Wirtschaft : Wen die Euro-Zone lockt

Mehr Investoren legen ihr Geld in Euro-Staaten an. Auch Kleinanleger können profitieren.

von
Krise! Welche Krise? Anleger kehren in die Euro-Zone zurück, sie hoffen auf Gewinne am Aktienmarkt. Foto: Patrick Pleul/dpa
Krise! Welche Krise? Anleger kehren in die Euro-Zone zurück, sie hoffen auf Gewinne am Aktienmarkt. Foto: Patrick Pleul/dpaFoto: picture alliance / dpa

Einst hießen sie PIIGS, wobei der Gleichklang mit dem englischen Wort „pigs“ für Schweine durchaus beabsichtigt war. Heute sind sie eine Investmentchance, wenn auch mit einer Ausnahme. In den ehemaligen Krisenländern Portugal, Italien, Irland und Spanien wird wieder kräftig Geld angelegt. Die Börsen boomen. Nur Griechenland, dem mehr denn je ein Austritt aus der Euro-Zone droht, meiden die meisten Investoren.

Doch nicht nur die ehemaligen Krisenländer werden derzeit mit Geld geflutet. Ganz Europa steht aktuell auf den Listen internationaler Anleger weit oben: So glaubt mehr als die Hälfte von 908 großen Investoren, die das Bankhaus Barclays im März befragt hatte, dass die Aktienmärkte in Europa in den nächsten Monaten alle anderen Börsen weltweit übertrumpfen werden.

Die Fakten belegen das Interesse bereits seit Wochen: Während der große US-Index S&P 500 in den ersten drei Monaten dieses Jahres unter dem Strich praktisch auf der Stelle trat, legten die Aktienindizes der Euro-Zone gewaltig zu: Spitzenreiter war der portugiesische PSI, der im ersten Quartal knapp 25 Prozent nach oben schoss, gefolgt vom deutschen Dax und dem italienischen MIB mit 22 Prozent, dem französischen CAC 40 mit 18 Prozent und dem spanischen IBEX mit gut zwölf Prozent. Der EuroStoxx 50, der die 50 größten börsennotierten Unternehmen der Euro-Zone repräsentiert, schaffte 17,5 Prozent.

DIE EZB HILFT NACH

Zu verdanken haben die Anleger den Boom vor allem der Europäischen Zentralbank (EZB), die die Märkte seit März mit Milliarden flutet. Für 52,5 Milliarden Euro haben die Notenbanker bereits Staatsanleihen, Pfandbriefe und Kreditpakete abgekauft – Geld, das die Banken als Kredite an Unternehmen weiterreichen sollen, aber offenbar auch zu großen Teilen an den Börsen arbeiten lassen.

Die Aussicht auf Konjunkturhilfen von mehr als einer Billion Euro zog auch Scharen von Investoren aus Übersee an. Nach Daten des Research-Instituts EPFR, das die Finanzströme von Fonds weltweit verfolgt, haben US-amerikanische Fonds im März jede Woche etwa vier Milliarden Dollar in Aktien der Euro-Zone umgeleitet, mit stark steigender Tendenz.

„Europa, das ist derzeit die beste aller Welten“, sagt der Chefanleger der Schweizer Bank Reyl, Francois Savary. Denn zusätzlich zur Konjunkturhilfe der Notenbank stütze der schwache Euro. Auch helfen die niedrigen Rohstoffpreise, etwa beim Öl, das noch immer etwa 25 Prozent günstiger ist als vor einem Jahr.

DIE AUSSICHTEN

Die Schweizer Großbank UBS ist optimistisch. Für dieses Jahr erwartet sie ein Gewinnwachstum von im Schnitt zehn Prozent in den Unternehmen der Euro-Zone. Die Bank hat deswegen ihre Positionierung in Europa, ohnehin schon der weltweite Favorit, weiter verstärkt. Auch die Experten von Raiffeisen Research zählen „europäische Aktien zu unseren Favoriten“. Goldman Sachs empfiehlt vor allem die ehemaligen Krisenländer, deren Aktien trotz der jüngsten Kursgewinne immer noch günstig seien.

Die wirtschaftlichen Lichtblicke sind inzwischen in Zahlen fassbar: So waren Ende März in der Euro-Zone 650 000 Menschen weniger ohne Job als noch vor einem Jahr. Allerdings liegt die Arbeitslosenrate immer noch bei 11,3 Prozent. Die Einkaufsmanager-Indizes, die die aktuellen Daten von 5000 Unternehmen aus der Euro-Zone vereinen, stiegen auf ein neues 46-Monats-Hoch. Die OrderBücher füllten sich derzeit so schnell wie seit 2011 nicht mehr, teilte der Dienstleister für Finanzinformationen Markit mit. „Noch ist ungewiss, ob die Wirtschaft der Euro-Zone ausreichend Dynamik entwickelt, um eine nachhaltige Erholung zu sichern“, sagt Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. „Sicher ist jedoch, dass die Euro-Zone derzeit den stärksten Wachstumsschub seit dem Jahr 2011 verzeichnet.“

Zugpferd der Entwicklung bleibt Deutschland, während vor allem Frankreich im Reformstau steckt und bremst. Doch auch von Madrid bis Rom mehren sich positive Zeichen, sodass Anleger hier vor allem eine antizyklische Wette auf die Zukunft eingehen. Der Internationale Währungsfonds rechnet für dieses Jahr in Spanien mit einem Wachstum von 2,4 Prozent und in Portugal mit 1,5 Prozent.

Der etwas langfristigere Blick auf die Aktienmärkte der Krisenländer zeigt: Anders als der Dax, der alte Hochs längst getoppt hat, haben die anderen Indizes noch einiges nachzuholen. So notiert der portugiesische PSI immer noch knapp 60 Prozent unter seinem Allzeithoch, dem spanischen IBEX fehlen noch knapp 30 Prozent und dem italienischen MIB noch 53 Prozent. Der französische CAC 40 krebst trotz zuletzt kräftiger Erholung weiter etwa 26 Prozent unter seinem Höchststand von vor etwa 15 Jahren.

WIE ANLEGER PROFITIEREN

Wer auf eine weitere Erholung der Börsen in Südeuropa setzen möchte, kann dies entweder mit einzelnen Aktien oder, risikoärmer, mit aktiven Aktienfonds und passiven ETF tun. Passive Papiere bieten eine Geldanlage zu geringeren Kosten und ohne Vertriebsgebühren. ETF auf einzelne Länder bieten die meisten Anbieter an, also etwa ishares (Blackrock), Lyxor (Société Générale), Comstage (Commerzbank), db x-trackers (Deutsche Bank) oder ETFlab (Sparkassen). Wer das Risiko weiter senken will, kann auch auf den EuroStoxx 50 oder den marktbreiteren EuroStoxx 600 und somit auf die großen und international ausgerichteten Unternehmen aus der gesamten Euro-Zone setzen. Vertreten sind hier Werte wie etwa der Chemieriese BASF, der französische Handelskonzern Carrefour, die Banken Santander (Spanien), ING (Niederlande) und Intesa (Italien). 13 der 50 Aktien stammen aus dem Dax, neben der BASF beispielsweise Daimler, SAP, die Allianz oder die Deutsche Post.

Ganz mutige Investoren lassen auch Griechenland nicht völlig außer Acht. Sollte das Land, wie Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise vermutet, letzten Endes einlenken und nicht aus der Euro-Zone austreten, sondern sich größtenteils den Forderungen der Geldgeber beugen, dann könnte die Athener Börse eine Rallye hinlegen, glaubt etwa Fondsmanagerin Nota Zagari, die den Fonds „Hellas Opportunities“ (Frankfurt Trust) managt.

Auch der US-Ökonom und Nobelpreisträger Robert Shiller und der Fondsmanager Mark Moebius von der Fondsgesellschaft Templeton riskieren derzeit Blicke nach Griechenland: Der Index ASE habe im Jahresverlauf 40 Prozent verloren, bei zwei Dritteln der 60 Firmen liege der Börsenwert unter dem Jahresumsatz, so Shiller. „Wann“, fragt der Ökonom, „soll man dort investieren, wenn nicht jetzt?“

Das Risiko ist allerdings enorm: Die Kreditausfallversicherungen zeigen derzeit mit einer 75-prozentigen Wahrscheinlichkeit einen Grexit, den Austritt des Landes aus der Euro-Zone an. Vor allem Bankaktien würden dann weiter verlieren.

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben