Wirtschaft : Weltbank: "Wir sind keine reine Finanzbehörde" (Interview)

Herr Linn[wozu braucht die Weltbank 26 Vizepr&aum]

Johannes Linn (53) ist Weltbank-Vizepräsident und für Europa und Zentralasien zuständig. Der Deutsche studierte Jura - auch an der FU Berlin.

Herr Linn, wozu braucht die Weltbank 26 Vizepräsidenten?

Das erfordert unsere Organisationsstruktur. Allein sechs Vizepräsidenten sind für die großen Regionen dieser Welt zuständig. Ich bin für Europa und Zentralasien verantwortlich. Dazu gehören Russland, der Balkan, die Türkei und die EU-Anwärterländer. Das ist nach Afrika unser zweitwichtigstes Gebiet.

Sie arbeiten seit fast 30 Jahren für die Weltbank. Wie hat sich die Arbeit verändert?

Früher haben wir gezielter mit einzelnen Ländern gearbeitet. Heute sind wir global aufgestellt. Dabei geht es nicht nur ums Geld. Wir sind keine reine Finanzbehörde. Wissensvermittlung rückt immer stärker in den Vordergrund. Außerdem ist unsere Arbeit transparenter geworden. Dabei legen wir großen Wert auf die Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen (NRG) vor Ort. Grundsätzlich wollen wir anders wahrgenommen werden - in Europa auch als eine europäische Institution.

Die Weltbank braucht keine Reformen?

Es hat sich bereits vieles verändert. Heute wird größeres Gewicht darauf gelegt, dass in den Ländern selber Programme erarbeitet werden, denen wir zustimmen können, etwa in Russland.

Es gibt aber Überschneidungen mit dem IWF.

Ein Monopol der Institutionen macht keinen Sinn. Eine gewisse Konkurrenz hat durchaus Nutzen. So gesehen können Überschneidungen sinnvoll sein. Es wäre Unsinn, müsste sich Weltbank oder IWF aus entscheidenden Konsultationsgesprächen zurückziehen.

Auf der Jahrestagung von Weltbank und IWF in Prag wird es um Reformen gehen. Was bringt die Weltbank mit?

Große Reformen in unserem Hause sehe ich nicht. Entscheidend für uns bleibt, dass wir unseren Ansprüchen weiter gerecht werden können. Und gute Arbeit vor Ort leisten.

Sie betreuen Russland. Moskau möchte wieder Gelder vom IWF und von der Weltbank. Wird Washington zahlen?

Vor dem G-8-Gipfel im japanischen Okinawa wird es wohl kein frisches Geld von uns geben. Man muss aber sehen, dass Russland sich wirtschaftlich erholt hat. Außerdem hat sich Moskau einiges vorgenommen. Man wir abwarten müssen, was nun auch in die Tat umgesetzt wird. Die Steuerreform wird die erste Nagelprobe sein. Neue Budgetmittel von der Weltbank wird es vorläufig nicht geben. Allerdings stehen noch 1,1 Milliarden US-Dollar zur Verfügung; aus einem Programm, das möglicherweise annulliert und durch ein neues Programm ersetzt wird. Wenn das Regierungsprogramm von Putin überzeugt, werden diese Gelder wieder freigemacht. Allerdings nicht vor dem Herbst.

Muss die Weltbank nicht daran interessiert sein, dass auch mehr private Geber in Erscheinung treten?

Natürlich sind wir daran interessiert. Beim IWF hat die Diskussion um die Einbindung privater Institutionen bei der Umschuldung natürlich ein anderes Gewicht als bei uns. Doch grundsätzlich arbeiten auch wir darauf hin, dass die Privaten auf Dauer allein die Last tragen können.

Wo ist man schon so weit?

In Ungarn, Estland oder Slowenien können wir uns mit Freude und Erfolg zurückziehen.

Ist Russland das größte Sorgenkind?

Nein. Die Ukraine, Moldavien, der Kaukasus haben noch Nachholbedarf. Es gibt etliche Regionen, in denen noch viel zu tun ist. Auch im Balkan.

Die Weltbank unterstützt den Stabilitätspakt für den Balkan. Warum?

Das gehört zu unseren Pflichten. Hier wird erstmals der Versuch von mehreren Partnern unternommen, eine ganze Region einzubinden. Dabei stehen wir den Ländern mit Rat und Tat zur Seite. Wir hoffen, dass unsere Unterstützung für die Länder einen Ansporn darstellt, zur notwendigen Geschlossenheit zu finden.

Sie sind auch im Rahmen der geplanten EU-Erweiterung zum wichtigen Ansprechpartner für Brüssel und Berlin geworden...

Ja. Auf Bitte der EU-Kommission prüft die Weltbank die Anpassungsberichte der EU-Anwärterländer. Wir kümmern uns um das so genannte Monitoring. Wir untersuchen die makroökonomische Struktur, die sozialen Verhältnisse und die Regierungen.

Wer hat seine Hausaufgaben denn bisher am besten gemacht?

Es ist nicht unsere Aufgabe, das zu bewerten. Auch wenn wir das wüssten, sollten wir uns nicht in den Verhandlungsprozess einmischen. Sagen werden wir allerdings, wo die Korruption am Werke ist. Im September werden wir einen entsprechenden Bericht vorlegen. Auf die Reaktionen bin ich gespannt.

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