Wirtschaft : Welt retten mit Wasserkocher

Wie der Ölkonzern Shell Energie und Geld spart

Dagmar Dehmer

Amsterdam - Das Thema Klimawandel ist in der Chefetage des Shell-Konzerns längst angekommen. In einem Brief an die Mitarbeiter, der dem Tagesspiegel vorliegt, schreibt Shell-Chef Jeroen van der Veer: „Die Debatte ist beendet, es ist Zeit zu handeln.“ Die Verkleinerung des „CO2-Fußabdrucks“ sei „eindeutig auch eine Wachstumschance“ für das Unternehmen. Beispiele dafür sind der Einstieg Shells in den Bau von Windparks, das Solargeschäft aber auch das Energiemanagement. Wilfried Maas versucht seit fünf Jahren Energieverschwendung aufzudecken und abzustellen. Offenbar mit Erfolg. In den Shell-Raffinerien, die er optimiert hat, sank der Energieverbrauch ohne große Investitionen um bis zu neun Prozent. Bis zu 20 Millionen US-Dollar sind so jährlich in einer amerikanischen Raffinerie an Energiekosten eingespart worden, bis Ende 2005 seien so 800 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO2) vermieden worden, rechnet er vor.

Doch Shell will nicht nur Vorbild für andere sein. Jeroen van der Veer fordert zugleich konkrete Vorgaben von der Politik. „Damit der Markt funktionieren kann, brauchen wir – paradoxerweise – erst einmal mehr Regulierung“, schreibt er. Wie die aussehen könnte, sagt sein Vize-Präsident, Bill Spence. Er wünscht sich, dass ein Unternehmen für die Lagerung von Kohlendioxid Emissionszertifikate erhält, die es anschließend verkaufen kann. Dafür gibt es in der Europäischen Union allerdings bisher keine Mehrheit.

Carl Mesters Beitrag zur Rettung des Weltklimas sieht aus wie ein zu groß geratener Wasserkocher. Der Chefwissenschaftler im Bereich Chemie beim Mineralölkonzern Shell hat im Forschungszentrum in Amsterdam eine Mineralisierung des klimaschädlichen CO2 entwickelt. Das könnte eine Variante sein, das Treibhausgas, das bei der Verbrennung fossiler Energieträger entsteht, aus dem Verkehr zu ziehen, bevor es in der Atmosphäre landet und dort die Erderwärmung antreibt.

Bisher verstehen die Energiekonzerne unter CCS (Carbon Capture and Storage) das Einfangen von CO2 und die Verpressung des Klimagases in ehemalige Öl- oder Gaslagerstätten. Doch nun testet Shell eine weitere Variante: Das CO2, das beim Betrieb eines Kohlekraftwerks oder einer Raffinerie entsteht, wird eingefangen und dann unter Druck bei Temperaturen zwischen 100 und 200 Grad Celsius über Magnesium- oder Calcium-Silikate geleitet. Die Mineralien reagieren mit dem Gas. Dabei entsteht Energie und ein weißes Pulver bestehend aus Calcium- und Silizium-Carbonat. Der Vorteil: Das Material könnte im Hoch- wie im Tiefbau eingesetzt werden.

Doch selbst wenn es nur irgendwo gelagert würde, könnte man sicher sein, dass das CO2 fest gebunden bleibt und nicht auf einen Schlag doch noch in die Atmosphäre aufsteigt. Ob das Ganze auch großtechnisch funktioniert, und wie viel es kosten wird, weiß Carl Mesters noch nicht. Aber er glaubt, dass die CO2-Mineralisierung in etwa zwei Jahren das Labor verlassen kann und Shell seine Versuche mit einer Pilotanlage fortsetzen kann. Die Ausgangsmineralien gebe es überall auf der Welt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben