Wirtschaft : Weiterbildung und Wettbewerb

Carsten Brönstrup,Antje Sirleschtov

Bei der Reform der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit (BA) werden alle Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen auf den Prüfstand kommen. "Wir brauchen in diesem Bereich mehr Wettbewerb", forderte der künftige BA-Vorstandschef Florian Gerster im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Auch Arbeitsminister Walter Riester (SPD) geht davon aus, dass der Wirtschaftszweig überprüft werden muss, der mit rund 100 000 Beschäftigten von BA-Aufträgen lebt. Von der Arbeitslosigkeit profitieren die Verbände der Arbeitgeber und der Gewerkschaften in besonderem Maß. Denn an ihre Weiterbildungs-Organisationen fließt ein Großteil der jährlich sieben Milliarden Euro, die die Arbeitsämter für Fortbildung und Umschulung ausgeben - finanziert von den Steuer- und Beitragszahlern.

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Umfrage: Sollen Arbeitsämter privatisiert werden? Der größte Anbieter von Fortbildungs- und Umschulungskursen, die Deutsche Angestellten-Akademie (DAA) in Hamburg, gehört der Gewerkschaft Verdi. Die DAA brachte es im vergangenen Jahr auf rund 373 Millionen Euro Umsatz und schulte nach eigenen Angaben etwa 88 000 Menschen im Auftrag der Arbeitsämter. Die Nummer Zwei im Geschäft mit der Arbeitslosigkeit ist das Bildungswerk des Deutschen Gewerkschafts-Bundes (DGB) in Düsseldorf, das im Jahr 2000 etwa 241 Millionen Euro einnahm. Auch die Arbeitgeber unterhalten eigene Institute, etwa das Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft.

Marktwirtschaftliche Bedingungen herrschen auf diesem Teil des Weiterbildungs-Sektors indes kaum vor. Ausschreibungen des Arbeitsamtes gibt es nur wenige. Wer eine Umschulung anbieten will, bewirbt sich mit seinem Vorhaben beim Arbeitsamt. Die Behörde entscheidet dann, ob es einen Bedarf für den Kurs gibt und schickt dem Anbieter die nötigen Teilnehmer.

Ausschreibungen, die meist vorgeschrieben sind, wenn eine staatliche Stelle Aufträge vergibt, würden zudem oft nur pro forma erteilt, erzählt ein Branchenkenner. "Wenn Umschulungskurse ausgeschrieben werden, haben die Ämter oft schon ein Unternehmen im Blick, das den Zuschlag bekommen soll", heißt es. Auch Absprachen unter den Kurs-Anbietern in einer Region seien normal, so berichtet ein großes Weiterbildungs-Unternehmen. "Das ist üblich, es macht ja keinen Sinn, dass zwei Träger den gleichen Kurs anbieten." Auch regelmäßige Treffen zwischen dem Amt und den Anbietern seien normal, heißt es. "Da plant das Arbeitsamt mit den Trägern dann das Angebot für das kommende Jahr."

Bildungsträger, die nicht über die nötigen Kontakte verfügen, haben daher Probleme, Fuß zu fassen. "Für Newcomer ist es schwer, in den Markt zu kommen", sagt Reinhold Weiß, Bildungsexperte beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln.

Zudem sind viele der Bildungskurse wenig effektiv. Bereits 1999 stellte die Innenrevision der BA in einem internen Gutachten, das dem Tagesspiegel vorliegt, fest, dass "nur jeder Dritte Teilnehmer einer Bildungsmaßnahme nach Maßnahmeende eine Arbeit aufgenommen hat". Noch einmal 28 Prozent der Arbeitslosen, die von den Arbeitsämter zur Fortbildung geschickt werden, brechen die Maßnahmen ab. Als Hauptgrund dafür erkannten die Revisoren, dass es keine Kontrolle darüber gibt, wie sinnvoll die Arbeitslosen weitergebildet werden.

Nicht selten erwerben die Arbeitslosen Testate, die ihnen bei der Arbeitssuche im regulären Arbeitsmarkt kaum weiter helfen, oder sie werden in Berufszweigen geschult, die von der regionalen Wirtschaft gar nicht nachgefragt sind. Nach welchen Kriterien die Arbeitsämter in Deutschland Weiterbildungsmaßnahmen organisieren und Arbeitslose zur Fortbildung schicken, ist nach Ansicht der Innenrevision "nicht erkennbar". Schlimmer noch: Statt die Chancen der Menschen auf einen Job bei der Auswahl von Bildungsprogrammen im Auge zu haben, fanden die Revisoren heraus, dass die Ämter einen internen Wettbewerb darüber führen, wie viele Bildungskurse voll besetzt werden und mit welcher Sicherheit die Haushaltsmittel der BA, die zum Jahresanfang für Bildung vorgesehen sind, zum Ende auch abgerufen werden. Zudem kritisiert die Studie, die bereits im April 1999 im Kreis der Arbeitsamts-Präsidenten diskutiert wurde, dass es zwischen Bildungsträgern und Vermittlern in den Ämtern kaum Kontakte gibt. "Die Zusammenarbeit" müsse "intensiviert werden", empfiehlt die Revision. "Geschehen", beklagte der Saarbrücker Innenrevisor Erwin Bixler in einem Brief an Arbeitsminister Riester, "ist allerdings bis heute nichts".

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