Wirtschaft : Wasserbetriebe bald als Holding an der Börse?

Privatisierungsdebatte in der Sackgasse: BWB-Chef Bertram Wieczorek plädiert für einen dritten Weg und lehnt Betreibermodell ab BERLIN.Das Tauziehen um die Zukunft der Berliner Wasserbetriebe (BWB), des neuen Privatisierungs-Zankapfels des Berliner CDU/SPD-Senats, geht in eine neue Runde.Während SPD-Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing für ein Betreibermodell plädiert, bei dem zum Beispiel ein ausländischer Wasserkonzern für das zwanzigjährige BWB-Management mehrere Milliarden DM berappen soll, kämpfte CDU-Wirtschaftssenator Elmar Pieroth bisher für die Umwandlung der Anstalt des öffentlichen Rechts in eine Aktiengesellschaft (AG) und den späteren Börsengang.Beide Varianten stoßen allerdings auf den erbitterten Widerstand der Gewerkschaft ÖTV. Um die Debatte aus der Sackgasse zu befreien, plädiert BWB-Vorstandsvorsitzender Bertram Wieczorek jetzt für einen - auch im Hause Pieroth angeblich mit Sympathie bedachten - dritten Weg, wie er in einem Gespräch mit dem Tagesspiegel erläuterte: Die Schaffung einer BWB-Holding in Form einer AG, an der sich ein Privatinvestor mit bis zu 49 Prozent beteiligen kann.Unter das Holdingdach soll nach Wieczoreks Plänen zum einen das auch künftig in der Anstalt öffentlichen Rechts gebündelte Kerngeschäft (Umsatzanteil 1997: etwa 1,95 Mrd.DM) in Berlin aufgehängt werden, und das sogenannte Wettbewerbsgeschäft im Um- und Ausland (Umsatzanteil 1997: etwa 300 Mill.DM) will der BWB-Chef in einer weiteren Tochtergesellschaft zusammenbinden.Die neue Unternehmensstruktur mit der Trennung von Kern- und Wettbewerbsgeschäft soll bereits in den nächsten Wochen in die Wege geleitet werden.Die Holding könnte nach Wieczoreks Einschätzung schon binnen sechs Monaten börsenreif gemacht werden, so daß noch für dieses Haushaltsjahr der Verkaufserlös des 49-Prozent-Pakets eingeplant werden könnte.Kaufinteressenten, sowohl aus der Wasserbranche als auch aus dem Finanzsektor, gibt es nach seinen Angaben mehr als genug. Wieczorek ist davon überzeugt, daß sein Modell das einzig realisierbare und sinnvolle ist.Er sieht ein, wie er betonte, daß das chronisch finanzschwache Land Berlin dieses Jahr einen Beitrag der Wasserbetriebe zur Sanierung der Landesfinanzen in Höhe von mindestens zwei Mrd.DM erwartet.Er glaubt aber nicht, daß es gelingen kann, eine wie auch immer geartete Privatisierung gegen die Gewerkschafter durchzusetzen.Wieczorek: "Wir brauchen eine Konsenslösung.Was wir nicht brauchen, das ist ein neuer Betreiber der Wasserbetriebe." Es hat den BWB-Chef und viele seiner Mitarbeiter in den letzten Monaten offenkundig tief gekränkt, daß der Senat nicht nur einen finanzkräftigen Käufer für die BWB suchte, sondern auch einen, der den Wasserbetrieben durch Know How-Transfer technologisch und unternehmerisch einen zusätzlichen Modernisierungs- und Produktivitätsschub geben sollte.Dies haben die inzwischen weltweit tätigen und gefragten BWB in Wieczoreks Augen nicht nötig: "Wir machen das Geschäft seit 140 Jahren.In Budapest arbeiten wir zum Beispiel mit dem Wasserkonzern General des Eaux zusammen und haben den Eindruck, daß die Franzosen technisch viel von uns gelernt haben." Einem Betreiber, der für die zwanzigjährige Führung der Wasserbetriebe jetzt einen hohen Milliardenbetrag zahlen müsse, bleibe nichts anderes übrig, als "auf Verschleiß zu fahren", um eine Rendite zu erwirtschaften.Dies könne weder der Wasserver- und entsorgungsinfrastruktur noch der Wasserqualität gut tun.Wieczorek: "Wie wäre unser Erfolg im Ausland zu erklären, wenn wir kein Know How hätten?" Auch bei der inneren Umstrukturierung der Wasserbetriebe glaubt der amtierende Vorstand seine Sachkenntnis unter Beweis gestellt zu haben.Zum einen hätten die BWB aufgrund gesetzlicher Anforderungen ein riesiges Investitionsprogramm umsetzen müssen, das in den nächsten Jahren weitere fünf Mrd.DM verschlinge, erklärte Wieczorek.Andererseits sei in den letzten Jahren der Wasserverbrauch und damit der Umsatz drastisch gesunken - bei den Privatverbrauchern um 7,5 Prozent, im gewerblichen Bereich um 34 Prozent.Vier Wasserwerke seien bereits stillgelegt oder geschlossen worden.Bis Ende dieses Jahres werde der Beschäftigungsabbau um 1000 auf knapp 6000 Personenjahre komplettiert.Zur Kostensenkung hätten ein drastisches Zurückfahren des Investitionsprogramms und die Neustrukturierung der Fremdmittelaufnahme beigetragen. Daß sich der Wasserpreis seit 1991 dennoch fast verdoppelt hat, führt Wieczorek darauf zurück, daß 70 Prozent der Ausgaben Fixkosten sind, die kaum zu beeinflussen sind.Hinzu komme die seit 1992 auf über 360 Mill.DM pro Jahr vervierfachte Abführungspflicht an den Senat, die sich aus Eigenkapitalverzinsung, Grundwasserentnahmeentgelt, Abwasserabgabe und Steuern zusammensetzt.Bei der Wasserpreis-Steigerung von 1991 bis 1996 um 1,92 DM gehen nach BWB-Angaben 80 Pfennig auf das Konto der zusätzlichen Belastungen durch das Land Berlin, beim Abwasserpreis 31 Pfennig der Steigerung um 2,26 DM. Spuren wird in der diesjährigen BWB-Kostenrechnung auch der umstrittene Senatsbeschluß des letzten Jahres hinterlassen, das BWB-Stammkapital um eine Mrd.DM zu reduzieren.Dieses Jahr, so Wieczorek, würden die Fremdfinanzierungskosten daher um 60 bis 70 Mill.DM steigen.Dies mache etwa 24 Pfennig des Wasserpreises aus.An eine weitere Erhöhung des Berliner Wasserpreises sei in den nächsten drei Jahren dennoch nicht gedacht, da diese Zusatzbelastung zunächst durch Rationalisierungen aufgefangen werden solle.HERMANN-J.KNIPPER

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