Weiterbildung : Wenn die Existenz bedroht ist

Fast vier Millionen Haushalte in Deutschland sind überschuldet. Schuldnerberater helfen bei juristischen und sozialen Problemen. Fortbildungen zu dem Thema richten sich sowohl an Sozialpädagogen als auch an Betriebswirtschaftler.

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Kuckuck. Auch wie Gerichtsvollzieher arbeiten, lernt man in einer der Fortbildungen.
Kuckuck. Auch wie Gerichtsvollzieher arbeiten, lernt man in einer der Fortbildungen.Foto: picture alliance / dpa

Dreißig Jahre lang hat Anja L. für eine Filiale einer großen deutschen Bank in Brandenburg gearbeitet. Gleich nach dem Abitur hat sie begonnen und beobachtet, wie leicht Banken Kredite an Interessierte vergeben. Dann wurde letztes Jahr ihre Filiale aufgelassen. Anja L. hätte in eine andere wechseln können, doch sie wollte sich umorientieren, Richtung Soziales. Vielleicht Familienberatung oder Sozialpädagogik, überlegte sie. Als sie eine Ankündigung der FH Potsdam las, die die Weiterbildung „Schuldnerberatung“ anbietet, war es ihr klar: Anja L. wollte von den Geldgebern auf die andere Seite wechseln, zu den Überschuldeten.

Fast vier Millionen Haushalte in Deutschland sind überschuldet und dadurch oft mit existenziellen Problemen konfrontiert: Häufig stehen schon vor der Überschuldung Erfahrungen wie Krankheit, Trennung, Arbeitslosigkeit oder dauerhaft zu niedriges Einkommen. Spätestens mit der Überschuldung drohen Sperre der Energieversorgung, Kontosperre oder Wohnungsverlust. Schuldnerberater agieren deswegen an zwei Fronten: sie verhandeln mit Gläubigern, lotsen durch das Insolvenzrecht. Sie erkennen aber auch Trennungsprobleme, Ängste und psychosoziale Not. Sie können in beiden Bereichen intervenieren.

Leere Taschen. Im Schnitt hatte ein Überschuldeter im vergangenen Jahr 34 504 Euro Schulden. Um einen Weg aus der Krise zu zeigen, müssen rechtliche Intervention, psychosoziale Beratung und pädagogische Hilfe aufeinander abgestimmt werden.
Leere Taschen. Im Schnitt hatte ein Überschuldeter im vergangenen Jahr 34 504 Euro Schulden. Um einen Weg aus der Krise zu zeigen,...Foto: Peter Steffen/dpa

„Ratsuchende kommen häufig spät, sie stehen schon vor existenzieller Bedrohung“, sagt Claus Richter, Professor an der TH Köln und wissenschaftlicher Leiter des Zertifikatskurses „Soziale Schuldnerberatung“, der nächstes Jahr an der Alice Salomon Hochschule startet. Die durchschnittlichen Schulden einer überschuldeten Person betrugen 2014 in Deutschland 34 504 Euro. Wenn durch ein Einfamilienhaus Immobilienschulden dazukommen, sei man schnell bei 80 000 bis 90 000 Euro, sagt Richter. Und scheitern Selbständige kämen noch höhere Beträge zusammen. Für parallele Beratungstermine sei dann häufig keine Zeit. Es brauche Hilfe aus einer Hand. „Rechtliche Intervention, psychosoziale Beratung und pädagogische Hilfe müssen abgestimmt sein“, sagt Richter.

Die Weiterbildung vermittelt dementsprechend Werkzeug, um zu intervenieren: Die Teilnehmer lernen die Rechtsgrundlagen der Privatinsolvenz kennen, das Verbraucher- und Zwangsvollstreckungsrecht, üben mit Gläubigern zu verhandeln, zum Beispiel damit die Bank die Raten senkt.

Anja L. fand an ihrer berufsbegleitenden Weiterbildung an der FH Potsdam, die ebenfalls Soziale Schuldnerberatung, also die Kombination aus Recht & Finanzen sowie Sozialer Arbeit anbietet, besonders die Einblicke in die praktische Arbeit interessant: Anwälte und Insolvenzrichter berichteten von ihrer Arbeit, auch ein Gerichtsvollzieher schilderte, wie es abläuft, wenn er klingelt und seinen berüchtigten Kuckuck auf Gegenstände des Schuldners klebt.

Auch große Unternehmen bieten Schuldnerberatung für ihre Mitarbeiter an

Weiterbildungen in „Sozialer Schuldnerberatung“ richtet sich zum einen an Personen, die direkt in der Schuldnerberatung tätig sind. Also häufig bei sozialen Trägern oder Kommunen. Aber auch große Unternehmen wie Bayer bieten mittlerweile Beratung zum Thema Überschuldung für ihre Mitarbeiter an.

Zum anderen ist man auch in anderen Feldern der Sozialen Arbeit immer häufiger mit Schulden der Klienten konfrontiert: in der Drogenhilfe, bei der Resozialisierung von Straftätern habe man es auch fast immer mit Schulden zu tun, sagt Richter. Auch Kollegen aus dem Gesundheitsbereich oder der Wohnberatung berichten davon.

Teilnehmer haben BWL-Hintergrund oder kommen aus der Sozialen Arbeit. Teilnehmer André Schulz zum Beispiel arbeitet zum Beispiel für die Berliner Beratungsstelle Knackpunkt e.V. als Coach. Zu ihm werden Personen von den Jobcentern vermittelt, man bietet Coaching und Bewerbungstraining an. Und häufig hätten die Klienten Schulden. Manchmal wissen sie gar nicht, wo überall und wie hoch. Schulz unterstützt sie dann, sich einen Überblick zu verschaffen. Legt gemeinsam mit ihnen eine Gläubigerliste an, einen Ordner mit den Unterlagen - als Vorbereitung für die eigentliche Schuldnerberatung, zu der er verweist.

Der Schuldnerberater hilft bei der Verbraucherinsolvenz
Der Schuldnerberater hilft bei der VerbraucherinsolvenzFoto: picture-alliance/ dpa

Für seine Arbeit hat der 39-Jährige auch viele Methoden der Gesprächsführung gezogen. Auch theoretische Hintergründe wie die Entstehung des Geldsystems und die Geschichte des Schuldwesens fand er sehr interessant. In einer schier ausweglosen Situation, in der zum Beispiel ein Klient nach fünf Jahren Leben mit Überschuldung sagt: „Ich kann nicht mehr“, sei eine Aufgabe des Beraters zu helfen, die Situation neu zu bewerten. Etwas Positives darin zu sehen, dass man sich jetzt Hilfe holt.

Für den Beruf brauche man aber auch Abstand, sagt Schulz. Schuldnerberater sind mit schweren Schicksalsschlägen konfrontiert. Es gibt bei vielen die realistische Perspektive einen Weg aus der Überschuldung zu holen, angesichts multipler Problemlagen berichten Kollegen aber auch ab und an von Suizid.

Klienten ins Verbraucherinsolvenzverfahren führen

„Nachhaltig die wirtschaftliche Lage zu stabilisieren“ ist das Ziel der Sozialen Schuldnerberatung laut Claus Richter. Wer einen Klienten in ein Verbraucherinsolvenzverfahren führt, arbeitet mit ihm ein Jahr und länger. Dabei geht es auch darum, Muster zu identifizieren, die zur Überschuldung geführt haben. Man klärt Ursachen, trainiert gemeinsam Haushaltsplanung: was wird im Monat für verschiedene Posten ausgegeben? Was hat – nach den Werten des Klienten, nicht nach denen des Beraters – Priorität? Man trainiert, Geld einmal pro Woche abzuheben und damit auszukommen. Und bespricht, wann es sinnvoll sein kann, etwas auf Kredit zu kaufen, ohne sich gleich wieder zu überschulden. Experte in Buchhaltung brauchen Schuldnerberater dafür nicht sein, meint Richter, außer man spezialisiert sich auf die Beratung von Kleinunternehmen. Mit einer Excel-Tabelle zu arbeiten oder sich über rechtliche Entwicklungen am Laufenden zu halten, sollten Interessierte aber nicht schrecken.

Anja L. hat für sich mittlerweile ihre Richtung gefunden: Sie möchte Familien finanziell beraten und bei der Erstellung eines Haushaltsbudgets helfen. Als präventives Angebot, damit es mit den Schulden gar nicht so weit kommt.

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