Wirtschaft : Wenig Licht, wenig Schatten

Präsident Bush lobt Amerikas Wirtschaft, Kandidat Kerry sieht sie in der Krise: Beides stimmt

C. Ansberry[R. Gold],S. Thurm[R. Gold],K. Brown[R. Gold],J. White[R. Gold]

Kurz vor den Präsidentschaftswahlen präsentiert sich die US-Wirtschaft weder so rosig noch so schwach, wie es die beiden Präsidentschafts-Kandidaten in ihren jeweiligen Kampagnen behaupten. Der Gesamteindruck der amerikanischen Wirtschaft ist eher durchwachsen. Das Wirtschaftswachstum ist seit März auf 3,5 Prozent gesunken. Darin liegt zwar eine merkliche Abkühlung, das Wachstum ist jedoch gemessen am zehnjährigen Mittel von 3,3 Prozent noch robust. Erfolgreiche Unternehmen gibt es in allen Branchen, doch überall fehlt es an Optimismus. Die Gründe hierfür scheinen in allen Sektoren und Regionen die gleichen zu sein: Ereignisse wie Wirbelstürme und Terrorangst drosseln die Ausgaben von Unternehmenschefs und Verbrauchern gleichermaßen. Ob die USA auf einem dauerhaften Wachstumskurs sind, lässt sich kaum sagen. Die folgenden Momentaufnahmen zeigen die Unterschiede in einzelnen Branchen.

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Technologie Die gute Nachricht vorab: Die Firmenausgaben für Technik stiegen im zweiten Quartal um 15 Prozent verglichen zum Vorjahr. Abgesehen von der Internet-Hysterie der späten Neunziger ist dies der schnellste Anstieg der vergangenen zwanzig Jahre. Der Netzwerk-Gigant Cisco Systems konnte in diesem Jahr einen Umsatzanstieg von 26 Prozent melden. Die Belebung bei der Internetwerbung hat außerdem für einen deutlichen Auftrieb bei Firmen wie Yahoo und Google gesorgt. Auf der anderen Seite stehen allerdings die Chiphersteller. Intel, AMD und Broadcom mussten angesichts schleppender Nachfrage ihre Erwartungen zurückschrauben. Und den Telekom-Unternehmen schließlich machen die schrumpfenden Umsätze bei Orts- und Ferngesprächen zu schaffen – was wiederum das Ergebnis der wachsenden Konkurrenz von Mobilfunk- und Internetanbietern ist.

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Automobilbau Die amerikanischen Autobauer haben unruhige Zeiten hinter sich, und auch der kurzfristige Ausblick ist eher düster. Im Juni wurden nur 15,4 Millionen Autos und Kleinlaster verkauft. Nur mit Sonderangeboten auf Auslaufmodelle konnten die Verkäufe im September auf 17,5 Millionen Stück getrieben werden. Für die kommenden Monate geht die Industrie wieder von sinkenden Zahlen aus. Die erhoffte grundlegende Erholung ist damit ausgeblieben. Dass die Unternehmenschefs die Produktion zurückfahren mussten, wirkt sich vor allem in den für den Wahlkampf möglicherweise entscheidenden Staaten Ohio und Michigan aus. Dort sind die Zulieferer konzentriert. Steigende Benzinpreise schaden vor allem den Verkäufen von Sport- und Geländefahrzeugen, mit denen General Motors und Ford ihre Gewinne ausgebaut hatten. Dagegen konnten die Daimler-Chrysler-Sparte Chrysler, Toyota, Nissan und BMW ihre Verkäufe in diesem Jahr steigern.

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Energiewirtschaft Von den explodierenden Ölpreisen profitieren nur die großen Mineralölgesellschaften. Die höheren Kraftstoff- und Heizkosten drücken auf das Budget der Verbraucher. Immerhin haben die Neueinstellungen für die Gewinnung von Energierohstoffen im Vergleich zum Vorjahr um 7,8 Prozent zugelegt. Die eigenen Rohölreserven der USA gehen dem Ende entgegen, so dass immer mehr Energieträger importiert werden. Trotzdem ist die Branche zuversichtlich. Im Vertrauen auf anhaltend hohe Erdgaspreise wird weiter in Pipeline-Projekte und Bohranlagen investiert.

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Gesundheitsindustrie Mit dem Älterwerden der Baby Boomer – das sind die geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1946 und 1964 – und der Zunahme von Krankheiten wie Fettleibigkeit, Diabetes und Bluthochdruck ist die US-Pharmaindustrie auf lange Sicht auf Wachstumskurs. Kurzfristig aber fehlt vielen Unternehmen ein starkes neues Produkt. Die Branche ist noch immer vom Rückzug des Schmerzmittels Vioxx der US-Firma Merck erschüttert. Fragen über die Gefährlichkeit ähnlicher Medikamente, wie des Verkaufsschlagers Celebrex von Pfizer, könnten den Verkäufen in naher Zukunft schaden.

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Fluggesellschaften Jede Hoffnung, dass die Branche vom Aufschwung der US-Wirtschaft profitieren könnte, fiel den explodierenden Benzinpreisen zum Opfer. Die Gesamtverluste des Sektors summierten sich für das dritte Quartal auf 1,2 Milliarden Dollar. Sowohl United Airlines, die zweitgrößte Airline der USA, als auch US Airways sind derzeit in Insolvenzverfahren verwickelt, andere kündigen neue Entlassungswellen an.

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Produzierendes Gewerbe Die Produktion ist auf dem besten Weg, sich von dem größten Einbruch seit der Zeit der großen Depression zu erholen. Im Juli haben die US-Fabriken mehr produziert, als im bisherigen Rekordmonat Juni 2000. Doch die Erholung war verlustreich und langwierig. Erfahrungsgemäß dauert es im Aufschwung 26 Monate, bis die Produktion wieder das Vorkrisenniveau erreicht. Dieses Mal waren es 49 Monate. Im letzten Monat wurden nach Angaben des US-Arbeitsministeriums 18000 Stellen gestrichen. Selbst die derzeitige Erholung wird nach Expertenmeinung nur einen Bruchteil der drei Millionen Arbeitsplätze wiederbringen, die in der Branche seit Juli 2000 verloren gegangen sind.

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Unterhaltungsbranche Der Filmindustrie gelang mit Mel Gibsons Christus-Verfilmung ein glänzender Start ins Jahr. Auch wegen der Kassenschlager „Shrek 2“ und „Spider-Man“ kamen wieder mehr Menschen in die Kinos. Doch in der bedeutenden Sommersaison fielen die Zuschauerzahlen um 1,2 Prozent – der erste Rückgang in neun Monaten. Nach dreijähriger Krise zeigt die von Piraterie schwer gebeutelte Musikbranche erste Zeichen einer Wiederbelebung. Die Verkaufszahlen in den USA stiegen um 5,8 Prozent. Der dynamischste Wachstumsmarkt der Branche ist der Bereich Videospiele.

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