Wirtschaft : Was wollen die Chinesen? Die Schweden sehen den Volvo-Verkauf mit Skepsis

André AnwarD
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Foto: dpaImaginechina

Stockholm - Es ist eine sonderbare Zeit für Schwedens Autoindustrie. Auf den Titelseiten der Zeitungen werden die weltbekannten und von Patrioten gar mit der Nationalflagge des Landes gleichgesetzten Automarken Saab und Volvo mit chinesischer Schrift karikiert. Der US-Konzern General Motors (GM) hat ganze Saab-Modelle an den chinesischen Autobauer BAIC verramscht. Ob der Rest nach einer ersten Ankündigung aus Detroit, die Tochter Saab völlig abzuwickeln, nun doch an den holländischen Sportwagenhersteller Spyker geht, soll in diesen Tagen entschieden werden.

Fast zeitgleich vermeldete der bisherige Volvo-Eigentümer Ford, dass der Verkauf seiner schwedischen Tochter für geschätzte 1,4 Milliarden Euro an den privaten chinesischen Autohersteller Geely weitgehend geklärt sei. Noch in der ersten Jahreshälfte 2010 soll Volvo chinesisch werden. „Bei allen entscheidenden geschäftlichen Bedingungen für den potenziellen Verkauf der Volvo Car Corporation herrscht Einigkeit“, hieß es in einer Verlautbarung, auch wenn die Finanzierung und die Zustimmung der schwedischen Regierung noch nicht ganz geklärt sei.

Die Volvo-Beschäftigten, Zulieferer, Gewerkschaften und Politiker reagierten verhalten. „Ich finde Geely schlimm“, sagte Volvo-Gewerkschaftssprecher Sören Carlsson. Branchenexperten unterstreichen, dass Geely bislang qualitativ minderwertige Autos für den asiatischen Markt herstellt. Beim Kauf der Qualitätsmarke gehe es vor allem um das technische Know-how, das dann auch in Geely-Autos eingebaut werden könne, um diese längerfristig auch für westliche Märkte tauglich zu machen, sagt etwa der schwedische Branchenexperte Jacques Wallner. Um Volvo selbst weiterzuentwickeln, wäre ein westlicher Konzern mit technischem Wissen besser gewesen.

Lieferanten von Volvo, die nicht selten mit Spitzentechnik arbeiten, könnten mittelfristig ihre Lieferungen einstellen, damit ihre Technik nicht in China kopiert wird. Auch eine Verlagerung der Produktion von Schweden nach Fernost gilt in einigen Jahren als wahrscheinlich. Geely hat sich offen zum Bau von Volvo-Werken in China bekannt. Das macht auch Sinn, um gerade den chinesischen Markt beliefern zu können. Aufgrund der enormen Potenziale des chinesischen Marktes könnte das bisherige Hauptwerk von Volvo im südschwedischen Trollhättan trotzdem als westliche Produktionsstätte und vor allem als Entwicklungseinheit überleben. „Es ist aber grundsätzlich noch immer unsicher, was Geely eigentlich will“, so Wallner.

Optimisten betonen dagegen die Chancen, die der chinesische Eigentümer mit sich bringt. Mit dem zollfreien Zugang zum chinesischen Markt könnten die Verkaufszahlen von Volvo verdoppelt werden. Die bürgerliche Regierung in Stockholm wie auch die sozialdemokratische Opposition begrüßen den Einstieg der Chinesen vorsichtig. Und selbst die Gewerkschaftsspitze zeigt sich vorsichtig positiv. Dass der bislang inoffizielle Kaufpreis nur noch bei 30 Prozent der Summe liegt, die Ford vor zehn Jahren für Volvo auf den Tisch legen musste, macht schließlich auch den äußerst desolaten Zustand der Automarke Volvo und die wenigen Alternativen, die es ansonsten für sie gibt, deutlich. André Anwar

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