Wirtschaft : Weil Kunde nicht gleich Kunde ist

Mitarbeiter mit Migrationshintergrund können für viele Unternehmen neue Zielgruppen erschließen

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„Diversity Management“ lautet das Zauberwort und meint die Förderung kultureller, ethnischer und sprachlicher Vielfalt in Unternehmen. Denn nicht nur große Konzerne, auch Mittlerständler haben erkannt, dass „kulturelle Vielfalt die Innovationsfähigkeit und Kreativität einer Organisation fördert“, wie eine Studie des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) belegt. Demnach honoriert die Mehrzahl der Betriebe die speziellen Kompetenzen von Mitarbeitern mit Migrationshintergrund – besonders im Kontakt mit den Kunden.

In erster Linie sind damit sprachliche Fähigkeiten gemeint, die vor allem im internationalen Vertrieb von Vorteil sind. Denn nicht überall reichen die üblichen Englischkenntnisse aus, wie eine europaweite Studie aus dem Jahr 2006 belegt. Insbesondere nicht-europäische Sprachen wie Arabisch, Chinesisch oder Japanisch sind gefragt, aber auch Russisch, Portugiesisch oder Polnisch. Laut der Studie führt dieser Bedarf dazu, dass 59 Prozent der befragten kleinen und mittelständischen Unternehmen in Deutschland bewusst Mitarbeiter mit besonderen Sprachkenntnissen einstellen.

Auch im direkten Kundenkontakt hilft die Ansprache in der Muttersprache. So etwa im Einzelhandel, wenn die Verkäuferin einer türkischen Kundin auch auf Türkisch weiterhelfen kann. Oder im Dienstleistungssektor, wenn ein Bankangestellter seinem Kollegen im Beratungsgespräch als Dolmetscher zur Seite steht. Auch im öffentlichen Dienst – ob in Schulen, Behörden oder Krankenhäusern – werden Sprachkompetenzen als wertvolle Zusatzqualifikationen erkannt. „In den letzten Jahren ist deutlich geworden, dass Sprache als Potenzial mehr eingesetzt wird“, sagt Rachida Rami vom Beruflichen Qualifizierungsnetzwerk für Migrantinnen und Migranten in Berlin (BQN). Das motiviere Jugendliche mit Migrationshintergrund, sich für den Arbeitsmarkt fit zu machen. „Gerade Arbeitgeber im Gesundheits- und Sozialwesen, sowie bei Banken und Versicherungen suchen zum Teil gezielt nach qualifizierten Nachwuchskräften, die als Brücken zwischen unterschiedlichen Zielgruppen eingesetzt werden können“, so Rami.

Eine Offensive der besonderen Art startete die Allianz vor gut zwei Jahren. Unter dem Motto „Merhaba – die Allianz spricht auch Türkisch“ werden gezielt Vertriebsmitarbeiter mit türkischen Sprachkenntnissen gesucht und ausgebildet. „Sie sind für uns sehr wertvoll, da wir durch sie einen guten Zugang zur türkischsprachigen Bevölkerung erhalten“, sagt Ferat Kocak, zuständiger Vertreterbereichsleiter der Vertriebsdirektion Berlin. Aber auch Frauen – ob mit oder ohne Kopftuch – seien im Außendienst wichtig, weil sie andere Zielgruppen ansprechen würden.

Neben Türkisch spielt im Allianz-Außendienst bundesweit vor allem Russisch eine Rolle. Aber die Vielfalt ist nicht auf diese beiden Sprachen reduziert. „Wir möchten verschiedene ethnische Zielgruppen erreichen“, so Kocak. „In Berlin ist auch Polnisch relevant und gerade im Firmenkundenbereich sind gute Englischkenntnisse sehr wichtig.“ So wundert es nicht, dass es hier über 60 Vertriebsmitarbeiter, inklusive Führungskräfte wie Ferat Kocak, mit Migrationshintergrund gibt. Mit diesem Engagement wolle die Allianz nicht nur ihre Kunden besser erreichen, sondern auch ihrer sozialen Verantwortung gegenüber jüngeren Menschen mit entsprechenden Qualifikationen gerecht werden, sagt der diplomierte Volkswirt.

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