Wirtschaft : Weltwirtschaftsforum: IWF plädiert für Zinssenkung in Europa

Daniel Birchmeier

Während vor dem Kongresszentrum im schweizerischen Davos der Polizeieinsatz die Gemüter bewegte, beherrschten beim Weltwirtschaftsforum (WEF) am Sonnabend die Aussichten der globalen Wirtschaft das Geschehen. Vor allem die ungewisse Entwicklung der US-Konjunktur prägte die Diskussionen.

Führende Finanzexperten sagten eine Verlangsamung des Weltwirtschaftswachstums voraus und äußerten Zweifel über die weitere Wirtschaftsleistung Japans. Stanley Fischer, stellvertretender Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF), sagte, das Weltwirtschaftswachstum könne im laufenden Jahr auf rund 3,5 Prozent von 4,2 Prozent sinken. Die Welt sei allerdings weit entfernt von einer Rezession. "Wir sind noch weit weg von einer globalen Rezession." Das Wachstum liege immer noch über den Anfang der 80er Jahre gesehenen Raten. Er rechne mit einer Belebung des US-Wirtschaftswachstums in der zweiten Jahreshälfte, sagte Fischer. Für das Gesamtjahr gehe er von einer Wachstumsrate in den USA von 2,5 Prozent aus. Fischer sprach sich zugleich für eine Zinssenkung auch in der Euro-Zone aus. Trotz der Wachstumsverlangsamung in Europa in den vergangenen beiden Quartalen seien die Aussichten für ein Anziehen der Konjunktur in diesem Jahr gut. Die nachlassende Nachfrage aus den USA und der starke Euro würden sich aber bemerkbar machen. "Es gibt Raum für Zinssenkungen", sagte Fischer. Das diesjährige Weltwirtschaftsforum steht im Schatten einer sich verlangsamenden globalen Konjunktur, nachdem sich das US-Wirtschaftswachstum in den vergangenen Monaten deutlich abgeschwächt hatte.

Ausmaß des Abschwungs umstritten

Darüber, wie weitreichend diese Abschwächung sein könnte, gab es in Davos unterschiedliche Meinungen. Während der Vizepräsident der Investmentbank Goldman Sachs, Robert Hormats, die aktuelle Schwäche als "vorübergehend" bezeichnete, ist sich der frühere Vizechef der US-Notenbak, Alan Blinder, nicht mehr so sicher, ob eine Rezession vermieden werden kann.

Obwohl die Bush-Administration in Davos gar nicht vertreten ist, dominierte die neue US-Regierung die Gespräche vor und hinter den Kulissen. Die Rede des US-Notenbankchefs Alan Greenspan beispielsweise, in der er jüngst die Abschwächung des amerikanischen Wachstums als dramatisch bezeichnet hatte, sorgte in den Schweizer Alpen für weit mehr Gesprächsstoff als die Reden am WEF selbst.

Die japanische Wirtschaftsproduktion dürfte sich im vierten Quartal 2000 leicht abgeschwächt haben, sagte IWF-Direktor Fischer weiter. Die USA befänden sich im Vergleich zu Japan in der "glücklichen Lage", die Zinsen weiter senken zu können. Mit Blick auf die angeschlagene Wirtschaft Japans sagte der stellvertretenden Finanzministers Haruhiko Kuroda, der Yen werde nicht deutlich an Wert verlieren. "Ich bin zuversichtlich, dass es keinen starken Rückgang des Yen geben wird und dass es nicht zu einer Krise wie einem Crash bei den japanischen Staatsanleihen kommen wird." Die Dezember-Prognosen von einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,2 Prozent im bis Ende März laufenden Fiskaljahr und von 1,7 Prozent im nächsten Fiskaljahr seien "auf der konservativen Seite". Dem japanischen Unternehmenssektor gehe es "recht gut", bis zum Ende des Fiskaljahres dürften Unternehmensgewinne um rund 15 Prozent steigen. Die Ausgaben der privaten Haushalte blieben allerdings weiterhin verhalten.

Asiatische Staats- und Regierungschefs machten die Globalisierung für die Finanzkrise in ihren Ländern Ende der 90er Jahre verantwortlich. Ohne jede Regulierung führe die Globalisierung sowohl auf nationaler als auch internationaler Ebene zu einer Verbreiterung der Kluft zwischen Arm und Reich, sagte der ehemalige philippinische Präsident Fidel Ramos.

Europa stützt die Weltwirtschaft

Die europäische Wirtschaft dürfte Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) zufolge in diesem Jahr mit einem Anstieg von rund drei Prozent das globale Wirtschaftswachstum unterstützten. Zwar sei die Weltwirtschaft mehr Risiken als noch vor einem Jahr ausgesetzt, sollte sich jedoch der Ölpreis auf dem Niveau der vergangenen Wochen stabilisieren, sei dies ein "großer Gewinn" für die Weltwirtschaft. "Ich bin mir sicher, die OPEC ist sich ihrer Verantwortung bewusst", sagte der Bundesfinanzminister. "Europa wird 2001 mit einem Wachstum von rund drei Prozent eine positive Wirkung auf die Weltwirtschaft haben."

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