Wirtschaft : Weltweit auf der Suche nach Programmierern

JONATHAN KAUFMAN

US-Anwerber reist rund um den Globus, um Personal zu finden / Mitarbeiter aus Brasilien, Indien und MalaysiaVON JONATHAN KAUFMAN

Um John Nyhans Gesicht schwirrt ein Schwarm brasilianischer Stechmücken.Die Lichter in der Eingangshalle des Hotels flaêkern und die Klimaanlage stöhnt unter der tropischen Hitze.Nyhan wehrt die Insekten ab und wendet sich seinem Gegenüber zu: ein 29jähriger brasilianischer Computerprogrammierer, dessen Jahreseinkommen 30 000 Dollar beträgt und der in die USA ziehen will."Ich glaube, daß ich ein gutes Leitprojekt...äh ein guter Projektleiter sein werde", formuliert Marcio Pinheiro mühsam auf Englisch.Nyhan kommt ihm freundlich entgegen: "Waren Sie schon einmal in den USA?", fragt er."Ich war mal in Disneyland", erzählt Pinheiro begeistert."Das war wunderschön." 48 Stunden später bietet Nyhan dem brasilianischen Informatiker einen Job an.Standort: vor allem Boston oder der Staat New York.Jahresgehalt: 64 000 Dollar - plus 30 000 Dollar Bonus nach drei Jahren.Umzugskosten und Arbeitserlaubnis werden geliefert.Der Brasilianer ist sprachlos. Vor einem Jahrhundert lotsten amerikanische Unternehmen Einwanderer aus Irland, Italien, Rußland und Asien in die Textilfabriken und den Eisenbahnbau.Heute wird Jagd gemacht auf die High-tech-Spezialisten: Programmierer und Analysten.In den USA sind Computerleute knapp.Über 190 000 Jobs für Programmierer und andere Softwarespezialisten sind nach einer Untersuchung der Information Technology Association of America, einer High-Tech-Handelsgruppe, unbesetzt.Die US-Universitäten spucken nicht genügend Fachleute aus, um die Nachfrage zu befriedigen. Für 70 Prozent der befragten Unternehmen ist der Mangel an qualifizierten Mitarbeiten das größte Wachstumshindernis.Indessen produzieren Staaten wie Indien, Brasilien oder Rußland Arbeitskräfte, die außergewöhnlich gut ausgebildet sind in so banalen Technologien wie Großrechnersysteme, die viele amerikanische Studenten meiden.Und noch kämpfen diese ausländischen Arbeitskräfte mit niedrigen Löhnen und wirtschaftlicher Instabilität zuhause. Hier kommt Nyhan, stellvertretender Leiter der Personalabteilung bei der Information Resources Inc, einer Firma aus Florida, ins Spiel.Das Unternehmen berät Firmen bei der Umstellung ihrer Computer aufs Jahr 2000 und anderen Computerproblemen.In den vergangenen 18 Monaten streunte Nyhan zwischen Panzern und Soldaten in Belfast umher, warb Araber in Dubai und spürte Inder in Dörfern ohne Telefonanschluß auf.Sein Ziel: den hellsten Kopf nach Amerika zu holen.Und das sogar zu einem Jahresgehalt oberhalb von 55 000 Dollar - denn ausländische Talente anzuwerben ist immer noch billiger als Amerikaner einzustellen.Ein US-Bürger mit den Fähigkeiten Pinheiros würde gut und gerne ein Gehalt zwischen 75 000 und 80 000 Dollar fordern, sagt Nyhan. Zwei Drittel seiner Arbeitszeit verbringt Nyhan mit Reisen, hält Taxifahrer an, fragt Barkeeper und Kellner aus, immer auf der Suche nach einem Neffen oder Nachbarn, der eine Computerausbildung hat.Auch in der asiatischen Finanzkrise erblickt Nyhan einen Hoffnungschimmer - und wird bald zu einem Anwerbetrip nach Malaysia starten.Nyhan ist ein halber Indiana-Jones.Der Sohn eines Milchmannes hat einen breiten Bostoner-Akzent und arbeitete sechs Jahre lang als Sozialarbeiter, bevor er in die freie Wirtschaft wechselte.So arbeitete er 18 Jahre lang als Personalanwerber für eine Software-Consulting-Firma in Boston.Vor rund zwei Jahren kam er zu IMR, wo der Gründer und viele andere Spitzenkräfte aus Indien stammen. Bis zu dem Job bei IMR hatte er die USA nie verlassen, nicht einmal in den Ferien.Als Fleisch- und Kartoffelliebhaber scheut er Fisch und stark gewürzte Speisen.Auf einem Einstellungstrip nach Indien vergangenes Jahr verlor er fünf Kilo und lebte überwiegend von Brot und Kokosnuss-Eiskrem."Wenn John in den Flieger springt weiß er nicht viel über den Ort, an den er reist", sagt Leslie Straub, ein Mitarbeiter."Wenn er mehr wüßte, würde er wahrscheinlich nicht gehen." Seit 1992 hat sich die Zahl der ausländischen Computer-Spezialisten, die in den USA aufgenommen wurden, fast verdreifacht - von 5700 auf 15 000, so die Angaben des Institute of Electrical and Electronics Engineers.Arbeiter, die von einem amerikanischen Unternehmen bezahlt werden, bekommen ein 3-Jahres-Visum, das normalerweise auf sechs Jahre ausgedehnt werden kann.Wollen sie länger bleiben, können sie oft eine Green-Card bekommen, manchmal auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Die Unternehmen suchen sich ihre Leute aus immer weiter entfernten Gegenden.Indien war lange Zeit das Ziel, aber heutzutage ist es "überlaufen" von Anwerbern, so Nyhan.Als er das letzte Mal in Rio de Janeiro war und ein Büro mietete, mußte er feststellen, daß ein Konkurrent schon drei Tage vorher dagewesen war und dieselben Leute interviewt hatte.Einer der ersten Kandidaten, den er befragte, teilte ihm mit, er habe vor wenigen Tagen ein Angebot einer amerikanischen Firma erhalten über 60 000 Dollar Jahresgehalt.Er werde die Offerte annehmen."Das macht mich verrückt, wenn die Leute sagen, daß sie amerikanische Jobs annehmen", sagt Nyhan, dessen Großeltern aus Irland nach Massachusetts eingewandert waren."Es gibt einfach nicht genügend Amerikaner, die diese Stellen besetzen könnten." Nyhan stieß eher zufällig auf Brasilien.Im letzten Jahr verpflichtete IMR Fernando Viana, einen 26jährigen Programmierer, der in Kanada lebte und hoffte Englisch zu lernen und dann einen Job zu finden.Im brasilianischen Fortaleza war Viana frustriert über sein Gehalt gewesen - weniger als 20 000 Dollar - und seine Aussichten bei der örtlichen Telefongesellschaft."Egal ob man zwei oder zwölf Jahre Erfahrung hat, man bekommt denselben Lohn", bedauert er.Viana zog mit einem Freund nach Ottawa in ein Ein-Zimmer-Apartment.Zwei Jahre würde er brauchen um einen Job zu finden, dachte er.Es dauerte genau zwei Monate.Die Brasilianer gingen auf eine Job-Messe in Ottawa und bekamen gleiche drei Angebote.Sie unterschrieben bei IMR für 55 000 Dollar und wurden nach New York zur Rochester Gas & Electric Co.geschickt.Ein paar Monate später fragte sie Nyhan, ob sie nicht ein paar Freunde hätten, die es ihnen gleichtun wollten. Viana konnte ihm 25 Interessenten nennen und flog gleich mit Nyhan zusammen nach Fortaleza, eine Ein-Millionen-Stadt im Norden Brasiliens.Innerhalb von zwei Tagen bot Nyhan zehn Programmierern Stellen an.Alle nahmen an.Und Viana und sein Freund teilten sich die 20 000 Dollar "Informanten-Prämie". Aber Nyhan mußte auch viele Kompromisse schließen.Viele der Kandidaten kannten zwar die englischen Programmierbefehle, aber schon bei einer einfachen Unterhaltung kamen sie ins Straucheln.Die Lösung: Nyhan heuerte die Verlobte eines der Informanten an, eine Englischlehrerin, die seine "Neuerwerbungen" fortan unterrichtete. Viele von denen hatten auch Bedenken auszuwandern.Vor allem seit IMR seine Leute zu befristeten Arbeitsaufenthalten von einer Stadt in die andere schickt.Um ihre Bedenken zu zerstreuen, bot Nyhan an, sie immer zu zweit in eine unbekannte Stadt zu entsenden - damit sie wenigstens jemanden haben, mit dem sie sprechen können. Nyhan wird überrollt von Leuten, die von ihrer Liebe zur Technologie und der Hoffnung auf ein besseres Leben angelockt werden.Jose Cupertino, High-Tech-Chef einer regionalen brasilianischen Bank, hat 50 Computeranalysten unter sich.Einige seiner Mitarbeiter sprachen bereits mit Nyhan.Jetzt will auch er gehen."Ich bin ein sehr ehrgeiziger Mensch", sagt er."Ich brauche neue Herausforderungen." Er lebt allein und es macht ihm nichts aus, oft umzuziehen.Er verdient an die 55 000 Dollar.Nyhan nennt ihn ein "Goldstück" und stellt ihn zwei Tage später für 68 000 Dollar ein.Übersetzung von Paul Stoop (Blair), Daniel Wetzel (Greenspan), Joachim Hofer (Banken) und Friederike Storz (Computerspezialisten).

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