Wirtschaft : Washingtons Masterplan „Schönheit statt Traufhöhe“

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Die Stadt Washington führte jahrelang die Kriminalitätsstatistik der Vereinigten Staaten an: Ganze Viertel lagen brach – die Regierungsbeamten verließen abends die Stadt, um zu ihren Häusern im Umland zu flüchten. 1995 wurde dies dem damaligen US-Präsidenten Bill Clinton zu bunt, und er gründete die „Financial Responsibility and Management Assistance Authority“. Die Aufgabe dieser Aufsichtsbehörde war vor allem, den Etat der bankrotten Hauptstadt zu konsolidieren.

„Wir haben den Lokalpolitikern die Macht entzogen“, erzählt Joyce Ladner, die bis 1998 im Vorstand der Behörde war und heute bei der angesehenen Denkfabrik Brookings arbeitet. Zusammen mit ihren Kollegen hat sie zunächst Tausende von städtischen Angestellten entlassen, dafür aber das Polizeiaufgebot erhöht, um die Straßen wieder sicherer zu machen. Die neuen Kontrolleure haben zudem die Aufsicht über das Ausschreibungsverfahren der Stadt übernommen, in dem laut Ladner zuvor städtische Angestellte häufig Freunden Aufträge zugeschanzt hatten.

Die neue Behörde setzte heruntergekommene Schulen wieder in Stand und holte mittels großzügiger Gehälter neue, engagierte Lehrer in die Stadt. „Schulen haben Priorität, wenn man in einer Stadt was bewegen will – sonst kommen keine Familien“, erklärt Ladner. Ergebnis: Bereits nach wenigen Jahren verzeichnete die US-Hauptstadt Haushaltsüberschüsse und die Aufsichtsbehörde wurde 2001 abgeschafft.

Auch ohne Aufsichtsbehörde päppelt die Stadt derzeit verelendete Viertel auf. Das eindruckvollste Beispiel ist eine Gegend, die Teil eines „Masterplans“ der Stadtverwaltung ist. Darin ist festgelegt, welche Mieter in dem Viertel angesiedelt werden sollen. Sie werden dann mittels massiver Anreize dorthin gelockt. So hat etwa das Goethe-Institut in Washington einen Teil seiner Räume jahrelang mietfrei genutzt, weil der Masterplan eine bestimmte Fläche des Gebäudes für kulturelle Zwecke vorsah.

Den Anfang des Wiederbelebungsexperiments machte ein Sportstadion, das MCI-Center – benannt nach einem Telekomanbieter. Ein privater Investor hat das 20 000 Plätze umfassende Stadium 1997 in die Gegend gebaut, die damals zu den gefährlichsten der Stadt gehörte. „Als ich 1997 dorthin kam, haben mir zwei Männer eine Pistole an die Stirn gehalten und wollten mein Geld“, erinnert sich Werner Ott, Chef des Goethe-Instituts in Washington, das seinen Sitz nahe dem Stadion hat. Die MCI-Verwaltung engagierte jedoch ein massives Aufgebot an Sicherheitskräften, das pünktlich zum ersten Spiel in der Halle durch die umliegenden Straßen patroullierte. Seitdem hat sich die Gegend komplett gewandelt: Heute finden sich dort Galerien, Restaurants, Museen und viele schicke Apartmenthäuser.

Die öffentliche Hand fungiert in Washington als Vorreiter für ähnliche Initiativen von Privatinvestoren: So „erobern“ Hausbesitzer momentan nach und nach ganze Straßenzüge zurück, die nach den Rassenunruhen in den 60er Jahren oftmals bis heute verwahrlost geblieben sind. Sandra Louven

Von Carsten Brönstrup,

Dieter Fockenbrock

und Ursula Weidenfeld

Endlich klappt es. Mitten in Berlin, am Alexanderplatz, wachsen bald imposante Hochhäuser in den Himmel, wie sie auch in anderen wichtigen Städten stehen. Das zumindest haben Investoren diese Woche Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) versprochen. In zehn Jahren sollen die Wolkenkratzer laut Vertrag fertig sein. Einen Termin für die Grundsteinlegung gibt es zwar noch nicht, aber, so findet Strieder, „der Alexanderplatz bietet beste Voraussetzungen für erfolgreiche Investitionen“, die Bagger könnten bald anrücken.

Neue Häuser für eine neue Stadt – davon können andere Problemviertel nur träumen. Die Geldnot des Landes, die Wirtschaftskrise und die Massenarbeitslosigkeit führen dazu, dass die sozialen Probleme Berlins wachsen. Nicht nur Stadtteile wie Neukölln oder Wedding, auch Viertel wie Schöneberg oder Prenzlauer Berg, die lange als stabil galten, kämpfen mit Verelendung. „Soziale Segregation“ nennen das Fachleute wie Karl Brenke, Berlin-Forscher beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) – die Kluft zwischen Arm und Reich wächst. „Das bedroht die Zukunft der Stadt“, warnt er.

Als wäre die nicht schon düster genug. Zwölf Jahre nach dem Mauerfall dümpelt die Wirtschaft noch immer vor sich hin. Unter dem Strich ist sie seit 1991 um nicht einmal ein Prozent gewachsen – während in Gesamtdeutschland das Bruttoinlandsprodukt um fast 16 Prozent stieg. Berlin ist trotz Hauptstadt-Faktor und Regierungsumzug keine pulsierende Metropole. „Erst ab 2005 wird Berlin mit dem Rest der Republik gleichziehen“, sagt Heinz Grimm, Chefvolkswirt der Bankgesellschaft Berlin. Schuld an der Agonie ist der tiefe Strukturwandel der Wirtschaft, die noch immer unter den Folgen der Teilung leidet. Jeder zweite Arbeitsplatz in der Industrie ist seit 1991 weggefallen. Neue, große Investoren sind nicht in Sicht. Zukunftsträchtige Dienstleister, bei denen neue Arbeit entstehen könnte, gibt es noch zu wenige, obwohl seit der Wende 111000 Stellen in diesem Bereich entstanden sind. Folge: Jeder sechste Erwerbsfähige in der Hauptstadt ist ohne Job.

Vom Land ist keine Hilfe zu erwarten – das hat selbst kein Geld. Bald wird Berlin mit 16000 Euro die höchste Pro-Kopf-Verschuldung aller Bundesländer haben, hat das DIW berechnet. Überall muss der Senat sparen – und tut das auch an falscher Stelle. „Die Einsparungen bei den Investitionen werden dazu führen, dass die Infrastruktur verfällt und sich die Aussichten weiter eintrüben“, warnt DIW-Experte Brenke. Aufbruchstimmung hat der rot-rote Senat seit dem Amtsantritt nicht verbreitet. Der Verkauf der Bankgesellschaft, Schlossplatz, Flughafen – wichtige Entscheidungen stehen aus. Immerhin bei der Wirtschaftsförderung, seit langem als zu zersplittert, ineffizient und bürokratisch kritisiert, tut sich was. „Bis September soll es ein Konzept geben“, verspricht Wirtschaftssenats-Staatssekretär Volkmar Strauch. „Anfang 2003 wird das neue Amt loslegen.“

Auf die Förderer wartet viel Arbeit. Sie müssen das Verlierer-Image der Stadt wandeln, und sie müssen neue Wege in der Wirtschaftspolitik gehen. Jobs werden vor allem in den Bereichen Wissenschaft, Forschung, Kultur und damit verbundenen Dienstleistungen entstehen, erwartet das DIW.

Auch Boris Maurer von der Unternehmensberatung McKinsey empfiehlt der Stadt, sich auf ihre Kerne zu konzentrieren - Tourismus, Medien, optische Elektronik. Dies sei der erste Schritt eines Vier-Punkte-Plans für den Weg aus der Krise. „Zweitens brauchen wir Leitfiguren“, findet Maurer. Der Regierende Bürgermeister müsse dafür stehen, „dass wir in zehn Jahren 400000 neue Arbeitsplätze haben“. Neben einer besseren Wirtschaftsförderung verlangt Maurer, dass Berlin eine Modellstadt für Innovationen auf dem Arbeitsmarkt wird. Hier werde jährlich eine halbe Milliarde Euro für Qualifizierung ausgegeben. Das sei schlecht investiertes Geld, weil es in Berlin zu wenig Stellen mit entsprechenden Anforderungen gebe.

Doch die Zukunft wird nicht nur von den Wirtschaftspolitikern gemacht. „Gegen soziale Probleme in den Stadtteilen können die Menschen selbst etwas tun“, sagt Rolf-Dieter Löhr, Vizechef des Deutschen Instituts für Urbanistik. „Oft reicht es, wenn sich Bürger, Kleinunternehmen und Verwaltung eines Viertels an einen Tisch setzen“, rät er. Dazu gehöre auch das Quartiers-Management. Solche Projekte laufen derzeit in 15 Berliner Kiezen.

Auch Stadtplaner und Architekten müssen umdenken. Das jedenfalls findet der Direktor der Stiftung Bauhaus-Archiv in Dessau, Omar Akbar. Ein Neuanfang für Berlin wäre schon gemacht, „wenn wir über Schönheit diskutieren würden statt über Traufhöhen“. Wer derzeit Aus-, Umbauten oder einen neuen Balkon plane, werde von der strengen Berliner Bauordnung gebremst, sagt Akbar. Folge: Wer es sich leisten kann, verlasse ein Viertel und ziehe in die Vorstadt. „Die Stadtentwicklung muss entideologisiert werden“, fordert er. Wie am Alexanderplatz – aber früher als 2012.

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