Weinsortiment bei Aldi & Co. : Was taugen die Weine beim Discounter?

Aldi, Lidl und andere Ketten verkaufen Weine mit großen Namen zu kleinen Preisen. Hinter den Etiketten verbirgt sich Massenware – mit Ausnahmen.

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Die Billig-Discounter wollen etwas abhaben vom Image der Supermarktketten und setzen zunehmend auf teurere Weine.
Die Billig-Discounter wollen etwas abhaben vom Image der Supermarktketten und setzen zunehmend auf teurere Weine.Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Schalten wir mal den gesunden Menschenverstand ein. Ist es denkbar, dass plötzlich eine Ladung großer Weine vom Himmel fällt, in einer Menge, die für eine große Discounterkette ausreicht – und dass diese Ladung dann auch genau in den Lagern dieser Kette landet und im Rahmen einer großen Aktion übers ganze Land zum Schnäppchenpreis verstreut wird?

Immer mehr große Anbieter drängen auf den Markt

Das ist nicht denkbar. Trotzdem versuchen die großen Discounter derzeit mit Macht, ihren Kampf um Imageverbesserung und Marktanteile am Thema Wein aufzuhängen. Zwar verkaufen Aldi, Lidl und Co. bereits jede zweite Flasche Wein, die in Deutschland geöffnet wird, aber der größte Wettbewerber, die klassischen Supermärkte (13 Prozent Marktanteil), die ihr Weinsortiment über Jahre kaum verändert haben, bewegen sich nun ebenfalls nach oben: In ausgewählten Kaisers-Filialen zum Beispiel stehen Weine deutscher und österreichischer Spitzenwinzer im Regal, die mit dem normalen Sortiment nichts zu tun haben und vermutlich für flächendeckende Verbreitung auch zu knapp wären. Nicht zu vergessen: Getränkemärkte wie Hoffmann in Berlin, die über Jahrzehnte weitgehend für Wasser und Bier standen, wollen ebenfalls ein Stück vom Kuchen abhaben.
Aldi Süd hat schon vor einigen Jahren damit angefangen, gehobene deutsche Weine für etwa fünf Euro in der „Edition Fritz Keller“ zu vermarkten, die meist gute Qualität fürs Geld bietet. 2014 ist die Edeka-Tochter Netto mit bekannten Wein-Namen wie Torres oder Frescobaldi nach vorn geprescht, aber vor allem hat Lidl in diesem Jahr Aufsehen erregt – und unglaublich viel Geld in die Hand genommen für französische und italienische Weine, die weit über dem dort sonst üblichen Preisniveau liegen.

Man versteckt sich hinter Namenskürzeln und Schlosssilhouetten

Es sind vor allem große Namen aus Frankreich, unterstützt von den durchaus strengen Punktebewertungen des britischen Experten Richard Bampfield. An der Spitze, allerdings nur im Online-Versand zu haben: der berühmte, edelsüße Sauternes-Wein Chateau d´Yquem, Jahrgang 2011, für (günstige) 349 Euro. In den Märkten selbst liegt die Obergrenze viel niedriger, bei etwa 20 Euro – immer noch gewaltig angesichts des Preises, den die Kunden dort durchschnittlich zahlen: 2,50 Euro. Doch was wird da verkauft? Typisch für die teuren französischen Weine, die in den Lidl-Regalen liegen, ist ein bekannter Herkunftsname auf dem Etikett, beispielsweise St. JosephSt. Joseph, Hermitage oder Vacqueyras von der Rhone. Die gehobenen Bordeaux tragen eher Fantasienamen auf Etiketten mit putzigen Schloss-Silhouetten, die sich an die Großen anlehnen, und sie stammen oft aus der wohltönenden, aber zweifelhaften Appellation „St. Emilion Grand Cru“.

All diesen Weinen ist fast durchweg gemeinsam, dass es sich nicht um Erzeugerabfüllungen handelt. Oft kommen sie, mit der Lupe eben erkennbar, aus dem gigantischen Abfüllbetrieb der „Grands Chais de France“ im Elsass, der die halbe Welt mit Markenweinen wie „J. P. Chenet“ beglückt. Oder der abfüllende Betrieb versteckt sich, dem gesetzlichen Minimum entsprechend, hinter Initialen und Postleitzahl – auch in Italien üblich.
Was das bedeutet, ist klar: Es handelt sich nicht um Produkte hochrangiger Erzeuger, sondern um Weine, die in den betreffenden Regionen eben auch produziert werden, vor allem von Genossenschaften und anonymen Fassweinproduzenten. Die Großabfüller kaufen nach Auftrag auf dem Markt zusammen, was sie kriegen können, und was die gesetzlichen Anforderungen erfüllt, also Überschussmengen und Liegengebliebenes – die französischen Behörden sind nicht sehr streng, was die Qualität angeht.

Es geht um die Aufbesserung des eigenen Images

So ist es ab und zu möglich, beim Discounter beispielsweise für knapp 20 Euro einen Rotwein aus der Appellation „Hermitage“ an der nördlichen Rhone zu kaufen, der bei berühmten Winzern 50 oder auch mal über 100 Euro kosten kann. Ein Superschnäppchen? Keineswegs, denn beim Verkosten zeigt sich leider, dass es an Dichte, Balance, Komplexität fehlt und die Qualität allenfalls einem Crozes-Hermitage entspricht, der maximal zehn Euro wert ist. Und jeder gute Fachhändler kann für dieses Geld einen eindeutig besseren Rhonewein anbieten, der nur keinen großen Lagennamen trägt.

Was den Vergleich erschwert: Die Discounter führen kaum Weine, die identisch auch anderswo zu haben sind – online ausgenommen. Eine Ausnahme von dieser Regel ist der 2008 Chateau Deyrem Valentin, den Lidl zu Beginn seiner Kampagne in großen Mengen in die Berliner Regale gestellt hatte – für 18,99 Euro, in den ersten Tage sogar mit 20 Prozent Rabatt. Diesem Bordeaux gab Richard Bampfield 89 Punkte, und das ist eher zu wenig, denn es handelt sich um einen sehr typischen, gut gereiften Margaux mit individuellem Charakter. Ohne den Startrabatt war der Preis allerdings kaum günstiger als beim renommierten Händler, der ihn für einen Euro mehr aus dem klimatisierten Lager versendet.
Generell bedeutet das, dass die Offensive der Discounter keineswegs die Preise drücken soll; es geht ihnen um Wertschöpfung und Pfege des Marken-Images. Und sie richtet sich weniger gegen den Fachhandel als gegen die gehobenen Supermärkte, denen die Prestige-Käufer abgejagt werden sollen – Edeka macht sich da mit Netto sogar Konkurrenz im eigenen Haus.

Die guten Weine bleiben da, wo sie sind: in den Regalen des Fachhandels

Das alles ändert allerdings nichts am Grundsortiment der Discounter, das in der Regel unter zwei Euro pro Flasche beginnt und Weine enthält, die nicht unbedingt schlecht sein müssen, aber meist keinerlei individuellen Charakter haben. Und selbst, wenn sich einmal der Name eines guten deutschen Winzers zum vermeintlichen Kampfpreis in die Regale verirrt, kann man sicher sein, dass er dafür nicht die besten Partien aus seinem Keller hergibt – die finden sich, für ein paar Euro mehr, nach wie vor in den Regalen des Fachhandels.

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