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Weiterbildung für Behinderte : Im Beruf erfolgreich - trotz Handicap

22.01.2012 00:00 Uhrvon
Den Sprung wagen. Oft bedeutet eine Behinderung eine Neuorientierung im Job. Das wichtigste bei der Suche nach Alternativen: auf seine Stärken schauen. Foto: dpaBild vergrößern
Den Sprung wagen. Oft bedeutet eine Behinderung eine Neuorientierung im Job. Das wichtigste bei der Suche nach Alternativen: auf seine Stärken schauen. - Foto: dpa

Es ist ein harter Schlag, aber nicht das Ende: Wie man trotz Behinderung seine beruflichen Chancen nutzt. Mit Know How und Weiterbildung gelingt das.

In Berlin gibt es für Menschen mit Behinderung viele Weiterbildungsmöglichkeiten. Ob für den Weg in die Selbstständigkeit oder für eine Umorientierung. Auch Fernstudiengänge helfen beim beruflichen Neustart.

DIE SELBSTSTÄNDIGKEIT
Hakan Ayrilmaz hat sich getraut: Vor fünf Jahren machte sich der gelernte Bürokaufmann selbstständig – trotzdem. Denn seit einer Hirnblutung und der darauffolgenden Operation ist er halbseitig gelähmt. Über seinen Online-Handel hat er unter anderem Handys, Kameras und Drucker verkauft. „Kwikimarkt“ hieß sein Unternehmen, nach jenem Supermarkt, in dem die Simpsons in der nach ihnen benannten amerikanischen Zeichentrickserie regelmäßig einkaufen gehen.

„Ich hatte vor, während und nach der Gründung eine sehr gute Begleitung.“ Hakan Ayrilmaz hat sich von „Enterability“ beraten lassen: Einer Berliner Initiative, die Schwerbehinderte, die arbeitslos oder von Arbeitslosigkeit bedroht sind, auf dem Weg in die Selbstständigkeit unterstützt.

Der wichtigste Geldgeber von Enterability ist das Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin. Für die Gründungsinteressierten ist es allerdings nicht leicht, die erste Hürde zu nehmen: Bislang haben sich 655 Menschen mit einer Idee in der Muskauer Straße beraten lassen. Doch nur 207 konnten das Team von ihrer Idee überzeugen.

„Durch die strenge Prüfung wollen wir verhindern, dass schwerbehinderte Menschen sich aus der Not der Arbeitslosigkeit heraus ohne gründliche und kompetente Vorbereitung in die Existenzgründung stürzen“, sagt Projektleiter Manfred Radermacher. Hakan Ayrilmaz meisterte diese Hürde, feilte mit einem Berater vier Monate an seinem Businessplan und besuchte Kurse zu Buchhaltung und Recht. Bis heute geht er regelmäßig zu den Netzwerktreffen. Außerdem kann der 39-Jährige auch weiterhin die angebotenen Seminare besuchen – kostenlos.

Einer der Gründe, sich selbstständig zu machen, waren Probleme mit Kollegen und Vorgesetzten: Ayrilmaz erlebte Diskriminierung und Mobbing. „Viele Menschen können mit einer Behinderung ganz normal umgehen, aber andere finden das hässlich“, sagt er nüchtern. Und auch, dass er sich seit seiner Selbstständigkeit trotz Einschränkungen endlich als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft fühlen kann.

Hakan Ayrilmaz hatte Glück: Er hat vor fünf Jahren ein Weiterbildungsangebot gefunden, das zu ihm passt. Für viele andere Menschen mit einer Behinderung ist es hingegen schwierig, die richtige Fortbildung zu finden. Dabei ist es für Menschen, die ihre alten Berufe aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben können, besonders wichtig, sich neu zu orientieren.

FÜR FRAUEN
Laut einer Studie des Frauencomputerzentrums Berlin aus dem Jahr 2008 nutzen nur sehr wenige behinderte Frauen eine Weiterbildung: Während der Frauenanteil an beruflicher Weiterbildung 2008 deutschlandweit 47,5 Prozent betrug, betrug ihr Anteil unter den sich weiterbildenden Menschen mit Behinderung nur rund 38 Prozent. Die niedrige Teilnahme begründen die Autoren vor allem damit, dass die Frauen sowohl einschlägige und kompetente Beratungsangebote über Qualifizierungsmaßnahmen und die Finanzierung vermissen.

Das Frauencomputerzentrum selbst macht Frauen mit Beeinträchtigungen konkrete Angebote: Die nächsten Kurse starten im Februar. Liliana Raic leitet die Fortbildung „Medienkompetenz und Wort-Life-Balance“, in der Anfängerinnen lernen können, wie man mit dem Computer umgeht. Fortgeschrittene Nutzerinnen ihr Wissen ebenfalls weiter ausbauen können. Nach den Kurseinheiten gibt es eine ergonomische Beratung, damit die Arbeit am Computer keine schmerzhaften Folgen hat. Auf Wunsch können die Teilnehmerinnen auch ein persönliches Coaching nutzen und sich auf eine Bewerbung vorbereiten. Der Kurs ist kostenlos. „Zu mir kommen zum Beispiel viele ehemalige Krankenschwestern, Psychologinnen oder Erzieherinnen“, sagt Liljana Raic. „Diese Frauen haben ihre Arbeit geliebt, und würden gerne weitermachen.“

Einige Teilnehmerinnen werden nach dieser Fortbildung ihre eigene Chefin, andere bleiben in dem Betrieb, in dem sie auch vorher tätig waren – aber an einer anderen Stelle, zum Beispiel in der Verwaltung. „Jede Frau muss ihre Nische finden“, sagt Liljana Raic.

HILFE IM NETZ
Informationen zu Weiterbildungsmöglichkeiten für Menschen mit Behinderung gibt es natürlich auch im Internet – zum Beispiel unter der von der Stiftung Myhandicap betriebenen Seite www.myhandicap.de. Dort ist unter anderem ein Forum zu finden, außerdem können die Besucher dort Kontakt zu den sogenannten „Botschaftern“ aufnehmen: Menschen, die ihre berufliche Tätigkeit etwa nach einer Erkrankung ebenfalls neu ausrichten mussten. „Wir vermitteln auf Anfrage kostenlos Kontakte zu Experten“, sagt Pressesprecher Philipp Jauch.

Er findet es wichtig, dass Menschen mit Handicap auf ihre eigenen Stärken schauen: „Die berufliche Orientierung ist eine individuelle Entscheidung.“ Die Betroffenen sollten auf der Suche nach einer Alternative von ihren Stärken ausgehen – und nicht von ihren Defiziten. Deshalb hat die Redaktion auch eine Jobbörse angelegt, in der sich Arbeitgeber und Bewerber präsentieren können.

DAS FERNSTUDIUM
Nur einen Klick entfernt ist eine andere Weiterbildungsoption: ein Fernstudiengang. Viele Anbieter haben für Studierende mit Handicap besondere Hilfestellungen konzipiert, zum Beispiel verlängerte Klausurenzeiten oder eine Prüfung im eigenen Wohnzimmer. „Viele Anbieter gewähren Menschen mit einer Beeinträchtigung auch Rabatte“, sagt Markus Jung vom Portal Fernstudium-Infos.de.

Hakan Ayrilmaz möchte sich in diesem Jahr beruflich umorientieren, deshalb hat er den Kwikimarkt Ende Dezember aufgegeben: „Ich habe mich ehrenamtlich lange Zeit um eine psychisch kranke Frau gekümmert, und das hat mir noch mehr Freude gemacht als mein Online-Handel.“ Inzwischen hat er sich auch bei „Enterability“ darüber informiert, wie er sich zum Betreuer weiterbilden kann. „Ich bin sehr optimistisch, denn Betreuer mit Türkischkenntnissen werden händeringend gesucht.“

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