Weltwirtschaftsforum : China: Der Kraftprotz von Davos

Früher hieß Globalisierung, dass Kapital, Arbeit und Kunden auf der ganzen Welt immer enger zusammenrückten. Heute, nach dem 40. Weltwirtschaftsforum, muss man den Begriff neu definieren. Heute heißt Globalisierung eigentlich nur eins: China, China, China

Möritz Döbler[Davos]
320622_3_xio-fcmsimage-20100130165937-006001-4b645769753fd.heprodimagesfotos82320100131mdf52819.jpg
Wirtschaftsgipfel unter Gipfeln. 2500 Teilnehmer sind diesmal zum alljährlichen Gedankenaustausch in die Bergwelt von Davos...Foto: AFP

Wachstum darf sich nicht nur aus dem Export speisen. Der Binnenmarkt hat großes Potenzial. Die Marktkräfte müssen gestärkt werden. Es ist nicht Nicolas Sarkozy, der diese Sätze in die Kongresshalle von Davos hämmert, es ist kein Amerikaner, kein Brite und auch nicht Rainer Brüderle. Der wichtigste Redner des Weltwirtschaftsforums ist diesmal ein Chinese mit großen Manschettenknöpfen am Ärmel, aber Kassenbrille auf der Nase. Er lächelt nicht und verzieht auch sonst keine Miene. Seine Rede enthält einen Wust von Zahlen und Gleichnissen – und eine Kampfansage.

„Es ist zwar noch Winter, aber es ist spürbar, dass der Frühling der wirtschaftlichen Erholung beginnt“, sagt der stellvertretende chinesische Ministerpräsident Li Keqiang, und später soll er sogar noch Konfuzius zitieren. Weil es aber vor allem sein Land ist, das mit seiner enormen Nachfrage die Weltwirtschaft stabilisiert, stoßen selbst die unscheinbarsten Sätze auf Interesse bei den Managern, Unternehmern, Bankiers und Ökonomen, die sich in dem Schweizer Wintersportort zum alljährlichen Gedankenaustausch versammelt haben. 2500 Teilnehmer sind es diesmal.

Eine ernsthafte globale Rezession habe man abgewendet, jetzt dürfe man keinen Zickzackkurs wählen, man müsse zusammenhalten wie die Passagiere eines Schiffes, sagt Li. Doch dann steht plötzlich ein sperriger Satz wie ein Fremdkörper in dem monotonen Stakkato des Chinesen. „Wir müssen die Struktur der globalen Regierungsführung stärken.“ „Wir“ sagt er und meint doch bestimmt China. Eine globale Führung fordert er und will doch ganz sicher vor allem mehr Macht. Und warum bloß betont er im nächsten Atemzug, dass Frieden das Wesen der 5000 Jahre alten Kultur seines Landes ist?

Der chinesische Fernsehmoderator Rui Chenggang trägt den Machtanspruch noch stärker zur Schau. „Wir wollen ein größeres Stück vom Kuchen“, sagt er. „Aber durch uns wird der Kuchen für alle größer.“ Manche Ökonomen sehen das durchaus anders. So prognostiziert Nobelpreisträger Robert Fogel aus Chicago, dass 40 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2040 in China erwirtschaftet werden und das Pro-Kopf-Jahreseinkommen dort auf 85 000 Dollar steigt. Für Europa bleiben demnach nur fünf Prozent der globalen Wirtschaftskraft und die Hälfte des chinesischen Einkommens.

Auch Indien, der zweite große Aufsteiger, erhebt Machtansprüche in Davos. „Die Welt will Wachstum und Führung von Indien“, sagt Wirtschaftsminister Anand Sharma, ein bulliger Mann mit einem dichten grauen Vollbart. Von der ersten industriellen Revolution sei Indien ausgeschlossen gewesen, doch jetzt sei man der Technologieführer des Internetzeitalters. Natürlich beanspruche man auch einen festen Sitz im UN-Sicherheitsrat; die Welt dürfe nicht in der Machtstruktur von 1945 erstarren. „Wie kann man von einer globalen Institution sprechen, wenn die größte Demokratie der Welt und auch der ganze afrikanische Kontinent nicht dabei sind?“

Doch solche Reden stoßen auch bei indischen Teilnehmern nicht nur auf Begeisterung. Ein Mittdreißiger, rote Lederturnschuhe, Goldkettchen und Leinensakko, regt sich fürchterlich auf. „Das ist alles prima, und man kann auch gerne immer wieder an Gandhi erinnern“, schimpft er. „Aber die Probleme liegen nicht auf dieser hohen Ebene, sondern ganz unten. Die Armut von so vielen Menschen hemmt Indien.“ Er ist kein Aktivist, sondern ein Unternehmer, der seine IT-Firma zur Hälfte nach London verlegt hat. „Es ist billiger da. Das klingt paradox, aber wenn man die Zeit einrechnet, die man in Indien für alles braucht, dann ist es billiger.“

Die Banker haben es diesmal schwer in Davos, so dass sich Josef Ackermann schon öffentlich gegen das Bashing seiner Zunft wehrt. Aber die Chinesen und die Inder haben es auch nicht leicht. Zwar gibt es Symbole ihrer wachsenden Bedeutung. So übertragen CCTV aus China und NDTV aus Indien erstmals eigene offizielle Veranstaltungen des Weltwirtschaftsforums in die Heimat – eine Ehre, die bisher angelsächsischen Medien vorbehalten war. Aber in vielen Gesprächen sehen sie sich Verdächtigungen und Vorwürfen ausgesetzt: dass sie in Kopenhagen das Klimaabkommen blockiert hätten und einem weltweiten Abbau von Handelsschranken im Weg ständen, dass ihr Wirtschaftswachstum nicht nachhaltig sei und der neue Wohlstand ihrer Mittelklasse auf der Armut der Massen fuße.

Globalisierung lautet das Schlagwort, das Davos wieder einmal bestimmt – aber es bedeutet jetzt etwas anderes. In den letzten Jahren hieß Globalisierung, dass einzelne Unternehmen in der ganzen Welt auf Kapital, Arbeit und Kunden zurückgreifen. So konnte Deutschland Exportweltmeister werden, so konnten auch die US-Banken ihre faulen Immobilienkredite in der ganzen Welt verhökern. Aber Deutschland ist nicht mehr Exportweltmeister, und die Banken sind ganz unten. Jetzt steht der Begriff dafür, dass die Schwellenländer der Welt ein neues Kräfteverhältnis geben.

„Globalisierung ist keine neue Ideologie, sondern eine neue Situation“, sagt Israels Präsident Schimon Peres dazu. „Um die chinesische Wirtschaft zu verstehen, muss man Chinese sein, entweder individuell oder kollektiv.“ Israel wolle aber eben nicht China sein, kein Land der Billigproduktion und des Massenmarkts – Israel sei dafür zu klein, nur ein Stück Wüste ohne Bodenschätze. „Wir wollen das Laboratorium der Welt sein“, sagt der alte Staatsmann. „Nicht die Zahl der Quadratmeter unseres Landes ist mir wichtig, sondern wie viele Wissenschaftler wir pro Quadratmeter haben.“

Doch ist es nicht so, dass alle das wollen? Dass zum Beispiel auch in Deutschland die Bildungsrepublik zumindest ausgerufen wird und auch die USA dezidiert auf Innovationen setzen? Und verläuft dieser Wettlauf nicht immer noch schneller? Denn auch China und Indien sind ja längst nicht mehr nur die sprichwörtlichen Werkbänke der Welt. Indiens Wirtschaftsminister Sharma erklärt den Aufstieg seines Landes ja gerade mit den verstärkten Investitionen in Bildung in den vergangenen 30 Jahren.

Womöglich lässt sich so viel Wachstum, um mit den Aufsteigern mithalten zu können, in der westlichen Welt gar nicht erzeugen. „Die Idee, dass wir einfach aus der Krise herauswachsen, ist Voodoo-Wirtschaft. Wir werden harte Entscheidungen treffen müssen. Die Öffentlichkeit ist darauf nicht vorbereitet“, sagt der Harvard-Professor Ken Rogoff. Barney Frank, demokratischer Kongressveteran aus Massachusetts, schlägt vor, den Verteidigungsetat zu kürzen und die bemannte Raumfahrtmission zum Mars abzusagen. Reichen werde das nicht, höhere Steuern seien unausweichlich, weiß aber auch er. Die Lacher sind auf seiner Seite, als er das dem Unternehmerpublikum ankündigt. „Ich habe dafür gestimmt, die Steuern von mehr oder weniger jedem hier im Raum zu erhöhen, und ich werde es wieder tun.“

Das Rennen ist ohnehin entschieden, glaubt Stephen Schwarzman, Chef der Investmentgesellschaft Blackstone und im vergangenen Jahr mit rund 700 Millionen Dollar der bestbezahlte Manager der USA. „China ist das Pferd, das den Wagen zieht“, sagt der Multimilliardär, der eine Swatch am Handgelenk trägt und ein belegtes Brötchen mit aufs Podium nimmt, weil er es nicht hergeben will. Einen Teil seines Wohlstands verdankt er China: Er hat Blackstone gegründet und 2007 an die Börse gebracht – zehn Prozent der Anteile gingen damals für drei Milliarden Dollar an den chinesischen Staat. Gerade hat die legendäre Investmentgesellschaft erstmals einen Investmentfonds in der chinesischen Währung Yuan aufgelegt.

„Die westlichen Volkswirtschaften sind im Vergleich richtig schwach“, lautet sein Urteil. China mit seinen 1,3 Milliarden Bewohnern sei vor allem ein sehr großer Markt, davon dürfe man sich zwar nicht blenden lassen – Größe sei nicht immer auch Stärke. Dennoch sei die Entwicklung kaum aufzuhalten, China sei die nächste natürliche Führungsmacht.

„Der Ausblick für die entwickelten Volkswirtschaften ist insgesamt schwach“, sagt auch der Ökonom Nouriel Roubini, der als einer der wenigen seiner Zunft die Finanzkrise kommen sah. Kreditklemme, Arbeitslosigkeit, Überschuldung – das seien die kommenden Probleme der Industriestaaten. Chinas Vizepremier Li gestattet sich die kleine Gehässigkeit, nicht nur die enormen Milliardenkonjunkturpakete aufzuzählen und auf die 8,7 Prozent Wachstum des letzten Jahres zu verweisen, sondern herauszustellen, dass sein Land trotzdem eine Defizitquote von unter drei Prozent habe. Kein europäisches Land erfüllt mehr die Maastricht-Vorgaben, aber China schon – was für eine Ironie der Geschichte.

Den Aufstieg Chinas erklärt Schwarzman auch mit dem autokratischen System des Landes. „Demokratie ist eine wundervolle Sache. Ich bin in einer Demokratie aufgewachsen, ich glaube an die Demokratie. Aber es ist eine schwierig strukturierte Herangehensweise, wenn man komplexe Probleme schnell angehen will“, sagt Schwarzman.

Bayer-Chef Werner Wenning hält sich mit Kritik zurück. „China hat sich ohne Zweifel zu einer Marktwirtschaft entwickelt. Man sollte aber die politische Entwicklung dieses Landes nicht allein mit unseren Maßstäben messen“, sagt er am Rande des Forums. Für Deutschland sei das Rennen auch keineswegs verloren. „Mir ist nicht bange, dass wir bei den Innovationen nicht mithalten können. Voraussetzung ist allerdings, dass wir in Deutschland neuen Technologien gegenüber aufgeschlossener werden. Eine nur auf Risiken basierende Bewertung bringt uns nicht weiter.“

Wirtschaftsminister Rainer Brüderle, der gerade seine erste Reise im neuen Amt nach Peking machte, will China nicht als Bedrohung sehen. „Die wollen auf Augenhöhe mitreden, und das ist ja auch richtig“, sagt er bei einem Gespräch im Belvedere-Hotel. „Die Chinesen haben über 2000 Milliarden Dollar im Keller liegen, da müssen wir sie doch dabeihaben wollen.“ Auch den schwachen Yuan sieht er nicht als drängendes Problem. Weil Peking so viele soziale und wirtschaftliche Ziele zu erreichen suche, werde man auf absehbare Zeit sicher nicht zu freien Wechselkursen übergehen. „Ich weiß auch gar nicht, ob sie es vertragen würden“, sagt der Minister – und warnt, dass ökonomische Unsicherheit in China die ganze Welt träfe.

Es ist offenbar doch eine neue Ordnung. Einst lautete der Ökonomenspruch, dass die ganze Welt Schnupfen bekommt, wenn die USA husten – doch bald reicht es, wenn sich China räuspert. Die Finanzmanager ficht das nicht an. David Rubenstein, Co-Gründer der US-Investmentgesellschaft Carlyle, findet sogar, dass es im Moment fantastisch läuft. „Die Deals, die wir 2009 abgeschlossen haben, werden sich als die besten des Jahrzehnts herausstellen.“ Denn nach dem Ausbruch der Finanzkrise waren die Preise für Unternehmen im Keller, und wer sich schnell berappelte, konnte billig zum Zug kommen. „Wir haben einen Herzinfarkt gehabt – aber Herzinfarkte sind heute nicht mehr tödlich“, sagt der weißhaarige Milliardär. „Es ist eine ziemlich gute Zeit, um zu investieren.“ Gesundheit und Klimaschutz, China, Indien, Brasilien, Korea und die Türkei – das seien die Themen und Orte der neuen Zeit.

Ähnlich sieht es Arif Naqvi, der aus Pakistan stammt und vor sieben Jahren eine milliardenschwere Investmentgesellschaft in Dubai gegründet hat. „Wir werden noch einige Schocks in der Wirtschaft sehen“, sagt er. „Die Schwellenländer sind der beste Ort, an dem man sein kann.“ Wobei Rubenstein den Begriff ablehnt: „Es ist doch Quatsch, China oder Indien Schwellenländer zu nennen und sie damit in den gleichen Topf zu schmeißen wie Mosambik oder den Tschad.“

Wenn sich heute die letzten Teilnehmer mit dem Hubschrauber nach Zürich fliegen lassen oder ihre Limousinen über die verschneiten Straßen Richtung Autobahn rasen, ist das 40. Weltwirtschaftsforum endgültig zu Ende. Entschieden wurde wieder mal nichts, aber in 226 Diskussionsrunden und unzähligen Treffen über den Zustand der Welt beraten. Zu hoffen ist, dass Vizepremier Li mit seinem Konfuzius-Zitat recht behält. „Wer erst einmal 40 ist“, sagte er, „wird sich so schnell nicht verwirren lassen.“


0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben