Wirtschaft : Welthandels-Konferenz in Katar: Interview: Die Bereitschaft zum Kompromiss ist spürbar

Herr von Witzke[die EU überschüttet ihr]

Harald von Witzke ist Professor für Internationalen Agrarhandel und Entwicklung an der HU Berlin.

Herr von Witzke, die EU überschüttet ihre Landwirte seit Jahrzehnten mit hohen Subventionen. Das ärgert Amerika und die Entwicklungsländer gewaltig. Glauben Sie, dass die EU ihnen nun entgegenkommen wird und den Markt öffnet?

Das hoffe ich. Aber man muss unterscheiden. Bei Getreide oder Ölsaaten gibt es praktisch schon jetzt freien Handel. Auch andere Agrarprodukte, wie Hühner oder Schweinefleisch, werden zu Weltmarktpreisen gehandelt. Die vergleichsweise hohen Staatszuschüsse zahlt die EU vor allem bei Zucker, Oliven, Milch und Rindfleisch.

Die Subventionen für Industriegütern sind hier zu Lande in den letzten 50 Jahren von 40 auf vier Prozent gefallen, Agrar-Subventionen liegen noch bei 40 Prozent. Warum?

Das hat eine lange Tradition. Nach dem Krieg arbeitete noch die Hälfte der Bevölkerung in der Landwirtschaft, heute sind es gerade zwei Prozent. An jedem Arbeitsplatz in der Landwirtschaft hängen fünf weitere Arbeitsplätze. Um den ländlichen Raum nicht ausbluten zu lassen, haben Bauern künstlich hohe Preise für ihre Produkte bekommen.

Unter welchen Voraussetzungen wird sich die EU auf Subventions-Abbau einlassen?

Das hängt davon ab, was die Amerikaner machen. Die US-Regierung wollte schon bis 2002 die Preisstützungsmaßnahmen um die Hälfte reduzieren. Heute steckt sie mehr Geld in die Landwirtschaft als jemals zuvor.

Warum sollten die USA ihre Politik ändern?

Die USA hatten bisher einen Etatüberschuss. Daher konnte die Regierung die Farmer großzügig unterstützen. Das wird sich durch den Krieg in Afghanistan ändern. Darum wächst die Bereitschaft, Agrarsubventionen abzubauen.

Dann erhöht der Krieg also die Chancen auf eine Einigung in der Welthandelsrunde?

Das könnte man so sagen. Subventionen sind aber das kleinere Problem in Doha. Der wirkliche Knackpunkt wird die Forderung der Europäer sein, ihre hohen Qualitäts- und Umweltstandards im WTO-Regelwerk zu verankern. Nach den Vorstellungen der EU soll künftig niemand Ware nach Europa einführen dürfen, die nicht diesen Standards entspricht.

Darauf wollen sich die Amerikaner aber nicht einlassen.

Die Amerikaner verstehen nicht, warum die Europäer sich so anstellen. Ein gutes Beispiel ist Gen-Mais. Bisher hat niemand bewiesen, dass der für Menschen schädlich sind. Trotzdem weigern sich die Europäer vorsorglich, Gen-Mais aus den USA einzuführen - obwohl das gegen WTO-Regeln verstößt.

Die Entwicklungsländer werfen den Europäern vor, sie wollten höhere Qualitätsstandards nur durchsetzen, um neue Handelsbarrieren aufzubauen. Stimmt das?

Das Argument ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Umweltauflagen sind teuer, das können sich die meisten Entwicklungsländer nicht leisten. Die Lage für Entwicklungsländer wird nach Doha nicht besser werden.

Wie soll es bei so unterschiedlichen Positionen überhaupt gelingen, einen neue Handelrunde zustandezubringen?

Das geht nur über ein Tauschgeschäft außerhalb der Landwirtschaft. Innerhalb der Landwirtschaft ist die Lage tatsächlich ziemlich festgefahren. Und sie wird nicht einfacher, wenn China und Taiwan der WTO beitreten und die EU erweitert wird.

Wie groß ist die Chance, dass es in Doha zu einer Einigung kommt?

Das hängt von der Entwicklung des Welthandels in den nächsten Jahren ab. Wenn die Weltmarktpreise niedrig sind, sind Europäer und Amerikaner zu einem Subventionsabbau bereit. Steigen die Weltmarktpreise, ist der Druck weg.

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