Wirtschaft : Weibliche Aufsichtsräte verzweifelt gesucht

Sonst droht norwegischen Firmen das Aus

Dagmar Dehmer

Oslo - Nina Solli vom norwegischen Unternehmerverband NHO schimpft pflichtgemäß. Natürlich halte der NHO die 40-Prozent-Quote für Frauen in den Aufsichtsräten der in Oslo gelisteten Aktiengesellschaften für schlecht. Aber sie kann sich ein Lächeln nicht verkneifen, wenn sie fortfährt: „Aber jetzt haben wir wirklich eine große Nachfrage nach unseren Kursen.“ Der NHO bietet schon seit Jahren Kurse für Frauen an, die von ihren Unternehmen als weibliche Führungskräfte aufgebaut werden sollen. Und aus diesem Reservoir bedienen sich nun auch die Unternehmen, die händeringend nach weiblichen Aufsichtsratsmitgliedern suchen.

Denn bis zum 1. Januar 2008 müssen die 517 Aktiengesellschaften mindestens 40 Prozent ihrer Aufsichtsratssitze mit Frauen besetzen. Tun sie das nicht, laufen sie Gefahr, „aufgelöst zu werden“, sagt die Ministerin für Kinder und Gleichstellung Karita Bekkemellem. Allerdings denkt sie, dass die meisten Firmen die Vorgabe wohl schaffen werden. Bis Anfang Oktober hatten 60 Prozent sie schon erfüllt.

Zweieinhalb Monate habe ihre Regierung gebraucht, um das Gesetz im Parlament durchzubringen, berichtet Bekkemellem. Dabei baute sie auf der Erfahrung der Firmen in öffentlichem Besitz auf, die schon seit 2004 ihre Aufsichtsräte zu mindestens 40 Prozent mit Frauen besetzen müssen und diese Vorgabe inzwischen alle erfüllen. Für Bekkemellem ist das neue Aktiengesetz vor allem ein Beitrag zur Demokratie in Norwegen. Schließlich würden noch immer nur 19 Prozent der Firmen von Frauen geführt – ein Wert, mit dem Norwegen in Europa allerdings führend ist. Bevor das Gesetz verabschiedet war, gehörten den Aufsichtsräten 18 Prozent Frauen an. Bekkemellem sagt: „Wenn die Konzernlenker nicht verstehen wollen, was ihr Bestes ist, dann muss die Politik eben die Führung übernehmen und sie beim Schlips packen.“ Aus ihrer Sicht bedeuten Frauen im Aufsichtsrat „einen Wertzuwachs für die Unternehmen“.

Bekkemellems Kollege, der norwegische Außenminister Jonas Gahr Störe, sagte dem Tagesspiegel am Sonntag, dass die Firmen, „sich bewusst sein sollten, dass sie das Risiko eingehen, aufgelöst zu werden“. Störe sagte: „Wenn Firmen diese Vorgabe nicht erfüllen, verstoßen sie gegen das Gesetz. Aber sie haben noch bis zum Ende des Jahres, um weise Entscheidungen zu treffen.“

Nina Solli vom NHO berichtet, dass die Debatte die Verhältnisse in den Unternehmen bereits dramatisch verändert habe. In Norwegen sei es inzwischen normal, dass Frauen oder Männer, die Kinder haben, den Arbeitsplatz spätestens um 17 Uhr verlassen, damit es zu Hause ein gemeinsames Abendessen gibt und die Kinder rechtzeitig aus den Tagesstätten und Horten abgeholt werden können. Es ist „normal, dass die Mütter und Väter am späten Abend von zu Hause aus weiterarbeiten, wenn das nötig ist“, berichtet auch der Leiter des Osloer Büros des Finanzunternehmens Optimum, Oddleif Hatlem.

Das norwegische Statistikamt gibt diesen Beobachtungen recht. Die wöchentliche Arbeitszeit von norwegischen Managerinnen beträgt 37 Stunden, die von Managern 41. Zu diesen Arbeitsbedingungen mag allerdings auch beigetragen haben, dass in Norwegen nahezu Vollbeschäftigung herrscht. „Wir brauchen jede Arbeitskraft“, sagt Karita Bekkemellem. Dagmar Dehmer

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