Wirtschaft : Weltkonjunktur: Nach dem Terror kommt die Angst vor weltweiter Rezession

Brüssel / Berlin

Über die Auswirkungen der Terrorakte in den USA auf die Weltkonjunktur herrscht unter Politikern und Wirtschaftsexperten noch Unsicherheit. Die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bundesregierung traten am Mittwoch Befürchtungen entgegen, dass in vielen Ländern nun eine Rezession drohe und warnten vor Panikreaktionen. Einige Volkswirte warnten indes, die labile Lage insbesondere der US-Ökonomie könne in eine Krise mit schrumpfender Wirtschaft umschlagen.

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Osama bin Laden: Amerikas Staatsfeind Nummer 1 gilt als der Hauptverdächtige Die Anschläge in den USA werden nach Einschätzung von EZB-Präsident Wim Duisenberg möglicherweise lang anhaltende Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. "Dieser Schock für das Finanzsystem könnte langfristige Konsequenzen haben", sagte Duisenberg am Mittwoch vor dem EU-Parlament in Brüssel. Für ein präzisere Einschätzung sei es noch zu früh. Entscheidend sei nun, dass das Vertrauen der Verbraucher und der Wirtschaft stabil bleibe. Änderungen der Leitzinsen wegen der Anschläge lehnte Duisenberg zum jetzigen Zeitpunkt ab. "Voreilige Bewegungen" durch die EZB würden "Panik" auslösen. Der Zentralbankrat der EZB kommt am Donnerstag in Frankfurt zu einer Sitzung zusammen. Den USA versicherte Duisenberg, beim Funktionieren der Finanzmärkte behilflich sein zu wollen. Über eine Stützung des Dollar am Devisenmarkt mochte er nicht reden. Zuvor hatte die EZB den Finanzmärkten rund 69 Milliarden Euro zusätzliche Liquidität bereitgestellt, nachdem die Geldmarktsätze in Folge der Anschläge kräftig gestiegen waren.

Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) bezeichnete Warnungen vor einer Konjunkturkrise am Mittwoch in Berlin als "Quatsch". Die größten Gefahren seien nun "selbst ernannte Katastrophenpropheten", sagte er. Die Entwicklung des Ölpreises gebe zur Hoffnung Anlass, dass ein Konjunkturschock ausbleibe. Die Bundesregierung stimme sich eng mit den europäischen Partnern ab, den Zentralbanken und der US-Regierung. Ziel sei es, für ein ordnungsgemäßes Funktionieren der Finanzmärkte zu sorgen. "Durch Taten von Verrückten kann die Weltwirtschaft nicht beeinflusst werden", betonte er. Es gebe Überlegungen, das Treffen von Währungsfonds und Weltbank Ende September abzusagen und statt dessen eine Sondertagung der führenden G8-Industriestaaten einzuberufen.

Wirtschaftsforscher hingegen hielten es durchaus für möglich, dass die Terroranschläge eine Rezession auslösen. Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH), Rüdiger Pohl, urteilte, wenn die US-Verbraucher ihren Konsum reduzierten, "steht am Ende die Rezession". Weltwirtschaftlich hänge alles an den USA. Höhere Ölpreise könnten eine Erholung der Konjunktur verhindern. Mark Zandi, Chefvolkswirt bei der US-Beratungsfirma Economy.com, ist ebenfalls pessimistisch. "Es ist wahrscheinlich, dass das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal schrumpfen wird angesichts der Störungen, die durch den Zusammenbruch der Transportsysteme und Finanzmärkte entstehen." Der Chefökonom der US-Bank Wells Fargo & Co, Sung Won Sohn, bezeichnete eine weltweite Rezession als wahrscheinlich. "Dieser Anschlag auf das Vertrauen wird uns in eine Rezession schleudern." Er rechne mit Massenverkäufen, sobald die US-Börsen wieder geöffnet seien. Der Londoner Investmentbank Goldman Sachs zufolge dürften die Anschläge die Konjunkturschwäche in Europa verschärfen. Die weitere Entwicklung werde davon abhängen, wie aggressiv die Notenbanken nun die Geldpolitik lockerten.

Andere Volkswirte äußerten sich zurückhaltender. Entscheidend sei, ob der private Konsum und die Investitionen in den USA zurückgingen. Falls ja, würde dies auch die exportgeprägte deutsche Konjunktur treffen, sagten die Wissenschaftler. Der Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA), Thomas Straubhaar, rechnet nur mit einer verzögerten Erholung der US-Konjunktur. Sofern sich die Krise nicht zum "Flächenbrand" ausweite, seien keine gravierenden Folgen zu befürchten. Die Preise für Öl, Rohstoffe und Gold würden in den kommenden Tagen stärker als sonst schwanken. "Die Konjunktur in Europa und den USA ist aber stabiler als angenommen", erklärte Straubhaar. Um kurzfristige Liquiditätsengpässe zu vermeiden, sollten die US-Notenbank Fed und die EZB "bei nächster Gelegenheit" die Zinsen senken.

Auch der Chef des Münchener Ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, erwartet kein Schrumpfen der US-Wirtschaft, nur eine Verzögerung der erwarteten Trendwende. Sein Chef-Prognostiker Willi Leibfritz sagte, für die Weltwirtschaft könne es eher zum Problem werden, wenn die USA als Folge der Terroranschläge einen protektionistischen Kurs einschlügen. "Wenn es den USA wirtschaftlich nicht gut geht, ergreifen sie tendenziell protektionistische Maßnahmen", sagte Leibfritz. Wahrscheinlicher sei aber, dass "die USA zu der Einsicht kommen: Wir müssen zusammenrücken, miteinander arbeiten und den Terror gemeinsam bekämpfen". Die Globalisierung würde durch die schlimmen Anschläge nicht gestoppt.

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen den USA und Deutschland sind traditionell eng. Im Jahr 2000 exportierten deutsche Unternehmen in die USA Waren im Wert von 119 Milliarden Mark, das ist mehr als ein Zehntel der gesamten deutschen Ausfuhren. Die USA sind der wichtigste Handelspartner Deutschlands außerhalb der EU. Die Importe aus Amerika beliefen sich auf 91 Milliarden Mark. In den USA waren Anfang 2001 3000 deutsche Unternehmen tätig, sie investieren dort etwa 237 Milliarden Mark pro Jahr.

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