Wirtschaft : Wellness: Kneipps Erben lassen sich gerne verwöhnen

Thomas Magenheim

Thalasso-Therapie im Algenbad, altindische Ayurveda-Behandlungen oder Atmen mit chinesischer Qi-Gong-Technik - die Angebote der Wellness-Branche sind exotisch und schier unerschöpflich. Die boomende Gesundheitssparte tut aber nicht nur den Kunden gut. Auch die im Deutschen Wellness Verband (DWV) organisierten 32 Hotels verbuchen einen Umsatzzuwachs von 20 Prozent im Jahr und sind im Schnitt zu 80 Prozent belegt. "Da können andere nur von träumen," sagt DWV-Chef Lutz Hertel mit Blick auf weniger prosperierende Bereiche der Hotellerie.

Wellness-Hotels sind aber nur ein Aspekt der Wohlfühlbranche. Denn geworben werde von Trittbrettfahrern auch mit Wellness-Socken oder Wellness-Brot, bedauert Hertel solch marketinggesteuerte Missbräuche des trendigen Begriffs. Hier werden nur Etiketten geklebt und alles "bleibt letztlich irgendwie Wischiwaschi", sagt Hertel, der sich mehr als Verbraucherschützer denn als Wellness-Lobbyist versteht.

Insgesamt sind im Vorjahr in Deutschland Wellness-Produkte und -Dienstleistungen im Wert von 75 Milliarden Mark umgesetzt worden, schätzt das Frankfurter Marktforschungsinstitut Wefa. Andere Forscher sprechen von 122 Milliarden Mark Wellness-Umsatz, der bis 2003 auf 145 Milliarden Mark wachsen soll. Den Löwenanteil von bis zu 40 Prozent daran haben Fitness und Sport, gefolgt von Kuren und Gesundheitsurlauben mit einem Viertel der Ausgaben. Der Rest verteilt sich auf Massagen, Lebensmittel, Kosmetik oder Literatur. Bis 2004 dürfte die Zahl der Wellness-Schaffenden laut Wefa von heute 580 000 auf 750 000 Beschäftigte steigen.

Wohlfühl-Fieber kommt aus USA

Ursprünglich kommt der Wellness-Gedanke, der hier zu Lande ein wahres Wohlfühlfieber ausgelöst hat, aus den USA. Dort haben Ärzte in den 50er Jahren durch vermeintlich simple Dinge wie Bewegung und Ruhe neue Ansätze zu Therapie und Vorsorge verfolgt. Kanalisiert wurden diese Erkenntnisse in den Wellness-Programmen, die viele US-Unternehmen ihren Mitarbeitern heute bieten. "Die US-Wirtschaft spart durch jeden investierten Wellness-Dollar im Schnitt drei bis vier Dollar an krankheitsbedingten Kosten," sagt Hertel.

Auf Deutschland schwappte die Welle in den 90er Jahre über. Heute gelten Deutsche bei Experten nicht nur als Reise-, sondern auch als Wellness-Weltmeister. Nirgendwo auf der Welt gebe es eine mit Deutschland vergleichbare Dichte an Wellness-Einrichtungen. "Die Deutschen werden immer älter und werden von Reformen im Gesundheitswesen verstärkt zu eigenverantwortlicher Vorsorge gezwungen," begründet die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Tourismusverbands, Claudia Gilles den Boom. Der Verband schätzt, dass sich die Zahl der Wellness-Urlauber hier zu Lande binnen zehn Jahren vervierfacht. Bislang haben laut Studien 2,5 Millionen Deutsche einen Wellness-Urlaub gebucht.

Trotz Wellness-Duschgel und -Jogurt sind für Hertel vor allem Hotels und spezialisierte Reiseveranstalter wie IKD- oder Fit Reisen die Hauptimageträger des Trends. "Wellness-Tempel verkaufen Nähe," begründet er den enormen Zuspruch. Aber auch die Großen der Branche haben das Geschäft längst gewittert. "Wir sind bei Wellness führend", sagt ein Sprecher des Hannoveraner Reiseveranstalters TUI. Seit 1996/97 bietet TUI im Vital-Katalog Gesundheitsurlaube an und hat damit eine Spitzenquote von 140 Prozent Wachstum erreicht. Renner sind kurze Wellness-Trips von drei bis vier Tagen im eigenen Land, sagt der TUI-Sprecher, ohne absolute Zahlen zu nennen.

Laut einer im Hamburger Verlag Gruner und Jahr veröffentlichten Marktanalyse zu Kuren und Gesundheitsurlaub hat sich im Vorjahr jeder zehnte Deutsche ab 14 Jahren für einen reinen Wellness-Urlaub interessiert. Das sind knapp 6,5 Millionen potenzielle Kunden. 1999 lag die Quote erst bei sechs Prozent.

Immer mehr jüngere Kunden

Rechnet man Kuren und allgemeine Gesundheitsurlaube dazu, liegt das ermittelte Marktpotenzial bis 2002 bei napp 30 Millionen Buchungen. Geschätzt ist die Wellness-Kundschaft bei Kneipps Erben schon wegen ihrer Kaufkraft. Dem Wohlfühltrip verfallen heute nicht mehr ausschließlich Frauen zwischen 30 und 50 Jahren, sondern zunehmend auch jüngere Kunden und Männer vom Typ gestresster Manager, wobei zwei Merkmale laut Marktforschern für alle Wellness-Urlauber gelten. Sie sind überdurchschnittlich gebildet und haben ein Nettoeinkommen von mehr als 5000 Mark monatlich. Kein Wunder, denn Wellness-Angebote seien teuer, sagt Verbandssprecherin Gilles. Andere Experten bestätigen das. Was kostspielig ist, muss aber nicht immer auch gut sein.

"Nicht überall, wo Wellness drauf steht, ist Wellness drin," rügt Hertel. Als Wellness-Hotel würden auch ganz normale Hotels mit Schwimmbad und Heimtrainer im Keller firmieren. Der DWV hat deshalb ein Gütesiegel entwickelt, das verbindliche Mindeststandards garantiert. Problematisch seien neben Mogelpackungen auch die überzogenen Heilserwartungen mancher Urlauber, meint Gilles. "Die ziehen das Programm am Wochenende zügig durch und machen sich was vor," sagt Hertel mit Blick auf chronisch unter Strom stehende Kunden und deren Hang zu "Wellness-Quickies".

Grundsätzlich sieht er mit der zunehmenden Bereitschaft, sich verwöhnen zu lassen und zu entspannen, die "Schafferkultur" hier zu Lande aber bröckeln. Seiner Meinung nach steht der Wellness-Kult trotz aller Erfolge in Deutschland erst am Anfang.

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