Wirtschaft : Weihnachtsgeschäft: Spiele: Mit Daimler-Chrysler auf Trojas Spuren

Thomas Magenheim-Hörmann

Was kommt dabei heraus, wenn die Stuttgarter Daimler-Chrysler AG als Deutschlands größter Industriekonzern und der exklusivste Spieledesigner der Republik gemeinsame Sache machen? Die Antwort fällt überraschend aus. Das Produkt ist kein edles Spielzeugauto und auch keine Formel 1-Rennbahn, sondern ein Brettspiel über die Ausgrabungen von Troja. "Troia", so der Titel des Spiels, "ist ein einmaliger Akt", stellt Uli Kostenbader klar, der bei den Stuttgartern für Kultur und Sozialsponsoring verantwortlich ist. Keinesfalls plane der Konzern künftig als Spieleproduzent aktiv zu werden. Vielmehr sei das Spiel als "ein Stück Aufmerksamkeit" für die antike Ausgrabungsstätte gedacht.

Dort, wo der Sage nach Griechen wegen der Entführung einer Schönheit namens Helena einen zehnjährigen Krieg geführt haben, sponsort der Autobauer seit 1988 im Alleingang eine dritte große Ausgrabungsperiode. Damit ist Troja das älteste und eines der größten Kultursponsoring-Projekte des Konzerns. Falls das Spiel ein Erfolg wird, stelle Daimler-Chrysler alle daraus resultierenden Gewinne der türkischen Ausgrabungsstätte und den dort tätigen Archäologen unter Leitung des Tübinger Professors Manfred Korfmann zur Verfügung, sagt Kostenbader.

Dafür stehen die Chancen nach Ansicht von Spielekritikern wie Tom Werneck, einem Mitglied der Jury "Spiel des Jahres", nicht schlecht. "Ganz ausgezeichnet", urteilt er über den Wurf. Erfunden und realisiert wurde das hochgelobte Familienspiel von Thomas Fackler, der als der exklusivste Spieleerfinder Deutschlands gilt. Seine mit edlen und seltenen Materialien wie Gold oder Hautpergament ausgestatteten Handarbeiten überschreiten die Grenze zwischen Spiel und Kunst. Bei Stückpreisen von über 5000 Mark waren sie bislang nicht für jedermann erschwinglich und nur auf Bestellung nach teils mehrmonatiger Wartezeit erhältlich. Auch "Troia" ist trotz Massenproduktion und Verwendung herkömmlicher Pappe ein kleines Kunstwerk zum Preis eines normalen Brettspiels.

Die Spieler graben sich dabei als Archäologen durch die Siedlungsschichten der einstigen Burgstadt, um ihre Forschungsergebnisse möglichst Gewinn bringend zu veröffentlichen. Neben Optik und Spielmechanismus stimmt auch die Atmosphäre. Ursprünglich sei nur geplant gewesen, es über die Niederlassungen von Daimler-Chrysler und ein im Aufbau stehendes Troja-Museum zu verkaufen, erklärt Kostenbader. Wegen großer Nachfrage wurde der Vertrieb aber nun auf den normalen Spielwarenhandel ausgedehnt, freut sich Fackler. Die Startauflage von 5000 Stück sei binnen weniger Wochen zu 90 Prozent an den Handel verkauft worden und eine zweite Auflage in Planung. Auch das macht "Troia" ungewöhnlich. Wenn Unternehmen ein Spiel auflegen, ist das Produkt in der Regel ein simples und auf die jeweiligen Produkte des Auftraggebers zugeschnittenes Werbespiel, das an Kunden oder Geschäftspartner verschenkt wird. In diesem Fall findet das Spiel, das mit Luxusautos nichts zu tun hat, seinen Weg in die breite Öffentlichkeit.

In Troja selbst, das 1998 in die Unesco-Liste des Kulturerbes der Menschheit aufgenommen wurde, graben Korfmann und sein Archäologenteam voraussichtlich noch bis 2003. Mehrere Millionen Mark habe das Projekt bislang verschlungen, bilanziert Kostenbader. In dieser Dimension finanziere Daimler-Chrysler auch jährlich andere Kulturprojekte wie ein Europakonzert der Berliner Philharmoniker.

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