Wirtschaft : Wenn Babcock die Wahl hätte

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Von Dieter Fockenbrock

Wird Babcock Borsig die Bundestagswahl entscheiden? Der größte deutsche Anlagenbauer ist pleite, fast 14 000 Männer und Frauen bangen um ihren Arbeitsplatz und mit ihnen Ehepartner, Verwandte, Freunde. Tausende von Wählern sind verunsichert und vor dem Wahltermin am 22. September wird sich ihr berufliches Schicksal wohl kaum entscheiden. Hinzu kommt der Frust über den roten Filz an Rhein und Ruhr. Solange das enge Bündnis von Industrie, Westdeutscher Landesbank und Sozialdemokratie zum Wohle der Arbeiter funktionierte, war alles in Ordnung. Doch mit dem Niedergang des Reviers ging es auch für die SPD bergab. Früher waren ihr die Stimmen aus den Arbeiterhochburgen Dortmund, Bochum oder Duisburg sicher. Früher wurde in den Bergwerken und Stahlwerken mitentschieden, wie der nächste Bundeskanzler heißt.

Doch die Hochöfen sind erloschen, Kohlegruben werden reihenweise stillgelegt. Folge: Massenarbeitslosigkeit prägt weite Teile des Reviers. Bis zu 20 Prozent der erwerbsfähigen Bevölkerung sind seit Jahren ohne Job. Zahlen, die man sonst nur aus dem Osten Deutschlands kennt. Die jungen Leute wandern ab, Männer im besten Alter gehen in den Vorruhestand und bescheren allenfalls den Baumärkten einen bescheidenen Boom. Das lasten die Kumpel und Arbeiter den „Sozis“ an. Die SPD hat schon längst ihre roten Hochburgen verloren.

Und jetzt Babcock: In letzter Minute mischte sich Ministerpräsident Wolfgang Clement ein - natürlich in enger Abstimmung mit seinem Parteifreund Gerhard Schröder. Als sich abzeichnete, dass kaum noch etwas zu retten war, unternahm Clement einen verzweifelten Versuch, das Ruder herumzureißen. Ohne Erfolg.

Damit, meinten Beobachter, waren die Sozialdemokraten im Revier endgültig auf dem Tiefpunkt der Wählergunst angekommen. Sie irrten. Als Clement am Mittwoch gemeinsam mit dem neuen Vorstandschef und dem Insolvenzverwalter vor die Arbeiter in Oberhausen trat, wurde er mit Standing Ovations empfangen. Die Belegschaft feierte ihren Landesvater, sein Engagement für den Erhalt von Babcock Borsig und natürlich auch seine Bereitschaft, tief in die - eigentlich - leere Landeskasse zu greifen.

Peter Schrader, Betriebsratschef der Berliner Borsig GmbH und einer der Konzern-Aufsichtsräte, war bei allen Krisensitzungen dabei. „Der Einsatz des Ministerpräsidenten verdient höchste Anerkennung“. Ein Urteil über Clement, das in diesen Tagen von vielen Arbeitnehmern und Gewerkschaftern zu hören ist. Clement hat es offensichtlich verstanden, die Verantwortung für das Desaster dort zu lassen, wo sie hingehört: Beim Management. Das ändert nichts an den Folgen des Zusammenbruchs: Ausgerechnet im Norden des Reviers, wo die Arbeitslosenquoten am höchsten und die sozialen Nöte am drängendsten sind, bricht der wichtigste Arbeitgeber weg. Professor Paul Klemmer, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), warnt jedoch davor, Panik zu machen. Befürchtungen, zu den 8600 Jobs um Oberhausen kämen noch einmal so viel gefährdete Jobs im Umfeld dazu, hält er für „Schwarzmalerei“.

Babcock Borsig, daran besteht für den renommierten Wissenschaftler kein Zweifel ist vor allem durch Managementfehler ruiniert worden. Das „Unternehmen enthält aber wertvolle Elemente“. Wenn diese Rosinen aus der Insolvenzmasse verkauft würden, seien allenfalls 20 Prozent aller Arbeitsplätze gefährdet, sagt der RWI-Chef. Babcock sei jedenfalls kein Standortproblem des Ruhrgebietes. Wenn der Konzern seinen Firmensitz in München oder Hamburg hätte, es wäre das gleiche passiert.

Der Zusammenbruch des großen Maschinen- und Anlagenbaukonzerns wird also keine Katastrophe auslösen. Trotzdem kommen harte Zeiten auf die Region zwischen Duisburg und Dortmund zu. Dort leben immerhin 5,4 Millionen Menschen - aber es werden immer weniger. In den letzten drei Jahrzehnten sind nach Analysen des RWI eine halbe Million Menschen weggezogen, 600 000 Arbeitsplätze sind verloren gegangen. Und weitere 60 000 bis 80 000 Jobs sind gefährdet. Grund ist die „demografische Erosion“, wie Klemmer erläutert. Im Jahre 2015 werden nur noch fünf Millionen Menschen im Revier leben. Eine Stadt von der Größe Bochums verschwindet innerhalb weniger Jahre praktisch von der Bildfläche.

Die sinkende Bevölkerung an sich ist nicht das Problem - die Region ist ohnehin sehr dicht bewohnt. Das Problem ist die Altersstruktur. Junge Menschen wandern ab, im Zweifelsfall nur wenige Kilometer bis an den Rhein. Denn Düsseldorf und Köln bieten die Arbeitsplätze, die Oberhausen, Hamm oder Recklinghausen fehlen. In vielen Städten, sagt Klemmer, konnten „schöne Erfolge in der Ansiedlung neuer Firmen verbucht werden.“ Mit Opel schon vor Jahren in Bochum etwa oder im Norden des Reviers mit einer Fabrik für Solarzellen.

Aber es reicht eben nicht aus, den rasanten Abbau in der Industrie zu kompensieren. Anfang der 70er Jahre arbeiteten noch bis zu 60 Prozent aller Arbeitnehmer als Bergleute, Stahlwerker oder Maschinenbauer. Heute sind es gerade noch zwölf Prozent. Sieben Milliarden Euro Kaufkraft werden im den nächsten Jahren abwandern, schätzt Klemmer. Die Spirale nimmt kein Ende: schwache Nachfrage, weniger Handel, kaum Dienstleistung - keine Arbeitsplätze.

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