Weiterbildung : Belohnung für spätes Lernen

Gering Qualifizierte machen deutlich seltener Fortbildungen als besser Ausgebildete. Ein neues Gesetz soll das ändern. Ab Montag gilt: Wer als Erwachsener endlich einen Abschluss macht, bekommt einmalig 1500 Euro.

Sebastian Gluschak
Helfen ohne Ausbildung. In der Altenpflege arbeiten viele gering qualifizierte Frauen. Für sie lohnt sich eine Weiterbildung besonders, doch oft können sie es sich nicht leisten, währenddessen auf ihr Einkommen zu verzichten. Kritiker des neuen Gesetzes fordern deshalb eine monatliche Unterstützung statt einer einmaligen Prämie.
Helfen ohne Ausbildung. In der Altenpflege arbeiten viele gering qualifizierte Frauen. Für sie lohnt sich eine Weiterbildung...Foto: Daniel Reinhardt/dpa

Zuerst die schlechte Nachricht: Immer weniger Berliner nutzen Weiterbildungsangebote – nur 13 Prozent der Berliner über 25 haben im vergangenen Jahr einen Kurs oder Lehrgang besucht. Die Weiterbildungsquote hat in Berlin in den letzten Jahren deutlich abgenommen und liegt jetzt knapp unter dem Bundesdurchschnitt. Nur 90 Prozent des Angebots an Fortbildungen wird auch wirklich genutzt. Unter den Geringqualifizierten – die Fortbildungen generell besonders selten nutzen – liegt die Hauptstadt mit 7,5 Prozent immerhin knapp über dem Bundesschnitt.

Diese Zahlen gehören zu den Ergebnisse einer Studie der Bertelsmann Stiftung. Die Studie zeigt große Unterschiede bei der Annahme von Weiterbildungsangeboten in Deutschland auf. Demnach liegen die Weiterbildungsbesuche bei gering Qualifizierten, also allen ohne formale Berufsqualifikation, weit unter dem Durchschnitt (13,5 Prozent aller Deutschen über 25 Jahren nehmen an mindestens einer Weiterbildung im Jahr teilnehmen), sind es nur 6,7 Prozent unter den gering Qualifizierten. Unter denen, die eine Berufsqualifikation haben, liegt die Quote drei Mal so hoch. Dabei liegt der größere Weiterbildungsbedarf bei geringer Qualifizierten.

„Die Weiterbildungsschere klafft auseinander“

Die Stiftung nutzt die Definition des Mikrozensus, um den Begriff „Weiterbildung“ einzugrenzen: berufsbezogenes, organisiertes Lernen von Erwerbstätigen nach dem 25. Lebensjahr. Somit wurden Kurse und Lehrgänge unter die Lupe genommen, die nach Berufsausbildung und (Hoch)-Schulabschluss absolviert wurden. Dazu zählt ein Spanischkurs, eine IT-Weiterbildung oder eine (spät angefangene) Ausbildung zum Gärtner. Studiengänge wurden nicht dazugerechnet. Zu den Anbietern zählen öffentliche Institutionen, wie Volkshochschulen und die Agentur für Arbeit, private Einrichtungen, und Arbeitgeber, die intern Weiterbildungen anbieten.

Ein Blick auf die öffentliche Bildungsfinanzierung liefert mögliche Gründe dafür, dass gering Qualifizierte so selten Fortbildungen nutzen. Während die öffentlichen Ausgaben für Ausbildungen, Schul- und Hochschulbildung, sowie Kinderförderung in den letzten 20 Jahren kontinuierlich gestiegen sind, gab es für die Weiterbildung laut statistischem Bundesamt 40 Prozent weniger Geld. Waren es 1995 noch 10,4 Milliarden Euro, gab es 2012 nur noch 6,7 Milliarden für diesen Bereich. Ein kausaler Zusammenhang lasse sich noch nicht belegen. sagt Frank Frick, Projektleiter bei der Bertelsmann Stiftung. Er beobachtet „eine auseinanderklaffende Weiterbildungsschere. Außerdem sind betriebliche und private Weiterbildungsausgaben in dem Zeitraum gestiegen – gering Qualifizierte können sich das jedoch nicht leisten oder haben keinen Zugang dazu“.

Der Gesetzgeber tut was - aber zu wenig

Nach Jahren des Abwärtstrends in der Weiterbildungsfinanzierung gibt es nun neue Signale vom Gesetzgeber. Am 1. August tritt das neue Arbeitslosenversicherungsschutz- und Weiterbildungsstärkungsgesetz (AWStG) in Kraft. Demnach erhalten gering Qualifizierte, die eine Berufsqualifizierung anstreben, Geld gegen Erfolg. Bei einer bestandenen Zwischenprüfung gibt es 1 000 Euro, beim Abschluss 1 500 Euro.

Für Thomas Kruppe, der sich beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mit der Effizienz und Effektivität von Weiterbildung beschäftigt, ist klar, dass mangelnde Finanzierung das größte Hemmnis für gering Qualifizierte ist. „Unsere Studien zeigen deutlich, dass gerade gering Qualifizierte, die durch Weiterbildung eine Berufsqualifizierung erlangen, durchgängig bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. Doch viele können nicht der Weiterbildung zuliebe auf ihr Einkommen verzichten“. Zudem fehle oft das Vertrauen, dass sich die Mühen in Zukunft finanziell auszahlen werden.

Für Kruppe ist das neue Gesetz nicht genug. Er merkt an, dass es keinerlei Verpflichtungen zur finanziellen Gesamtförderungssumme der Weiterbildung beinhalte, die Regeln dazu seien sehr unkonkret formuliert. Weiterhin legt er nah, dass gering Qualifizierte einen deutlichen Motivationsschub erhalten, wenn statt eines Prämienmodells, wie es jetzt umgesetzt wird, ein Aufstockungsmodell gewählt würde. 300 Euro monatlich für die Weiterbildung würde Leistungsempfängern einen wirksameren Anreiz bieten, so zeigen Statistiken des IAB.

Frank Frick von der Bertelsmann Stiftung sieht hingegen eher Handlungsbedarf im „adaptiven Lernen“: man solle mit dem Bildungsangebot auf die entsprechenden Bevölkerungsgruppen eingehen. „Wir müssen auf unterschiedliche Formen des Lernens eingehen, und beispielsweise auf spielerische Bildungsangebote umschwenken.“

Große regionale Unterschiede

Die sozialen Unterschiede bei der Weiterbildungsteilnahme stehen symbolisch für die gesellschaftliche Entwicklung. Standen 2007 in Deutschland knapp 33 Prozent der Bevölkerung in atypischer Beschäftigung, sind es dieses Jahr knapp 40 Prozent, so eine Analyse der Böckler Stiftung. Für den Bund bedeutet das höhere Sozialkosten, für die Erwerbstätigen weniger Sicherheit.

Ein weiterer Befund der Bertelsmann Stiftung: Nicht nur sozial, auch demographisch bilden sich die Deutschen auf unterschiedlichem Niveau weiter. Während in Darmstadt (Hessen) im Jahr 2013 fast jeder vierte Einwohner älter als 25 Jahre mindestens eine Weiterbildung besuchte, war es im brandenburgischen Prignitz nur jeder 34. Einwohner. Eine Auswertung von Regionaldaten zeigt: Die Wirtschaftsleistung pro Kopf liegt in Darmstadt bei jährlich 44 700 Euro, in Brandenburg bei 24 300 Euro. In strukturstarken Regionen tragen die Arbeitgeber zu einem hohen Angebot bei.

Generell spielen unterschiedliche regionale Sozial- und Wirtschaftsstrukturen eine große Rolle für die Akzeptanz des Weiterbildungsangebots, sind aber nicht alleinentscheidend, teilt die Stiftung mit. Erreichbarkeit und Vernetzung von Weiterbildungseinrichtungen sowie Form und Qualität der Beratung tragen auch zu Unterschieden bei. Wenn die Volkshochschule auf dem Heimweg liegt, besucht man also eher den Spanischkurs, als wenn man noch in das Nachbardorf fahren muss.

Kruppe vom IAB betrachtet Weiterbildung berufsbezogen: „Frauen im Bereich Altenpflege machen durch Weiterbildung Riesensprünge, während Männer in Kochberufen kaum Vorteile erzielen können.“ Dementsprechend ist auch das Weiterbildungsangebot: Für „Pflegehelfer“ gibt es eine Vielzahl an Weiterbildungskursen.

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