Wirtschaft : Was fehlt, ist Vertrauen

HANS-GEORG GERSTENLAUER

VON HANS-GEORG GERSTENLAUERDie Währungsunion kommt, und zwar mit einer großen Teilnehmerzahl.Daran kann nun kein Zweifel mehr bestehen.Eine gute Gelegenheit, Bilanz zu ziehen und zu fragen: Wie geht es weiter? Denn trotz aller ökonomischen Erfolgsmeldungen fehlt dem Euro noch eines: die Akzeptanz in der Bevölkerung. Daß der Euro kommt, dessen sind sich fast 90 Prozent der Bundesbürger sicher.Gleichzeitig aber spricht sich nur ein weitaus geringerer Teil der Bevölkerung für den Euro aus.Dabei widerspricht die bisherige Entwicklung der Währungsunion allen Prognosen der Euro-Kritiker: Noch vor einem Jahr war immer davon die Rede, daß kein Staat außer Luxemburg die Konvergenzkriterien erfüllt, nun hat sich gezeigt, daß fast alle Staaten ihre Euro-Reife unter Beweis gestellt haben.Allerdings wäre man schon damals bei seriöser Analyse der Wirtschaftsdaten zu diesem Schluß gekommen.Dies hat die Kommission in ihren Konvergenzberichten auch immer wieder betont. Von den Kritikern wird nun immer wieder die angeblich fehlende Stabilitätskultur einiger Mitgliedstaaten an den Pranger gestellt.Bei nüchterner Betrachtung hingegen ist auch dieses Argument zumindest fragwürdig: Seit einigen Jahren stehen die wichtigsten europäischen Währungen in einem höchst stabilen Verhältnis zueinander.Seit 1992 sanken die Budgetdefizite um die Hälfte, die Inflationsrate auf durchschnittlich 1,7 Prozent - das heißt, es gibt praktisch Preisstabilität.Mit Verabschiedung des Stabilitätspaktes verpflichten sich alle Mitgliedstaaten ausdrücklich auf einen mittelfristig ausgeglichenen Haushalt - eine Verpflichtung, die selbst die in punkto Stabilität des Euro so mißtrauischen Bayern bislang nicht erfüllen. Der Schluß liegt nahe, daß weniger mit ökonomischen Fakten, sondern nur mit Vertrauen in die neue Währung das Akzeptanzproblem gelöst werden kann.Dieses Vertrauen zu schaffen, muß nun zur vorrangigen Aufgabe aller - Politiker und Wissenschaftler gleichermaßen - werden.Dazu gehört, sich der Sorgen der Bürger wirklich - und nicht nur aus wahltaktischen Gründen oder aus Profilierungsdenken - anzunehmen.Politisch akzeptable Lösungen für den Schuldenabbau und den Abbau der Arbeitslosigkeit sind zu erarbeiten, statt in Manifesten immer wieder Ängste zu schüren und für die Verschiebung des Euro zu plädieren.Die Europäische Kommission hat hierzu längst umfassende Vorschläge vorgelegt. Angesichts leerer Staatskassen und beinahe fünf Millionen Arbeitslosen in Deutschland sind Zukunftsängste ja durchaus nicht unberechtigt.Nicht gerechtfertigt ist es aber, diese pauschal auf den Euro zu projizieren.Im Gegenteil: Hier kann die Wirtschafts- und Währungsunion heilsam wirken, denn sie zwingt alle Mitgliedstaaten, auch Deutschland, zur nachhaltigen Stabilitätspolitik.Dies muß nicht automatisch auf Kosten von Arbeitsplätzen gehen, wie immer gerne argumentiert wird.Dänemark, Irland und die Niederlande beweisen das Gegenteil.Sie haben in den vergangenen Jahren die Arbeitslosigkeit erheblich abgebaut und erwirtschaften gleichzeitig zum Teil schon Haushaltsüberschüsse. Der Euro ist unsere Investition in die Zukunft und sollte auch als Chance begriffen werden.Nachdem die wirtschaftliche Konvergenz allen Skeptikern zum Trotz erreicht worden ist, gilt es nun, Vertrauen in die neue Währung aufzubauen.Die Voraussetzungen dafür sind gut. Der Autor ist Leiter der Vertretung der Europäischen Kommission in Berlin

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