Welle von Börsengängen in Deutschland : Es herrscht Börsenfieber

Zalando und Rocket Internet machen den Auftakt für eine Welle von Börsengängen in Deutschland. In den kommenden Monaten werden in Deutschland zehn bis 15 weitere erwartet.

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Frankfurter Börse.
Beliebt wie lange nicht: Nach schwachen Jahren drängen viele Firmen wieder an die Frankfurter Börse.Foto: picture alliance / dpa

Die Liste ist so lang wie seit Jahren nicht mehr. Der Berliner Online-Modehändler Zalando und die ebenfalls aus der Hauptstadt stammende Rocket Internet mit ihren weltweit agierenden Internet-Händlern, -Marktplätzen und -Kreditbörsen sollen der Auftakt sein für eine Welle von Börsengängen in Deutschland. Ein Coup wie die Emission des chinesischen Internet-Konzerns Alibaba, der unlängst mit einem Erlös von rund 25 Milliarden Dollar in New York den größten Börsengang aller Zeiten aufs Parkett legte, wird es so bald zwar hierzulande nicht geben.

Doch auch in Deutschland herrscht das Börsenfieber: Die Nachfrage ist so groß, dass Rocket Internet den ersten Handelstag um eine Woche vorverlegte. Am 2. Oktober wird die neue Aktie eingeführt. Die Preisspanne liegt zwischen 35,50 bis 42,50 Euro je Aktie. Weil die Nachfrage nach dem Papier so groß ist, wurde die Erstnotiz am Freitag gar um eine Woche vorgezogen.

Das Umfeld für Börsengänge ist derzeit gut. Schon seit langem geht es hoch mit den Kursen – auch weil reichlich Geld vorhanden ist. Dabei sind Zalando und Rocket Internet Beispiele, wie sie für die Börse und die Volkswirtschaft generell wünschenswert sind. Die bisherigen Aktionäre behalten ihre Anteile, womit es in beiden Fällen um eine reine Kapitalerhöhung geht. Das frische Geld – bei Zalando (Erstnotiz am 1. Oktober) bis zu 633 Millionen, bei Rocket Internet bis zu 1,6 Milliarden – soll ausschließlich für Wachstum und Investitionen genutzt werden.

Rocket Internet wird zum größten Börsengang in Deutschland

Rocket Internet wird zum größten Börsengang in Deutschland in diesem Jahr. Das war bislang die Emission der Dachziegel-Firma Braas Monier im Juni mit 470 Millionen Euro. Überhaupt gab es bislang in Frankfurt in diesem Jahr nur fünf Börsengänge, die insgesamt gerade einmal eine Milliarde Euro eingebracht haben. 2013 waren es nach Angaben der Deutschen Börse bei sechs Emissionen immerhin 3,7 Milliarden Euro.

Hierzulande bleibt der erste Börsengang der Telekom 1996 mit einem Volumen von 13 Milliarden Euro der bislang größte Sprung aufs Parkett. Nach der Jahrtausendwende waren es Infineon und Deutsche Post mit 5,4 und 5,8 Milliarden Euro. Die größten Emissionen gab es aber im Ausland. Genauer noch: in China. Der Internetkonzern Alibaba sammelte 25 Milliarden Dollar an den Märkten ein, die Agricultural Bank of China 2010 und die Industrial & Commercial Bank of China 2006 jeweils 22 Milliarden Dollar.

Positive Entwicklung für Netzfirmen: Amazon legte seit 1997 um 19 000 Prozent zu

Eine immer größere Rolle spielen auf dem Kapitalmarkt Firmen, die ihre Geschäfte über das Netz betreiben: Etwa Facebook, Google und zuletzt Alibaba. Wer diese Aktien beim jeweiligen Börsengang gekauft hat, kann sich trotz zwischenzeitlicher Tiefschläge über enorme Wertzuwächse freuen: Amazon legte seit 1997 um 19 000 Prozent zu, Ebay um 2700 Prozent und Google um 1000 Prozent.

Nun rücken auch in Deutschland Internet-Firmen bei Börsengängen in den Vordergrund. Dazu gehört Scout24 mit diversen Online-Marktplätzen. 20 Prozent der Anteile könnten möglicherweise noch 2014 platziert werden und 400 Millionen Euro bringen, heißt es in Finanzkreisen. Sogar drei Milliarden Euro soll die Emission von Axel Springer Digital Classified bringen, einem Betreiber von digitalen Anzeigen-Börsen.

Aber auch klassische Branchen gehören zu den Börsenanwärtern: Etwa der Kabelnetzbetreiber Tele Columbus (erhoffter Erlös 300 Millionen Euro), die ostdeutsche TLG Immobilien (siehe Kasten) oder die Dämmstoff-Firma Armacell (300 Millionen).

Ernst & Young prognostiziert stärkstes Emissionsjahr seit der Finanzkrise

Martin Steinbach, Kapitalmarktexperte bei der Unternehmensberatung Ernst & Young, prognostiziert jedenfalls für 2015 das weltweit stärkste Emissionsjahr seit Beginn der Finanzkrise 2008. Knapp 590 Börsengänge gab es im ersten Halbjahr, 117 Milliarden Dollar spülte das in die Kassen der Unternehmen. In Europa waren es 152, in Deutschland aber nur sechs. Trotzdem sieht Steinbach „kräftige Lebenszeichen“ und „sehr ermutigende Signale“ auch hierzulande.

Bis zum Jahresende erwartet er noch zehn bis 15 Börsengänge. Damit wäre es das stärkste Emissionsjahr seit 2007, als Unternehmen in Deutschland bei Anlegern 7,85 Milliarden Euro einsammeln konnten. „Börsengänge sind trotz der überwiegend guten Rahmenbedingungen kein Selbstläufer“, sagt Steinbach aber auch. „Die Investoren schauen ganz genau hin: Das Management, die Story und der Preis müssen passen.“ Und die Stimmung. Und die ist in diesem Herbst trotz politischer Krisen und konjunktureller Schwächen ziemlich gut.

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