Wirtschaft : Wechsel der Krankenkasse: Schnell tausend Mark sparen

Jörg Knospe

Auf die Billiganbieter im Lager der gesetzlichen Krankenversicherung sind die Ersatzkassen nicht gut zu sprechen. Preisgünstige Betriebskrankenkassen, die jedermann offenstehen, kanzeln sie als "Rosinenpicker" und "Yuppie-Kassen" ab. Tatsächlich werden überwiegend Beitragszahler unter 45 Jahren abtrünnig, Kranke und Rentner hingegen selten. Nach den Ortskrankenkassen verlieren nun auch die Angestellten-Ersatzkassen zusehends Mitglieder. Beitragssätze von 13,8 und über 14 Prozent verleiten zum Wechsel zur Konkurrenz, die oft weniger als zwölf Prozent verlangt. Mit höheren Leistungen können die teuren Anbieter nicht glänzen. Deren Umfang hat der Gesetzgeber festgelegt. Für Extras gibt es kaum Spielraum, von Mütterkuren und Impfungen einmal abgesehen. Die etablierten Großen unterhalten einen teuren Apparat. Doch der Service über ein dichtes Netz von Geschäftsstellen ist nicht zwangsläufig besser als über Telefon und Post.

Dank der günstigen Beitragssätze der Betriebskrankenkassen (BKK) sparen Arbeitnehmer und Arbeitgeber jährlich rund zwei Milliarden Mark, hat der BKK-Bundesverband errechnet. Im nächsten Jahr könnte es sogar mehr werden, wenn der Zulauf anhält. Dafür spricht, dass sie die Beiträge in der Regel stabil halten. Zwei Billiganbieter haben sie kürzlich sogar gesenkt. So verlangt die BKK Esso in Hamburg nur noch 11,8 und die BKK Taunus 11,9 statt 12,4 Prozent zum Jahresbeginn 2000. Zum 1. September will die BKK Mittelhessen im Westen auf 11,9 Prozent runtergehen (Ost: 11,7). Alle drei sind bundesweit tätig, ebenso mit jeweils 11,9 Prozent die BKK Zollern-Alb und die BKK für Heilberufe. Mit dem gleichen Satz begnügt sich die BKK für steuerberatende Berufe in Bocholt und die BKK Pfalz in Ludwigshafen. Wer in Brandenburg wohnt oder arbeitet, kommt bei der BKK Mittelhessen in Wetzlar mit 11,7 Prozent davon. Noch günstiger fahren Ostdeutsche mit der BKK Neun Plus in Hannover und der BKK Philipp Holzmann AG in Neu-Isenburg. Allerdings hört die Spaltung der Sozialkassen in Ost und West Anfang 2001 auf. Dann ist mit höheren Sätze für die neuen Bundesländer zu rechnen.

Mit der Einkommenshöhe steigt bei günstigen Kassen die Ersparnis. Von 5000 Mark Bruttoverdienst zwacken sie bei einem Satz von 13,8 Prozent monatlich 690 Mark Beitrag ab. Die Hälfte übernimmt der Arbeitgeber. Wer ein Institut mit 11,9 Prozent wählt, zahlt jedoch nur 595 Mark - über das Jahr gerechnet eine Differenz von 1140 Mark. Bei höherem Einkommen springen leicht über 2000 Mark heraus. Dies kann sich auch für Versicherte teurer Betriebskrankenkassen lohnen. So verlangt die BKK Berlin mit 14,8 Prozent mehr als alle Schwesterninstitute.

Der Wechsel ist also keine Einbahnstraße von AOK, Barmer oder DAK zu den Betriebskrankenkassen. Auch innerhalb der rund 330 Firmenableger nutzen Mitglieder die seit 1996 bestehende Wahlfreiheit. Der Wettbewerb der Kassen ist politisch gewollt, er soll alle Anbieter zwingen, wirtschaftlicher zu arbeiten. Für eine Balance zwischen jungen und gesunden sowie alten und kranken Versicherten sorgt der so genannte Risikostrukturausgleich. In diesen Solidartopf zahlen die Werkskassen viel Geld ein - 1999 waren es fast fünf Milliarden Mark, in diesem Jahr werden es voraussichtlich sieben Milliarden sein. Ohne diesen Transfer wären viele junge Kassen noch attraktiver. Auch die Ersatzkassen könnten - als Hauptzahler - billiger sein.

Vor einem Wechsel sollte man sich auf jeden Fall Informationsmaterial schicken lassen und nach Satzungs- und Wahlleistungen fragen. Bei den gesetzlichen Krankenversicherungen besteht Aufnahmezwang. Niemand darf abgewiesen werden, egal wie alt oder krank er ist. Seiner Kasse darf man nach zwölfmonatiger Zugehörigkeit kündigen, bei Jobwechsel sofort. Ein formloser Brief genügt. Pflichtversicherte dürfen auf keinen Fall den 30. September verpassen, sonst bleiben sie auch ab 1. Januar 2001 bei der alten Kasse versichert. Freiwillig Versicherte - ab 77 400 Mark Einkommen in West- und 63 900 Mark in Ostdeutschland - sowie Selbstständige stehen unter keinem Termindruck. Zwei Monate nach dem Kündigungsmonat beginnt die neue Liaison.

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