Weltfrauentag : Ihr eigener Chef

Frauen haben am Arbeitsmarkt noch immer weniger Chancen als Männer. Viele gründen deshalb ihre eigene Firma.

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Frauen droht im Alter Armut.
Frauen droht im Alter Armut.Foto: dpa

Die Politik will es, die Wirtschaft auch. Und trotzdem will es nicht so recht gelingen mit der Gleichberechtigung der Frauen am Arbeitsmarkt, meint Katja von der Bey. „Frauen können nicht im gleichen Maße am gesellschaftlichen Wohlstand teilhaben wie Männer“, kritisiert sie. Von der Bey unterstützt deshalb Frauen dabei, sich als Unternehmerinnen selbständig zu machen. Sie ist Chefin der Berliner Weiberwirtschaft – einer Genossenschaft, die Frauen Gewerberäume für ihre Firmengründung stellt.

Finanziert wird das Projekt von 1700 Frauen, die sich als Genossen an der Weiberwirtschaft beteiligen. Der Andrang auf die Räume für Unternehmerinnen ist groß, die Warteliste lang. 80 Firmen haben derzeit in dem Gewerbehof in Berlin-Mitte ihren Sitz, 65 weitere warten auf einen Platz. „Es gibt noch viel zu tun“, sagt von der Bey.

Ihre Darstellung deckt sich mit den Zahlen und Positionspapieren, die Ämter und Verbände anlässlich des Weltfrauentages veröffentlicht haben. Der Tenor ist bei allen der Gleiche: Die Wirtschaft wird weiblicher, weil mehr Frauen arbeiten – dennoch sind sie den Männern nicht gleichgestellt. Sie verdienen weniger als ihre männlichen Kollegen und haben schlechtere Aufstiegschancen.

17,7 Millionen Frauen zwischen 20 und 64 Jahren waren 2012 in Deutschland erwerbstätig, zeigt eine Auswertung des Statistischen Bundesamts. Das heißt, in dieser Altersgruppe hatten 71 Prozent der Frauen einen Job. Das ist mehr als in den meisten anderen Ländern Europas. Höher war der Anteil der weiblichen Erwerbstätigen nur in den Niederlanden, Finnland, Dänemark und Schweden. Der Durchschnitt in der Europäischen Union lag bei 62 Prozent. Zufrieden sind die deutschen Frauen aber dennoch nicht.

Strukturen benachteiligen Frauen

Eine Studie der Gewerkschaft IG Metall zeigt: 84 Prozent der Frauen sind der Meinung, dass sie in weiten Teilen der Gesellschaft noch immer benachteiligt werden – vor allem im Berufsleben. 72 Prozent der Männer sehen das genauso. „Es ist kein Zufall, dass zwei Drittel der über sieben Millionen Minijobber weiblich sind“, sagte Christiane Benner, stellvertretendes Vorstandsmitglied der IG Metall. „Diese strukturelle Benachteiligung von Frauen ist eine der größten sozialpolitischen und ökonomischen Herausforderungen unseres Landes.“ 

Berühmte Frauen in Berlin
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Rentenkluft doppelt so groß wie Einkommenskluft

Mehrere Verbände wiesen am Freitag daraufhin, dass Frauen im besonderen Maße von Altersarmut bedroht sind. „Nach wie vor ziehen sich Staaten aus Sozial- und Rentensystemen zurück“, warnten die Europäische Frauenlobby und die Seniorenplattform AGE. Nach Angaben der Verbände bekommen Frauen in der EU derzeit im Schnitt 39 Prozent weniger Rente als Männer. Damit ist die Rentenkluft mehr als doppelt so tief wie die Einkommenskluft zwischen arbeitenden Frauen und Männern, die etwa 16 Prozent beträgt.

Auch Berlins Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) beklagt, dass zu viele Frauen „kein existenzsicherndes Einkommen“ hätten. Sie fordert: „Jede Frau, die arbeitet, sollte von ihrem Gehalt und im Alter von ihrer Rente auch ihr Leben bestreiten können.“ Die Unternehmer müssten darauf reagieren. Ihnen rief sie am Freitag zu: „Versteht endlich, dass Frauen hervorragende Führungskräfte sein können – wenn man sie lässt.“

Die Bundesregierung müsse ihre Hausaufgaben machen, mahnte die Senatorin an. Sie verwies auf den Gleichstellungsbericht des Bundes, der zeige, dass es in Deutschland noch immer viele Anreize für Frauen gebe, aus dem Erwerbsleben teilweise auszusteigen. „Von Berlin aus werden wir sehr darauf achten, dass die neue Bundesregierung hier tatsächlich Gleichstellungspolitik macht“, sagte Kolat. Sie setze große Hoffnungen auf den Mindestlohn. Durch ihn „müssen Niedriglöhne, von denen überwiegend Frauen betroffen sind, eingedämmt werden“.

Berlin ist dennoch Vorreiter, aber Verbesserung muss weiter gehen

Katja von der Bey setzt derweil auf die Eigeninitiative der Frauen und animiert sie, sich als Unternehmerinnen selbständig zu machen. „Berlin ist bei der Förderung von Frauen sehr weit“, sagt sie, aber von Gleichberechtigung im Arbeitsalltag könne auch hier noch nicht die Rede sein. Deshalb wird die Chefin der Weiberwirtschaft am heutigen Samstag auf die Straße gehen und sich am Gesundbrunnen einer Demo mit dem Titel „Frauenkampftag“ anschließen.

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