Wirtschaft : "Weltwirtschaftskrisen kündigen sich nicht an"

Die Börsencrashs rund um die Welt verbreiten eine nervöse Stimmung.Ist das nur eine kurze Krise, oder kündigt sich so die neue Weltwirtschaftskrise an, die in Asien und Rußland begonnen hat? Paul J.J.Welfens ist Professor an der Universität Potsdam.Er leitet das Europäische Institut für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der dortigen Universität.Mit ihm sprach Jobst-Hinrich Wiskow.

TAGESSPIEGEL: Stehen wir am Anfang einer neuen Weltwirtschaftskrise?

WELFENS: Nein, das halte ich eher für unwahrscheinlich.Weltwirtschaftskrisen kündigen sich nicht an, sondern kommen überraschend.

TAGESSPIEGEL: Weshalb ist die Stimmung dann so schlecht - zum Beispiel an den Börsen überall in der Welt?

WELFENS: Weil uns die Krisen in Rußland und Asien betreffen, auch wenn nicht gleich die ganze Welt ins Trudeln gerät.

TAGESSPIEGEL: Aber viele Experten haben doch gesagt, was in Rußland geschehe, berühre uns hierzulande nur wenig.

WELFENS: Das ist absoluter Unsinn.Man kann nicht auf die Handelsverflechtungen allein abstellen und sagen: Wir machen nicht einmal zwei Prozent unseres Handels mit Rußland.Das ist nicht der Punkt.Schließlich leben wir in einer vernetzten Welt.Nie zuvor waren die Märkte gegenseitig so sehr voneinander abhängig.Schon kleine Veränderungen in den Erwartungen an einem Börsenplatz haben riesige Auswirkungen.

TAGESSPIEGEL: Wieso können die Finanzmärkte das Problem Ihrer Ansicht nicht selber lösen?

WELFENS: Weil sie immer übertreiben, wie Ökonomen schon vor 20 Jahren erforscht haben.Außerdem kommt es in jedem System zu Spannungen, wenn die Teilsysteme sich an Probleme unterschiedlich schnell anpassen.Das ist in der Physik so, und das ist in der Wirtschaft nicht anders.

TAGESSPIEGEL: Also kann ein einziger labiler Bestandteil die gesamte Ordnung durcheinanderbringen?

WELFENS: Ja.Zumindest, wenn es niemand gibt, der die Erwartungen stabilisiert, indem er für glaubwürdige Politik sorgt.

TAGESSPIEGEL: Wer könnte das denn sein? Der Internationale Währungsfonds?

WELFENS: Nein.Das hätten sich wohl viele Leute gewünscht, aber der IWF verunsichert die Märkte lediglich.Er hat in Rußland sogar die Krise mitverursacht, sein Konzept hat versagt.Der IWF regelt gar nichts.Außerdem hat er seine Ressourcen aufgebraucht, er ist sehr reformbedürftig.

TAGESSPIEGEL: Was ist die Alternative zum IWF?

WELFENS: Jedenfalls keine der globalen Organisationen.Das funktioniert nicht, denn sonst hätte sich aus einer jämmerlichen Regionalkrise keine globale Stagnation entwickeln können.Es wäre an den regionalen Führungskräften, gegen den eigenen Brandherd vorzugehen - durch Glaubwürdigkeit und Maßnahmen.Unglücklicherweise entfaltet auch die EU wenig Aktivität.Das müßte sich ändern, damit Europa stabil bleibt.

TAGESSPIEGEL: Werden wir bald leiden?

WELFENS: Das ist nicht auszuschließen.

TAGESSPIEGEL: Konjunkturforscher vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin haben bereits ihre jüngste Konjunkturprognose revidiert.Die dortigen Ökonomen vermuten, schon in diesem Jahr wirke sich die Krise auf den Aufschwung hierzulande aus.

WELFENS: Nein, für dieses Jahr schließe ich das völlig aus.Dazu ist der Aufschwung schon viel zu stark in der Pipeline.Die Unternehmen arbeiten jetzt an den Aufträgen, die sie schon bekommen haben.Darum wird es nicht zu einer Rezession kommen.Aber wir könnten im kommenden Jahr große Probleme bekommen - was besonders bitter ist, weil das ja das Startjahr des Euro ist.

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