Was kostet das Klima? : Saubere Gebäude: Klimawohngeld

Ohne umfassende Sanierung der Gebäude werden die Klimaziele nicht erreicht. In Berlin will der Senat die Vermieter gesetzlich zur Nachrüstung zwingen.

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Die Berliner Wasserschutzpolizei hat ihre Dienststelle den neuesten Energiestandards angepasst und die CO2- Emissionen um 86...

Der besondere Stoff ist ein Polystyrolgranulat. Aus dem Zeug werden Schaumstoffblöcke geformt, mit denen sich wiederum Häuser wunderbar einpacken lassen. Warm vor allem. Der neue Dämmstoff ist unverzichtbar für das Null-Heizkosten-Haus. Dazu kommen Solarzellen auf dem Dach, die Strom produzieren und den ins Netz des Hauses einspeisen. Solarkollektoren an der Südseite machen das Wasser warm. Die Innenscheibe der dreifach verglasten Fenster funktioniert bei Bedarf als Heizung. Eine Be- und Entlüftungsanlage sorgt für gute Luft und nutzt die Wärme der Abluft. Alles in allem also null Heizkosten. Das ist heute schon möglich und soll in elf Jahren mehr oder weniger Pflicht sein in Europa.

Vergangene Woche verständigten sich Vertreter des EU-Parlaments und der EU-Staaten auf eine neue Richtlinie. Danach müssen private Neubauten von 2021 an und öffentliche Gebäude von 2019 an einen äußerst niedrigen Energieverbrauch aufweisen. Das ist dann das so genannte Nahe- Null-Energiegebäude. Und die Energie, die noch gebraucht wird, soll überwiegend aus erneuerbaren Quellen stammen. Auf Gebäude entfällt in den 27 EU-Staaten rund 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs. Mehr als ein Drittel der CO2-Emissionen hängt vor allem mit dem Heizen zusammen.

Das EU-Parlament wollte ursprünglich nur noch Null-Energie-Neubauten von 2019 an zulassen, doch die meisten Staaten wehrten sich gegen den früheren Termin. Der Zeitpunkt ist indes nicht der größte Makel an der neuen Gebäuderichtlinie. Umweltverbände vermissen vielmehr eine Regel für Altbauten, die für den Energieverbrauch und das Klima wesentlich relevanter sind als der nur langsam wachsende Bestand an Neubauten.

Das wird deutlich am Beispiel der Bundesrepublik. Von den rund 40 Millionen Wohneinheiten hierzulande wurden rund 31 Millionen vor 1984 gebaut und gelten als energetisch sanierungsbedürftig. Trotz eines sukzessiven Anstiegs der Sanierungsquote auf heute etwa 2,2 Prozent pro Jahr wurden erst sieben Millionen Wohneinheiten umfassend saniert. Es bleiben also noch 24 Millionen Wohnungen und Häuser.

In Berlin will der Senat mit einem Klimaschutzgesetz die Sanierung forcieren. Der erste Entwurf der Umweltverwaltung provozierte Aufruhr in der Wirtschaft, bei Vermietern und Mietervereinen. Die Wohnungsverbände rechneten die Folgen für die Mieter vor: Der im Gesetzentwurf vorgesehene Anteil von mindestens zehn Prozent erneuerbaren Energien am Jahresbedarf für Heizung und Warmwasser würde danach die Wohnkosten um rund ein Fünftel steigen lassen. Und wenn statt Solarenergie Wärmedämmung erfolgte, dann müssten sich die Mieter sogar auf Steigerungen der Bruttomiete um bis zu 50 Prozent einstellen.

Wer kann das zahlen in einer Stadt mit hunderttausenden Arbeitslosen und Hartz-IV-Empfängern? Zweifellos wird das Gesetz so nicht kommen. Zu dem Entwurf haben mehr als zwei Dutzend Verbände und Interessengruppen Stellung bezogen. Das alles wird nun in der Umweltverwaltung sortiert und sondiert, eine entscheidungsreife Senatsvorlage gibt es in diesem Jahr nicht mehr.

Der Berliner Mieterverein und der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) haben einen eigenen Vorschlag für das Gesetz entwickelt. Unstrittig ist der Ausgangspunkt: Auch der Altbestand muss energetisch saniert werden. Dazu schlagen BUND und Mieterverein ein Stufenmodell vor mit einer kontinuierlichen Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien am Wärmeenergiebedarf. Trotzdem wird die Miete steigen. „Im Idealfall, insbesondere unter Verwendung öffentlicher Fördermittel, kann diese Mieterhöhung durch die Heizkostenersparnis vollständig aufgefangen werden“, heißt es im Papier von BUND und Mieterverein. Dabei sei es mit dem Einbau solarthermischer Anlagen und der Unterstützung durch Gasbrennwertkessel am ehesten möglich, die Modernisierungs- und Sanierungskosten durch Einsparungen wieder reinzubekommen. So gebe der Solarzellenbetreiber Parabel für diverse Berliner Projekte eine durchschnittliche Energieeinsparung von gut einem Drittel an.

Die Heizungswirtschaft (VdZ) geht davon aus, dass Hausbesitzer bis zu 30 Prozent mit modernen Heizungsanlagen sparen können. Moderne Brennwertkessel nutzen bis zu 98 Prozent der eingespeisten Energie, die in Form von Öl oder Gas ins Haus kommt. 20 Jahre alte Kessel erreichen nur Wirkungsgrade von 70 Prozent. Doch trotz aller potenziellen Einsparungen „überschreiten die Belastungen wegen der oft niedrigen Haushaltseinkommen vielfach das erträgliche Maß“, schreibt der Mieterverein und empfiehlt der Politik ein „Klimawohngeld“ für Arme. Ansonsten bliebe denen nur der Umzug in eine preiswerte, nicht sanierte Wohnung.

Mitarbeit: Kevin Hoffmann

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