Wirtschaft : Weihnachtseinkauf als Horrortrip

Dagmar Rosenfeld

Leonie ist vier Jahre alt, hat dunkelblonde Locken, große braune Kulleraugen und wenn sie lacht, sieht sie herzallerliebst aus. Doch Leonie kann auch anders: Schlagartig verwandelt sich das niedliche Mädchen in einen schreienden Quälgeist, der Vater und Mutter den letzten Nerv raubt. Dieser Sinneswandel ist bei Leonie besonders häufig in der Schlange an der Supermarktkasse oder vor den Warenregalen in Kaufhäusern zu beobachten.

So auch an diesem ersten Adventssamstag, als Leonies Eltern ihre Weihnachtseinkäufe erledigen wollen. Beide sind berufstätig und daher bleibt ihnen zum gemeinsamen Geschenkeeinkauf nur der Samstag. Da der Kindergarten am Wochenende geschlossen ist und Leonies Großeltern nicht in Berlin leben, haben die Eltern keine andere Wahl, als ihre vierjährige Tochter mit auf Shopping-Tour zu nehmen.

Allerdings geht das nicht lange gut. Im Kaufhaus fängt Leonie schon auf der Rolltreppe an zu quängeln, weil sie lieber zu den Spielzeugregalen und nicht zu den Herrenmänteln will. In der Porzellanabteilung weigert sie sich anschließend, an der Hand ihrer Mutter zu bleiben. Und bei den Hifi-Geräten ist es dann mit Leonies Geduld endgültig vorbei. Nachdem ihr Vater sie ermahnt hat, nicht an den Stereoanlagen rumzuspielen, brüllt Leonie los. Tränen kullern ihre Wangen herunter. "Sie haben die Kleine wohl nicht im Griff", bemerkt ein Verkäufer mit vorwurfsvollem Blick. Beschämt versucht die Mutter, ihr Kind zu beruhigen. Aus den Lautsprechern dudelt "Oh du Fröhliche", doch Leonies Eltern ist die Einkaufsfreude vergangen.

Für viele Familien wird alle Jahre wieder der Weihnachtseinkauf zum Horrortrip. Denn offenbar hat der Handel kein besonders großes Herz für Kinder und ihre Eltern. Nach Serviceangeboten, die den Einkauf mit kleineren Kindern leichter machen, muss man in deutschen Kaufhäusern und Supermärkten lange suchen. Kein Wunder, dass über 50 Prozent der Eltern das Gefühl haben, ihre Kinder würden in Geschäften als Störung angesehen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie österreichischer Soziologen über die Familienfreundlichkeit der Wirtschaftstreibenden. Ganz oben auf dem Wunschzettel der Eltern an den Einzelhandel steht eine Kinderbetreuung durch geschultes Personal in den Geschäften. Fast 70 Prozent würden laut Studie eine solche Einrichtung in Anspruch nehmen.

Abenteuerspielplatz zur Beruhigung

Die Hallen am Borsigturm in Berlin-Tegel lassen diesen Elterntraum jetzt wahr werden: Neben 129 Geschäften, Kino und Bowlingbahn beherbergt das Einkaufscenter seit wenigen Wochen Deutschlands größten Indoor-Spielplatz. Auf 1200 Quadratmetern wartet auf den Nachwuchs das große Abenteuer. Klettergerüste müssen erklommen und Hängebrücken bezwungen werden, um zur Attraktion des Spieleparadieses zu gelangen - eine fast fünf Meter hohe spiralförmige Rutsche. 1,1 Millionen Mark hat die Playtime Magic GmbH in den Spielplatz der Superlative investiert. Schließlich mussten höchste Sicherheitsstandards und eine Reihe behördlicher Auflagen erfüllt werden.

Die gigantische Anlage bringt nicht nur Kinderaugen zum Leuchten, sondern zaubert auch ein Lächeln auf Elterngesichter. Denn hier toben die Kleinen unter Aufsicht. "Wir beschäftigen fünf ausgebildete Erzieher, die die Kinder betreuen", sagt Geschäftsführerin Juliane Averesch. Väter und Mütter können also in aller Ruhe ihre Einkäufe erledigen, während der Nachwuchs ausgelassen spielt. "Mit den üblichen Spielecken in Kaufhäusern und Supermärkten ist unser Angebot nicht zu vergleichen", sagt Juliane Averesch. Tatsächlich bieten die meisten Geschäfte ihren jüngsten Kunden nicht mehr als ein paar Bälle, Malblöcke und Zeichentrickfilme vom Videoband. Doch damit ist den Eltern nicht geholfen. "Wer lässt sein Kind in einem Kaufhaus ohne Aufsicht in der Spielecke sitzen", sagt Juliane Averesch, die selber Mutter von Zwillingen ist.

Die Kinderbetreuung durch gelernte Pädagogen ist wohl auch der Grund, warum der Spielplatz in den Hallen am Borsigturm schon wenige Wochen nach seiner Eröffnung bei den Eltern so hoch im Kurs steht. An manchen Tagen halten hier 150 Kinder die Erzieher auf Trab. "Ein Beschäftigungsangebot für Kinder ist immer eine aktuelle Hilfe für die einkaufenden Eltern", erklärt Henning Hase, Psychologe an der Frankfurter Universität, die große Nachfrage. Und auch der Handel profitiert. "Die Unternehmen haben so die Möglichkeit, sich am Markt zu positionieren, Kunden zu gewinnen und zu binden", sagt Hase.

Auch die Studie "Eltern, Kinder und Konsum" hat ergeben, dass mangelnde Kinderfreundlichkeit die Eltern häufig zum unfreiwilligen Konsumverzicht zwingt. Fast 60 Prozent der Befragten antworteten, dass sie viel öfter und auch mehr kaufen würden, wenn der Einkaufsbummel mit Kindern nicht so schwierig wäre. Das hat auch das Management der Einkaufshallen am Borsigturm begriffen und deshalb dem Projekt Abenteuerspielplatz zugestimmt. "Die Beziehung zum Kunden ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen", erklärt Geschäftsführer René Bentzen. Große Kaufhausketten scheinen allerdings nicht so gerne zu geben. Auf die Frage, warum es bei Karstadt keine Spielecken mit Kinderbetreuung gibt, lautet die knappe Antwort von Unternehmenssprecher Elmar Kratz: "Zu teuer."

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