Wirtschaft : Weltmarktführer setzen die IG Metall unter Druck

Die drei großen Hersteller von Druckmaschinen wollen länger arbeiten lassen / Werk in Radebeul prescht vor

Alfons Frese

Berlin – Albrecht Bolza-Schünemann will nichts sagen. Dabei sei er normalerweise „nicht verschlossen“, entschuldigt sich der Vorstandsvorsitzende der König & Bauer AG (KBA). Aber welche Strategie verfolgt er im Tarifpoker mit der IG Metall? „Kein Kommentar.“ Sicher ist nur, dass bei der sächsischen KBA-Tochter in Radebeul eine Vereinbarung getroffen wurde, die längere Arbeitszeit ohne zusätzliche Bezahlung ermöglicht. Das könnte zum Vorbild werden für die anderen KBA-Werke im Westen und für die Branche insgesamt. Doch davor steht die IG Metall: Gegen KBA-Radebeul wird derzeit in der Frankfurter Gewerkschaftszentrale eine Klage vorbereitet.

Das Tarifchaos bei den drei großen deutschen Druckmaschinenherstellern dürfte die kommenden Monate bestimmen. Dabei sah es so aus, als wäre eine branchenübergreifende Vereinbarung über eine Kostenentlastung möglich. Jedenfalls erklärte der zweite IG Metall-Vorsitzende, Berthold Huber, den Vorstandsvorsitzenden von Heidelberger Druckmaschinen, MAN Roland und König&Bauer seine Gesprächsbereitschaft. Ausgangspunkt für Hubers Schreiben waren vor allem die Bestrebungen bei MAN Roland, eine Kostenentlastung zu bekommen: In Offenbach möchte MAN für rund 3500 Arbeitnehmer die Arbeitszeit um ein paar Stunden verlängern – bei unveränderter Bezahlung.

Doch dann kam alles anders, weil König&Bauer plötzlich auf eigene Rechnung vorging: Am Standort im sächsischen Radebeul, wo gut 2000 Mitarbeiter Bogendruckmaschinen herstellen, einigte sich die Unternehmensleitung mit dem Betriebsrat auf eine Betriebsvereinbarung, die wiederum die Möglichkeit eröffnet, mit jedem einzelnen Beschäftigten eine längere Arbeitszeit ohne mehr Geld zu vereinbaren. Und im Osten lassen sich die Arbeitnehmer aus Angst um den Arbeitsplatz darauf ein. „Die Belegschaft ist umgeben vom arbeitsmarktpolitischen Elend“, erklärt ein IG Metaller aus dem Westen die Situation im Osten.

Die Gewerkschaft lässt sich das nicht bieten und wird gegen das Unternehmen klagen, weil vermutlich ein Verstoß gegen das Betriebsverfassungsgesetz vorliegt. Doch wichtiger als die rechtliche Dimension des Falls ist die politische: Wenn eine Firma von der Gewerkschaft einen Nachlass bekommt, zieht das entsprechende Begehrlichkeiten der Wettbewerber nach und am Ende haben sich überall die Arbeitszeiten verlängert.

Im aktuellen Fall geht es angeblich um eine neue Produktionslinie, die KBA in Radebeul oder in Tschechien ansiedeln will. Wenn die Sachsen nicht nachgeben, dann bekommt Tschechien den Zuschlag – so sieht das jedenfalls die Belegschaft. Peter Hanzelka, Betriebsratsvorsitzender in Radebeul: „Ich will, dass die IG Metall einen Sondertarifvertrag abschließt, denn wir haben ein Kostenproblem.“ Zwar sei die Auftragslage bei Planeta gut, mehr als 80 Prozent der Maschinen gehen in den Export. Doch die Preise sinken. Vor allem Druckmaschinenhersteller aus Japan sitzen den Deutschen, die bislang den Weltmarkt klar dominieren, im Nacken. Dabei steht Radebeul vergleichsweise gut da; auch deshalb, weil dort eh schon drei Stunden in der Woche länger gearbeitet wird als im Westen.

Für Heinz Bierbaum, Professor an der Hochschule für Technik im Saarland und Kenner der Druckmaschinenszene, wollen die Unternehmen die Gunst der Stunde nutzen. Nachdem es bei zwei Siemens-Betrieben eine Reduzierung der Arbeitskosten um 30 Prozent gegeben habe, wollten nun alle möglichen Firmen längere Arbeitszeiten durchsetzen. „Das hat weniger etwas mit der Ertragssituation zu tun“, sagt Bierbaum. Die Branche habe „das Schlimmste hinter sich“ und von der diesjährigen Fachmesse Drupa einen Schub bekommen.

Ende Juli hatte die Gewerkschaft die Betriebsräte der Branche in der Frankfurter Zentrale auf Linie gebracht. „Mit uns gibt es kein Zurück zur 40-Stunden-Woche als Regelarbeitszeit“, hieß es damals in einer gemeinsamen Erklärung. Weil es nach Berechnungen der IG Metall 2500 Arbeitsplätze kosten würde, wenn die Druckmaschinenbauer statt 35 Stunden im Westen und 38 im Osten künftig 40 Stunden arbeiten würden. Doch da bei MAN in Offenbach im roten Bereich produziert wird, kommt die IG Metall unter Druck. In zwei Wochen werden die Verhandlungen über eine längere Arbeitszeit fortgesetzt. Bei KBA dagegen stellt die Gewerkschaft sich nach dem Fall Radebeul stur. Dabei bestätigt Volker Schiele, Personalchef in der KBA–Zentrale, das Ziel einer 40-Stunden-Woche – ohne Lohnausgleich. Und zwar für alle Standorte. Neben Radebeul im Osten sind das Frankenthal und Würzburg im Westen.

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