Wirtschaft : Weltmacht in Grün

China legt einen neuen Fünfjahresplan vor. Auch deutsche Firmen versprechen sich viel davon

Finn Mayer-Kuckuk[Peking]

Wenn Chinas Führer in den vergangenen zwei Jahrzehnten über ihre Wirtschaftspolitik sprachen, dann ging es vor allem um eine Frage: Wie stark wächst das Riesenreich? Wenn sie heute darüber sprechen, klingt das so: „Wir sind fest entschlossen, eine ressourcensparende und umweltfreundliche Gesellschaft aufzubauen.“ So beschreibt Premierminister Wen Jiabao die Ziele seiner Politik. Das Land müsse den Übergang zu einem „neuen Wachstumsmodell“ beschleunigen, ergänzt sein Vize, Li Keqiang. Und damit im autoritär regierten China alles seine Ordnung hat, haben Pekings Mächtige die neuen Schwerpunkte in einem Fünfjahresplan festgeschrieben. Dessen Name klingt wie ein Relikt aus Zeiten des Steinzeitsozialismus. Doch der „zwölfte Fünfjahresplan für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Volksrepublik China“ umreißt ein hochmodernes Projekt, möglicherweise sogar eines der wichtigsten Vorhaben unserer Zeit.

Das bevölkerungsreichste Land der Erde will endlich umweltfreundlicher werden, will seinen Ausstoß an Klimagasen verringern und die sozialen Ungleichgewichte in den Griff bekommen. Innerhalb der nächsten fünf Jahre will China 300 Milliarden Dollar jährlich in Schlüsselindustrien investieren: erneuerbare Energien, Informationstechnik, moderne Werkstoffe. Hier will China möglichst schnell zur Weltspitze aufschließen.

Für die deutsche Industrie ist der Plan aber vor allem eins: die Grundlage für gute Geschäfte in der Zukunft. Deutsche Unternehmen hoffen, nachdem sie in den vergangenen Jahren schon an der Industrialisierung Chinas verdient haben, nun auch von der Umstellung Chinas auf eine Zukunftswirtschaft zu profitieren. Ob Siemens, Volkswagen, Daimler oder Bosch – deutsche Manager träumen vom China- Boom 2.0. Jetzt soll sich beim Wandel des roten zum grünen Riesenreich auszahlen, dass Deutschlands Konzerne seit Jahren als führend auf dem Gebiet der Ökotechniken gelten.

In den ersten elf Monaten 2010 haben ausländische Unternehmen bereits 92 Milliarden Dollar in China investiert. 60 Prozent der deutschen Unternehmen haben in diesem Jahr ihre Investitionen in China ausgebaut – Tendenz steigend.

Die neue Blaupause für Pekings Wirtschaftspolitik zeigt eine neue Philosophie in der chinesischen Wirtschaftspolitik. Der Plan hat vier Hauptziele, die alle unter das Thema „mehr Qualität statt reine Quantität im Wachstum“ fallen. Schon im kommenden Jahr soll der neue Plan in Kraft treten. Es ist das zwölfte dieser Papiere seit 1953. Damals enthielten die mehrbändigen Dokumente noch Produktionszahlen für alle Warengruppen. Seit 1981 handelt es sich dagegen eher um Strategiepapiere für die Wirtschaftspolitik. Die Pläne spiegeln seitdem die Änderungen in der chinesischen Denkweise wider: zunächst den Wechsel zur Marktwirtschaft, dann die Betonung der Exportmacht und nun den Schwenk zur Nachhaltigkeit.

Während die Industrie sich schon auf die Absatzmöglichkeiten vorbereitet, arbeitet die Regierung noch mit Hochdruck an den letzten Details. Sie schiebt auch die Öffentlichkeitsarbeit für ihre neue Wirtschaftspolitik an. Derzeit startet eine landesweite PR-Kampagne. Schon jetzt gibt der Staatsrat dem Volk das Gefühl, in den Prozess eingebunden zu sein – alle Bürger sind aufgefordert, Vorschläge einzusenden. Das geht ganz zeitgemäß auch per SMS.

Doch auch Innovationen aus Deutschland sind willkommen. Der Autozulieferer Bosch etwa erwartet vom zwölften Fünfjahresplan Aufträge für hochentwickelte Autoteile. „China meint es ernst damit, schneller als der Rest der Welt umweltfreundlicher zu werden“, sagt Uwe Raschke, der das Asien-Pazifik-Geschäft von Bosch verantwortet. Auch als Anbieter von Photovoltaikanlagen oder Getrieben für Windanlagen kann Bosch profitieren. „Chinas Pläne bedeuten eine große Chance für die Umwelt und eine große Chance für Bosch“, sagt Raschke.

Der Technologiekonzern Siemens sieht den Hauptnutzen des Fünfjahresplans im Umbau der Energieinfrastruktur des Landes. Als aktuelles Beispiel nennt das Unternehmen den Aufbau einer Überlandleitung für elektrischen Strom, mit der auch auf weiten Übertragungsstrecken kaum noch Energie verloren gehe. Mithilfe der Hochspannungsgleichstromübertragung lassen sich die Entfernungen zwischen den Wasserkraftwerken des Landes und den Großstädten überbrücken. Auf den geplanten Ausbau erneuerbarer Energien hat sich Siemens mit dem Aufbau einer Windturbinenfertigung vorbereitet. Zudem hoffen deutsche Konzerne auf die neue Elektroautostrategie in Peking. Siemens-China-Chef, Cheng Mei-Wei, ist überzeugt: „Die Entwicklung der Elektromobilität in China bringt einen riesigen Markt hervor.“ Darauf setzt auch VW. Schon im kommenden Jahr will der Autobauer mit einer Testflotte von Elektroautos im Land unterwegs sein.

Fragt sich nur, ob das alles so aufgeht wie gehofft. Experten rechnen damit, dass es in der Praxis Abstriche geben wird. „Die Betonung der Nachhaltigkeit ist zwar der richtige Weg“, sagt Thomas Kustusch von der niederländischen Umweltberatung Arcadis, die ein Büro in Schanghai betreibt, „doch der Plan ist in erster Linie als Willenserklärung zu sehen.“ HB

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