Weckruf des Spekulanten Soros : Deutschland soll zahlen - oder den Euro aufgeben

George Soros ist unzufrieden. Mit der Politik der Euro-Länder und mit Angela Merkel. In Berlin redet er über die "Tragödie der Europäischen Union" und seine Lösung der Krise.

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Alt und kämpferisch: George Soros im Berliner "Palais am Festungsgraben"
Alt und kämpferisch: George Soros im Berliner "Palais am Festungsgraben"Foto: AFP

Eine einzige beruhigende Nachricht hatte George Soros für die Bundesregierung und die Euro-Krisenmanager dabei: „Ich würde derzeit nicht spekulieren“, sagte der legendärste aller lebenden Spekulanten am Montagabend in Berlin. Das allerdings war schon alles an Beruhigung, was Soros derzeit zu bieten hat. Der 82-Jährige, der in den 90er Jahren milliardenschwer auf den Niedergang des britischen Pfunds und der D-Mark wettete, widmet sich inzwischen seinen Stiftungen und dem auf 14,5 Milliarden Dollar geschätzten Privatvermögen.

Das professionelle „Wettgeschäft“ überlässt er anderen. Stattdessen geht Soros hart ins Gericht mit Angela Merkel, der Bundesbank und den – nach seiner Auffassung – kapitalen Fehlentscheidungen in Berlin und Brüssel, die zu einer Eskalation der Euro-Schuldenkrise geführt haben. Soros warnt: „Es muss etwas geschehen.“

„Die Tragödie der Europäischen Union“ überschreibt er seine Berliner Rede, die er im Palais am Festungsgraben hält. Eine Tragödie „wahrhaft historischen Ausmaßes“, die aus Missverständnissen und dem „schieren Mangel an Erkenntnis“ bestehe. Während die deutsche Öffentlichkeit nämlich glaube, Deutschland werde zu Unrecht für die Sünden Griechenlands, Spaniens oder Italiens zur Kasse gebeten, habe die Bundesregierung alles getan, um Europa in die Depression zu treiben.

„Nicht nichts“ habe Berlin unternommen, um den Euro zu retten, sagt Soros, aber es sei immer nur das Minimum gewesen. „Zu wenig“, findet der Finanzprofi. „In Wirklichkeit schieben die Gläubiger die gesamte Verantwortung der Anpassung auf die Schuldenländer und umgehen damit ihre eigene Verantwortung für die Ungleichgewichte.“ Mit dieser Strategie der immer drastischeren Spardiktate für die Schuldenländer werde das Loch, in dem die Eurozone sitze, aber nur noch tiefer gegraben. Soros' radikale Empfehlung: Das wirtschaftlich starke Deutschland müsse in Europa jetzt „zum wohlwollenden Hegemon werden“ - oder den Euro verlassen. „Anders gesagt: Deutschland muss führen oder austreten.“ Andernfalls werde Europa nicht aus seinem Alptraum erwachen.

Leicht gesagt, doch welche Instrumente bleiben dem „Hegemon“, wenn er mit einem Austritt keinen politischen Schock und schwere wirtschaftliche Turbulenzen auslösen will? Die Skepsis des Publikums im sommerlich aufgeheizten Palais ist am Dienstag spürbar. Multimilliardär Soros plädiert für den von den „Wirtschaftsweisen“ vorgeschlagenen Altschuldentilgungsfonds, um langfristig wieder gleiche Bedingungen für Gläubiger und Schuldner in der Eurozone zu schaffen.

Die Überschuldung in den „Peripherieländern“ müsse zugleich mit mehr Wachstum abgebaut werden. Dies erfordere vorübergehend auch eine höhere Inflation. Der Bundesbank wirft Soros Einäugigkeit vor, wenn sie lediglich vor den Gefahren der Geldentwertung warne. Das Problem der mangelnden politischen Legitimation der Interventionen der Europäischen Zentralbank sieht auch Soros. Um so dringender sei es, dass eine europäische Finanzbehörde geschaffen werde, die berechtigt sei, Entscheidungen im Namen der Euro-Mitgliedsländer zu treffen.

Gefragt nach den Führungsqualitäten Angela Merkels, wird Soros nachdenklich. Die Bundeskanzlerin habe ein gutes Gespür für die öffentliche Meinung und sie sei „eine geschickte Politikerin, die weiß, wie man Gegner auseinanderdividiert“. Gefragt sei aber jetzt etwas anderes: „Die Öffentlichkeit muss überzeugt werden.“ An dieser Stelle klingt Soros fast düster: Angela Merkel verstehe die Finanzwelt nicht richtig. „Sie selbst hat wohl keine Vision von der Zukunft des Euro.“

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