Weiterbildung : Die Profis

Doula, Elternkursleiterin, Trageberaterin, Kanga-Trainerin: Wie Mütter ihr Leben zum Beruf machen können.

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Hüpfen wie ein Känguruh. Mütter, die ihr Kind im Gurt tragen, werden scherzhaft oft mit Känguruhs verglichen. Darauf spielt der Begriff „Kanga-Training“ an (links unten). Ein Tragetuch richtig zu binden, ist nicht einfach (rechts unten). Fotos: Carmen Jaspersen, Henning Kaiser/dpa
Hüpfen wie ein Känguruh. Mütter, die ihr Kind im Gurt tragen, werden scherzhaft oft mit Känguruhs verglichen. Darauf spielt der...Foto: picture alliance / dpa

Zwei neugierige Babyaugen verfolgen jede Handbewegung von Katja Boeck. Die blonde, schlanke Frau steht neben der Mutter des Babys und macht sich am Tragegurt zu schaffen, in dem es vor ihre Brust geschnallt ist: „Schau mal, dass du hier noch mal nachjustierst und das Baby noch etwas höher kommt“, sagt Katja Boeck zu der jungen Mutter. Dann hilft sie ihr in die Jacke. „Komm einfach bald mal wieder vorbei.“ Aber die junge Mutter bleibt erst noch ein wenig im Trollby, einem Laden in Berlin-Schöneberg, in dem Katja Boeck Second-Hand-Spielzeug, Kinderkleidung und Tragegurte für Babys verkauft. Die Kundin schaut sich noch Spielzeug an.

Katja Boeck, selbst Mutter von drei Kindern, ist angehende Expertin für das Tragen von Babys: Sie macht gerade eine Weiterbildung zur Trageberaterin. „Ich verbringe zurzeit fast jeden Abend vor dem Spiegel und übe mit meiner Tragepuppe“, sagt sie. „Nächste Woche fängt der Aufbaukurs an.“ Einen Grundkurs bei einer Trageschule hat sie schon hinter sich. „Ich bin durch die Arbeit hier im Geschäft darauf gekommen, so eine Weiterbildung zu machen“, sagt sie. Es werden auch Tragetücher und Tragevorrichtungen unterschiedlicher Hersteller verkauft – und die sind nicht gerade selbst erklärend. Ohne Anleitung ist es nicht einfach, ein Tragetuch so zu binden, dass das Baby in der perfekten „Anhock-Spreiz-Stellung“ sitzt, die so wichtig für seine Wirbelsäule ist. Und auch die weniger komplizierten Tragegurte haben dennoch viele unterschiedliche Gurte und Schnallen, die man richtig einstellen muss, so dass nichts drückt oder einschneidet – auch für das tragende Elternteil.

Seit einigen Jahren gibt es eine Serviceindustrie rund ums Mutterwerden

„Berlin ist die Hochburg des Tragens“, sagt Katja Boeck. Immer mehr Eltern transportieren ihre Babys so. „Ich habe mich im Internet auf die Suche nach dem passenden Kurs gemacht.“ Im Grundkurs hat sie schon einiges gelernt: „Man muss es ja nicht nur selbst anwenden, sondern auch erklären können. Das ist eine Herausforderung.“

Die Trageberatung gehört zu einer ganzen Serviceindustrie, die rund um das Thema Muttersein in den vergangenen Jahren entstanden ist: So genannte Kanga-Trainerinnen bieten Aerobic-Kurse für Mütter an, die dabei das Baby im Tragegurt haben. Die Übungen sind speziell darauf abgestimmt. Ähnlich funktionieren die „Fit-Dank Baby-Kurse“, bei denen die Babys nicht in der eigenen Tragevorrichtung sitzen, sondern mit einer Art Stretchgurt mit Klettverschluss am Körper der Mutter befestigt werden. Leiterinnen von Babymassage- und Fabel-Kursen (Familienzentriertes Baby-Eltern-Konzept) lehren Mütter (und auch einige Väter), Lieder und Spiele und sprechen mit ihnen über alle Sorgen und Nöte rund ums Baby – und das sind viele. So genannte Doulas ergänzen das Angebot von Hebammen – ohne deren medizinisches Wissen.

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Seit seit zwei bis drei Jahren gebe es eine Art Boom von speziellen Kursen rund ums Baby – unter anderen zum Thema „windelfrei“ oder „breifrei“ , sagt Kerstin Vaziri-Elmoghir von der Gesellschaft für Geburtsvorbereitung – Familienbildung und Frauengesundheit (Gfg), die eine ganze Reihe von Weiterbildungen zu diesen Themen anbietet – in Berlin, Frankfurt, München, Wiesbaden, Dresden und Kerpen bei Köln. „Vor allem unter Mittelschichtsfrauen mit gutem Bildungsniveau werden solche Kurse zunehmend nachgefragt“, sagt sie.

Für viele Frauen verändert das Mutterwerden die berufliche Perspektive

Und oft sind es die Teilnehmerinnen dieser Kurse, die dann etwas später eine Weiterbildung machen um selbst Kurse zu geben. „An unseren Weiterbildungen nehmen zu 98 Prozent Frauen teil, die selbst Mutter sind. Für viele Frauen ist das Mutterwerden ein derart umwälzendes Ereignis, dass sie sagen: Ich möchte nicht in den alten Beruf zurück, weil sich mein Fokus komplett verschoben hat. Aus diesem Grund machen sie dann eine Weiterbildung bei uns.“ Viele besuchen mehrere Seminare.

„Die Weiterbildung ’GfG-Familienbegleitung von Anfang’ an befähigt Sie, werdende Mütter und Väter in der Zeit der Schwangerschaft, Geburt, des Wochenbetts und junge Eltern in der Anfangszeit des Elternseins kompetent durch Kursangebote oder mit Einzelangeboten zu begleiten“, heißt es auf der Seite des Kursanbieters. Zunächst machen die Teilnehmerinnen ein Basisseminar, dann spezialisieren sie sich: als zertifizierte Fabel-Kursleiterin oder auf die Geburtsvorbereitung mit Atemübungen, Massagen, Gymnastik, Stressübungen und Wehensimulation. Auch zur Mütterpflegerin nach der Geburt oder auf die Rückbildung kann man sich spezialisieren.

Doulas geben ihre eigenen Erfahrungen bei der Geburt weiter

Eine andere Weiterbildung ist die zur „Doula“, die Frauen zur Geburt ins Krankenhaus begleitet. „Doula" leitet sich vom griechischen Wort „doleia" ab, das „dienen" oder „betreuen“ bedeutet. Doulas sind Frauen, die ihre eigenen Erfahrungen aus der Geburt an andere Frauen weitergeben. Eine Doula hilft etwa mit Atemübungen und Massagen. Wenn man keine Beleghebamme findet, die einen unter der Geburt im Krankenhaus betreut, kommt eine Doula infrage. Sie kann die Hebamme aber nicht ersetzen. Rund 600 Euro nähmen Doulas für die Rufbereitschaft, zwei Vorgespräche, Geburt und ein Nachgespräch, sagt Kerstin Vaziri-Elmoghir. Viele Frauen, die eine Weiterbildung zur Doula machten, kombinierten sie mit einer zur „Mütterpflegerin“. Das sind Frauen, die Mütter nach der Geburt zuhause unterstützen und auch etwa die Geschwisterkinder betreuen.

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„Wir haben einen niedrigschwelligen Zugang zu unseren Weiterbildungen“, sagt Kerstin Vaziri-Elmoghir: Die Teilnehmerinnen brauchen nur einen Realschul- oder vergleichbaren Abschluss. „Eine abgeschlossene Berufsausbildung ist von Vorteil, aber nicht erforderlich. Schließlich haben Frauen öfter ihr Studium abgebrochen, weil die Kinder dazwischen gekommen sind. Die wichtigste Zugangsvoraussetzung für uns ist die eigene Erfahrung mit der Elternschaft. Wir legen großen Wert darauf – denn das ist etwas, das man nicht als theoretisches Wissen erwerben kann.“ Wenn die eigene Erfahrung aber professionell eingesetzt werden soll, müsse sie „ unbedingt reflektiert werden“ – und zwar in den Kursen. Das Mindestalter, um Doula zu werden, liegt bei 30 Jahren, für die anderen Weiterbildungen bei 23 Jahren. „Wir finden, dass die Frauen eine gewisse Lebenserfahrung haben sollten. Um als Doula Geburten zu begleiten, brauchen sie auch einen zeitlichen Abstand und sollten selbst besser keine Kleinkinder mehr haben, vor allem wegen der Rufbereitschaft bei der Geburt.“ Ein Großteil der Teilnehmerinnen der Doula-Kurse seien zwischen 30 und 40. In den Familienbegleitungsseminaren ist der Schnitt um die 30.

Für Frauen aus einem verwandten Beruf ist der Einstieg leichter

Etwa die Hälfte der Teilnehmerinnen seien Quereinsteigerinnen aus Berufen, die nichts mit dem Thema zu tun haben. Die andere Hälfte komme aus medizinischen, pädagogischen, psychologischen oder sozialen Berufen. „In einem dieser Berufe eine abgeschlossene Berufsausbildung zu haben, ist von Vorteil, um in dem neuen Beruf besser Fuß zu fassen“, sagt Kerstin Vaziri-Elmoghir. Gut sei es, wenn die Frauen schon Verbindungen zu einer Einrichtung oder Praxis hätten, in der sie Kurse anbieten können. „Es gibt zwar eine gute Nachfrage nach Kursleiterinnen, aber auch eine große Konkurrenz. Davon zu leben ist schwierig, oft wird erwartet, das ehrenamtlich gearbeitet wird. Und die Stundenlöhne sind oft nicht so gut“, warnt Vaziri-Elmoghir. „Und es kostet Kraft, so etwas in Vollzeit machen – vor allem, wenn man kleine Kinder zuhause hat.“ Manchmal seien die Kurse für die Frauen auch einfach „ein Lückenfüller“. Sie beginnen damit in der Elternzeit, gehen aber nach einer Weile doch zurück in den alten Beruf, weil sie merken, dass es einfacher ist von neun bis fünf im Büro zu sitzen.

Manchmal kann eine Weiterbildung, die durchs Muttersein zustande kam, das Berufsleben auch ergänzen. So berichtet eine Berliner Ärztin, dass sie während ihrer Elternzeit eine Weiterbildung zur Kanga-Trainerin machte – sie kann jetzt Aerobic-Kurse geben, an denen Mütter mit Babys im Tragegurt teilnehmen. Die schlafen dann gemütlich, während sich die Mütter auspowern. Ihren Beruf als Ärztin gab die sportliche Mutter dafür nicht auf. Sie hat aber schon eine Ausbildung für andere Mütter zur Kangatrainerin angeboten.

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