach und nach setzt sich bei den Unternehmensorganisationen die Erkenntnis durch, dass es ihnen nicht viel anders geht als den Gewerkschaften: Die Bedeutung schwindet. Weil das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Kompetenz der Verbände gesunken ist. Und weil die Politik immer weniger gibt auf die Wortmeldungen aus dem Haus der Wirtschaft, das sich nach dem Regierungsumzug BDI, BDA und DIHK (Deutscher Industrie- und Handelskammertag) in Berlin-Mitte gemeinsam gebaut haben, um der Politik nahe zu sein. Mit welchem Erfolg, das zeigt die Politik der großen Koalition, von der die Wirtschaft bitter enttäuscht ist.

Der Einfluss schwindet seit März 2003. Damals platzte das Bündnis für Arbeit und die institutionelle Einflussnahme auf die Politik war zu Ende. Anfangs durchaus im Sinne der Unternehmensvertreter, die sich über die Agendapolitik Schröders freuten. Und die anschließend niemals damit gerechnet hatten, dass Angela Merkel (CDU) das Gleichstellungsgesetz durchlaufen lassen und die Gesundheitsreform zu einer Beitragserhöhung führen würde. Um nur zwei Beispiele zu nennen. Also, so resümieren Fusionsfreunde, müssen sich die Verbände alles in allem neu aufstellen, um Einfluss zurückzugewinnen.

Die Gegner eines Bündnisses der Verbände stammen vor allem aus dem Mittelstand. Sie haben Angst, in einem Großverband unterzugehen. Der BDI ist heute klar auf die Industrie begrenzt. Nach einer Vermischung mit der BDA sei es aber etwa dem Mittelstand kaum noch möglich, etwa die Banken wegen ihrer restriktiven Kreditvergabe anzugreifen – denn die sitzen ja dann im selben Verband. Oder gegen Subventionen könne man nicht mehr so vom Leder ziehen, weil ja auch die Interessen des Subventionsempfängers Landwirtschaft berücksichtigt werden müssten.

Schließlich: das Geld. Wer das hat, der hat das Sagen. Mit Abstand der reichste Verband ist Gesamtmetall, bislang dominierendes Mitglied der BDA. Nach einer Fusion würde sich an der Dominanz nicht viel ändern, meinen manche, die Gesamtmetall wegen seiner pragmatischen Tarifpolitik ohnehin misstrauisch gegenüber- stehen. Und die Sorgen haben, dass die Firmen, die keinem Arbeitgeberverband angehören – und sich also nicht an Tarifverträge halten müssen –, wieder in einen solchen Verband hineingeraten könnten.

Dieser eher ideologische Punkt steht im Kern der Auseinandersetzung, zumal die finanziellen Effekte eher gering sind. Deshalb ist eine Fusion auch unwahrscheinlich. Stattdessen arbeiten die Fusionsfreunde an einem Kooperationsmodell, einer Art Dachverband mit einem Präsidenten an der Spitze. Das gab es schon einmal: 1977 war Hanns Martin Schleyer Präsident von BDI und BDA.

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