Wirtschaft : Weniger Kaufkraft als vor 15 Jahren

Sozialabgaben und Steuern sind gestiegen. Selbstständige haben mehr zur Verfügung, Arbeiter weniger

Alfons Frese

Berlin - Die Haushalte in Deutschland haben heute weniger Geld zur Verfügung als vor 15 Jahren. Zwar erhöhte sich das durchschnittliche Nettojahreseinkommen von 1991 bis 2005 um 30 Prozent. Doch nach Abzug der Inflationsrate „stand den Haushalten 2005 im Durchschnitt weniger Einkommen zur Verfügung als 1991“, teilte das Statistische Bundesamt am Montag mit. Besonders schlecht schnitten Arbeiter ab, deren Einkommen in den 15 Jahren nur um 25 Prozent stieg. Mit plus 38 Prozent erfreuten sich dagegen die Haushalte von Selbstständigen einer deutlichen Verbesserung. „Hierbei ist zu berücksichtigen, dass Selbstständige in der Regel ihre Altersvorsorge aus ihrem Nettoeinkommen bestreiten müssen“, schreiben dazu die Statistiker.

Die Haushaltseinkommen umfassen die von allen Haushaltsangehörigen empfangenen Einkommen und Transfers wie Rente, Pension, Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Kinder- und Erziehungsgeld. Direkte Steuern und Sozialbeiträge werden abgezogen – und gerade diese beiden Posten sind im Laufe der Zeit immer größer geworden. So blieben von einem Arbeitnehmereinkommen von 100 Prozent im Jahr 1991 abzüglich Sozialbeiträgen und Lohnsteuer noch 56,8 Prozent übrig; 2005 waren es nur noch 53,3 Prozent. Während die Lohnsteuerbelastung im gleichen Zeitraum von 13,3 Prozent des Monatsbruttoeinkommens auf 13,9 Prozent stieg, erhöhte sich die Sozialabgabenlast für den Arbeitnehmer sogar von 11,7 auf 13,3 Prozent. Hier wird deutlich, dass ein Großteil der Kosten der deutschen Einheit über die Sozialversicherungssysteme finanziert wurde.

Die durchschnittlichen Haushaltseinkommen sind auch deshalb gesunken, weil die Haushalte kleiner geworden sind. Berechnet man das Einkommen je Verbrauchereinheit, also bezogen auf eine einzelne Person, so erhöhte sich das reale Einkommen je Haushalt zwischen 1991 und 2005 um zwei Prozent. Pro Kopf konnte ein Beamtenhaushalt zuletzt mit einem Jahreseinkommen von 25 800 Euro wirtschaften, das war etwas mehr als ein Angestelltenhaushalt (24 500 Euro). Der Selbstständige kam auf 62 900 Euro und der Arbeiter auf ein Jahresnettoeinkommen von 17 600 Euro. Mit weniger mussten nur die Rentner (15 900 Euro) und die Arbeitslosengeldempfänger (12 000 Euro) auskommen.

Eine weitere Ursache für die bescheidene Einkommensentwicklung liegt direkt bei den Löhnen und Gehältern. Zwar hat es in den vergangenen Jahren immer wieder auch kräftige Tariferhöhungen gegeben. In der Metallindustrie zum Beispiel sind die Tariflöhne zwischen 1990 und 2000 um rund zwei Drittel gestiegen. Doch sehr viele Firmen haben übertarifliche Zulagen gekürzt oder zahlen überhaupt nicht mehr nach Tarif. Im Ergebnis sind die effektiven Einkommen, also das, was tatsächlich den Arbeitnehmern bezahlt wird, deutlich geringer gestiegen als die Tarifeinkommen.

Michael Schlecht, Chefvolkswirt von Verdi, spricht von „vielfältigen Strangulierungen“ der Gewerkschaften in Tarifauseinandersetzungen. Die Massenarbeitslosigkeit und die Agenda-Politik mit dem geringen Arbeitslosengeld II, das die Angst der Beschäftigten vor Arbeitslosigkeit erheblich geschürt habe, hätten die Durchsetzungschancen von Tarifforderungen erheblich beeinträchtigt. „Die soziale Schere geht weiter auseinander“, befürchtet Schlecht und sieht wegen der schwachen Binnennachfrage auch die gesamte Konjunktur abstürzen, sobald der Export schwächelt.

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