Weltwirtschaft : Öl-Preisspirale schürt Konjunktur-Ängste

Der bisher größte Sprung der Ölpreise auf ein neues Rekordniveau schürt die Sorge um die Weltwirtschaft: Die führenden Industriestaate befürchten eine globale Rezession. In Deutschland macht sich unterdessen die Angst vor einem massiven Anstieg der Gaspreise breit.

New York/AomoriBei Treffen der Energieminister der sieben größten Industrienationen und Russlands (G8) wurden am Sonntag Warnungen vor einer globalen Rezession laut. Öl der US-Sorte WTI kostete am Freitag erstmals mehr als 139 Dollar je Barrel. Alarmierend war vor allem der drastische Anstieg um rund elf Dollar - noch nie war Öl an einem Tag soviel teurer geworden. Die Investmentbank Morgan Stanley hält einen Preis von 150 Dollar je Barrel (159 Liter) für möglich. In Deutschland wird unterdessen ein Anstieg der Gaspreise um bis zu 40 Prozent befürchtet. Südkorea legt als Reaktion auf die Öl-Preisspirale ein umgerechnet 6,5 Milliarden Euro schweres Hilfsprogramm für seine ärmeren Einwohner auf.

Der japanische Wirtschaftsminister Akira Amari kritisierte am Sonntag bei dem G8-Treffen, der Ölpreis habe ein "anormales" Niveau erreicht. Sollte gegen die Lage nichts unternommen werden, "könnte dies eine Rezession der globalen Wirtschaft bewirken". Die Minister vereinbarten einen internationalen Austausch über die wirksamsten Methoden zur Energieeinsparung. Die Ergebnisse der Beratungen im japanischen Aomori sollen als Grundlage für das Treffen der Staats- und Regierungschefs der G8-Staaten im kommenden Monat dienen. An der Ministerrunde nahmen auch Vertreter Chinas, Indiens und Südkoreas als großer Ölkonsumenten teil.

Abwärtstrend des Dollars

WTI-Öl markierte in New York die Rekordmarke von 139,12 Dollar und beendete den Handel am Freitag bei 138,54 Dollar je Barrel. Das war ein Anstieg von 10,75 Dollar - vor zehn Jahren bekam man für diesen Betrag noch ein ganzes Barrel Rohöl. Der drastische Preissprung dürfte die Diskussion um den Einfluss von Spekulationen durch Finanzinvestoren und Händler auf den Ölpreis zuspitzen. Hohe Ölpreise schlagen - allein schon wegen der steigenden Transportkosten - auf alle Lebensbereiche durch.

Ausgelöst hatten den jüngsten Ölpreis-Schub mehrere Faktoren: Den Ausschlag gab zunächst der Anstieg des Euro. Nachdem der Präsident der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, am Donnerstag eine Zinserhöhung Anfang Juli nicht ausgeschlossen hatte, ging der Dollar auf Talfahrt. Als Reaktion strömten die Investoren wieder verstärkt in den Ölmarkt und die Preise, die in den vergangenen Tagen um fast zehn Prozent zurückgegangen waren, zogen erneut an. Am Freitagnachmittag beschleunigte ein kräftiger Anstieg der US-Arbeitslosenquote den Abwärtstrend des Dollar und damit auch den Höhenflug der Ölpreise. Dabei hatten zuletzt einige Marktexperten sogar schon ein baldiges Platzen der "Ölpreis-Blase" vorausgesagt.

Steigt der Öl-Preis noch weiter?

Die Investmentbank Morgan Stanley hält sogar einen Anstieg des US-Ölpreises auf 150 Dollar je Barrel bereits im Juli für möglich. Ein Grund sei eine knapper werdende Versorgung des Marktes, und die amerikanischen Ölvorräte lägen weit unter dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. Die USA verbrauchen fast ein Viertel der weltweiten Ölproduktion.

Die führenden Öl importierenden Staaten Japan, USA, China, Indien und Südkorea - auf die fast die Hälfte des weltweiten Energieverbrauchs entfällt - forderten in Aomori die Förderländer auf, mehr in die Öl- und Gasproduktion zu investieren. US-Energieminister Samuel Bodman sagte, er fürchte, es gebe nur begrenzte Möglichkeiten, kurzfristig etwas gegen den Ölpreisanstieg zu tun. Die heutigen Probleme seien schon seit langer Zeit am "Brauen" und könnten nicht in "Monaten oder selbst ein oder zwei Jahren" gelöst werden.

Die Konzernchefs von BP, Shell, Chevron, ExxonMobil, Total und ConocoPhillips verwiesen derweil auf die Selbstregulierungskräfte des Marktes, um die Preisspirale beim Erdöl zu stoppen. "Das ist keine Krise. Wir können auch weiterhin alle Forderungen des Marktes bedienen", sagte der Chef der Chevron-Gruppe, David O'Reilly, auf einem Internationalen Wirtschaftsforum im russischen St. Petersburg. Die ölreichen Staaten müssten allerdings Restriktionen aufheben und mehr Vorkommen zur Erschließung freigeben.

Umweltministerium befürchtet massiven Anstieg der Gaspreise

Angesichts der überhitzten Ölmärkte nannte der Parlamentarische Staatssekretär im Umweltministerium, Michael Müller, die Preisbindung von Öl und Gas nicht mehr zeitgemäß. "Über die bereits bekanntgewordenen 25 Prozent hinaus kann es im Herbst noch einmal eine Erhöhung des Gaspreises um bis zu 40 Prozent geben", sagte der SPD-Politiker der "Welt am Sonntag".

Bundeswirtschaftsminister Michael Glos schränkte allerdings ein, Müllers Äußerungen seien "zunächst mal spekulativ". Der CSU-Politiker trat zudem der These entgegen, dass eine Entkoppelung des Gaspreises vom Ölpreis den Rohstoff verbilligen würde. Glos erneuerte vor einer Präsidiumssitzung von CDU und CSU unterdessen seine Forderung, den Atomausstieg rückgängig zu machen. (jam/dpa)

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