Wirtschaft : Weniger Ford

Der Urenkel des Gründers tritt ab. Als Konzernchef folgt ein Flugzeugexperte

Walter Pfaeffle

New York - Angesichts der Krise beim US-Autohersteller Ford hat Bill Ford, Urenkel des Gründers Henry Ford, die Konzernführung niedergelegt. Neuer Vorstandschef wird Alan Mulally, bisher als Vorstandsmitglied beim Flugzeugbauer Boeing für Passagierflugzeuge verantwortlich. Noch im September will der zweitgrößte Autohersteller der USA bekannt geben, wie die Sanierung forciert wird. Ford produziert auch in Deutschland: Bei den Ford-Werken in Köln sind 24 000 Menschen beschäftigt. Die Börse feierte den Personalwechsel – an der Wall Street legte die Aktie des Unternehmens um 2,9 Prozent auf 8,63 Dollar zu.

Bill Ford hatte in zwei Anläufen versucht, das Unternehmen wieder auf die Erfolgsspur zu bringen. Zunächst wurden fünf Werke geschlossen und 35 000 Stellen gestrichen. Das zweite Sanierungskonzept wird seit sieben Monaten umgesetzt und sieht 14 Werkschließungen und den Abbau von weiteren 30 000 Arbeitsplätzen bis 2012 vor. Die Krise beendet hat Bill Ford damit nicht: Der Marktanteil in den USA sank in seiner Amtszeit von 23 auf 17 Prozent, die Aktie verlor 70 Prozent. Ford steckt tief in den roten Zahlen – für das Gesamtjahr ist mit sechs bis acht Milliarden Dollar Verlust zu rechnen.

Bill Ford bleibt dem Konzern verbunden: als Verwaltungsratsvorsitzender und Präsident. Zudem hält die Ford-Familie 40 Prozent des Konzernkapitals. Nach Börsenschluss am Dienstagabend (Ortszeit) sagte Ford, er habe dem Verwaltungsrat bereits im Juli gesagt, dass er „zu viele Hüte“ auf habe. Damals habe er Mulally zum ersten Mal persönlich gesprochen. Ford sagte, er werde sich künftig Umweltfragen und strategischen Themen widmen, wolle „extrem aktiv“ bleiben, täglich da sein und nicht ruhen, bis der Wohlstand der Firma gesichert sei.

Mulally habe Boeing nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 sicher aus den Turbulenzen geholt, sagte Ford. Er sei sicher, dass der neue Chef Ähnliches wieder schaffen könne. David Lewis von der University of Michigan, der sechs Bücher über Ford verfasst hat, zeigte sich skeptisch: „Es ist schwer zu begreifen, was Mulally tun kann, was andere nicht probiert haben – aber verzweifelte Leute und verzweifelte Unternehmen machen verzweifelte Sachen.“ Die Entscheidung für Mulally ist auch überraschend, weil das 103 Jahre alte Unternehmen das letzte Mal 1946 einen Outsider zum Spitzenmanager ernannte. Damals holte man sich Ernest Breech vom Konkurrenten General Motors. Bisher hatte Mark Fields (45), der das Nordamerikageschäft leitet und bis 2005 die Europa-Zentrale in London führte, als Anwärter auf den Top-Posten gegolten.

Der hohe Benzinpreis hat in den USA zu Verwerfungen auf dem Automarkt gesorgt. Die großen Geländewagen und Kleinlaster, bei denen Ford stark ist, sind immer weniger gefragt. Das Thema soll Gegenstand des Auto-Gipfels mit Präsident George W. Bush sein, der für den November geplant ist. Wie Ford erfolgreicher als bisher saniert werden soll, ist offen. Denkbar ist der Verkauf der Marken Jaguar, Aston Martin und Land Rover. Angeblich erwägt die Ford-Familie auch den Rückzug von der Börse. Ein Zusammengehen mit einem anderen Autobauer stehe aber derzeit nicht an, sagte Bill Ford. Er soll mit Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn über eine Zusammenarbeit gesprochen haben – der spricht jedoch über eine Kooperation mit GM.

Mulallys neue Aufgabe ist viel größer als die alte: Mit Airbus hatte er nur einen Konkurrenten, mit einigen Dutzend Airlines und Leasing-Firmen nur wenige Kunden. Dagegen muss Ford weltweit auf den Geschmack von Millionen Käufern reagieren und sich gegen zahlreiche Hersteller wehren. Ford ist fast achtmal so groß wie Mulallys alter Bereich bei Boeing. Dort ist sein Ausscheiden keine Überraschung. 2005 wurde er bereits zum zweiten Mal als Konzernchef gehandelt, aber übergangen. mit Agenturen

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