Wirtschaft : Wenn Banker nur noch Economy buchen

Die Zeiten sind vorbei, in denen die Gewinne sprudelten. Nun wird gespart – viel auch am Personal

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Von Rolf Obertreis,

Frankfurt (Main)

Schlitterte die Wirtschaft in die Rezession, blieben die Banken früher außen vor. Sie mussten sich oft hämische Kommentare gefallen lassen, weil die Gewinne sprudelten, während Industrie und Handel rote Zahlen schrieben. Heute ist das anders: Auch für die Geldinstitute sind Zeiten angebrochen, die sie einst für unvorstellbar hielten. Vielen geht es so schlecht wie seit Jahrzehnten nicht. „Die Bankbranche erlebt derzeit eine ihrer größten Bewährungsproben“, sagt nicht nur Dresdner-Bank-Chef Bernd Fahrholz.

Aus fast keinem Geschäftsfeld kommen positive Signale, überall brechen die Erträge weg. Die Commerzbank hat sich im ersten Halbjahr so gerade über Wasser gehalten, die Hypo-Vereinsbank verbuchte im zweiten Quartal rote Zahlen. Geradezu dramatisch ist die Lage bei der Dresdner Bank: Ein Verlust von fast 1,2 Milliarden Euro allein zwischen April und Juni und die sichere Aussicht, dass man auch im zweiten Halbjahr nicht aus dem Tief herauskommen wird. Da besinnen sich selbst Euro-gewohnte Banker der guten alten Mark um sich die Dimensionen klar zu machen. Wenn nicht unerwartet Positives geschieht, wird die zweitgrößte Bank Deutschlands 2002 mehr als vier Milliarden Mark verlieren.

Längst stehen bei den Banken nicht mehr weitreichende strategische Erörterungen im Mittelpunkt von Vorstandssitzungen. Es geht vor allem um eine Frage: Wo und wie können die Kosten gedrückt werden. Dass allein die deutschen Großbanken bis Ende 2003 rund 35000 Stellen streichen, steht schon länger fest. Mittlerweile aber geht es fast um jeden Cent. Bei der Dresdner Bank gehen die Vorstandssekretärinnen um fünf nach Hause, damit die Bank Zuschläge für Überstunden spart. Jetzt müssen die Vorstände am frühen Abend den Kopierer selbst bedienen. Bei der Hypo-Vereinsbank gibt es keine neuen Computer und Handys mehr. Bei Flügen muss die Economy genügen, der Vorstand sitzt in der Business, die erste Klasse ist tabu. Auch Unternehmensberater sind derzeit nicht erwünscht. Zu teuer.

„Uns ist in den letzten Jahren alles aus dem Ruder gelaufen“, sagt ein Banker: Zu viele Mitarbeiter – und oft noch sehr teure – wurden eingestellt, bei Ausgaben für Technologie geklotzt und neue Felder beackert, die viel gekostet, aber keinen Cent abgeworfen haben. Hinzu kommt ein bislang selten dagewesenes schlechtes Umfeld: Der Dauer- Crash an der Börse hat zur Folge, dass Privatanleger kaum Aktien kaufen und Börsengänge reihenweise abgesagt werden. Die Provisionen brechen weg. Im Investmentbanking fehlt lukratives Geschäft, weil es kaum Fusionen und Übernahmen gibt. „Zu tun gibt es genug. Aber es sind alles kleinere, aufwändige Kapitalmaßnahmen, die kaum Geld bringen“, sagt ein Jurist einer Großbank. Und die flaue Konjunktur lässt immer mehr Kredite wackeln, die Pleitewelle viele ganz ausfallen. Babcock, Holzmann, Cargolifter sind nur die Spitze des Eisbergs. Mit 40000 Pleiten wird 2002 gerechnet.

Wären Commerzbank und Dresdner Bank vor zwei Jahren zusammengegangen, sähe es um das neue Institut heute mau aus. „Diese Bank würde es heute schon nicht mehr geben“, glaubt ein Commerzbanker. Und bei der Deutschen Bank macht man drei Kreuze, dass die im Frühjahr 2000 geplante Übernahme der Dresdner Bank geplatzt ist. Nur bei der Allianz kommt man ins Grübeln. War die Übernahme des Instituts wirklich richtig? „Die Banken werden derzeit von allen Seiten in die Zange genommen“, sagt der Banken-Wissenschaftler Wolfgang Gerke. Von einer Banken-Krise will er nicht sprechen – nur von einer Ertragskrise. „Und die wird bewältigt.“ Gleichwohl ist auch Gerke überrascht, wie massiv die Banken nach unten gezogen werden. „Die bestehenden Strukturprobleme werden gnadenlos aufgedeckt." Die zeigen sich nach Ansicht des Wissenschaftlers eigentlich schon seit Jahren in viel zu hohen Kosten, in ineffizienter Arbeit etwa in den Abwicklungsabteilungen, in der zum Teil überzogenen Ausrichtung auf das globale Geschäft und auf Wettbewerber, mit denen man ohnehin nicht mithalten konnte.

Für viele Banken war es schick einen Ableger auch in Singapur, Hongkong oder sogar in Sydney zu haben und auch im Handel mit japanischen Staatsanleihen mitzumischen, obwohl all dies nur Verluste abwarf. Aber durch die hohen Gewinne in anderen Bereichen konnten solche Verluste lange kaschiert werden. „Die gute Lage an den Finanzmärkten hat die Probleme überkleistert. Wir haben zu spät reagiert“, räumte Banken-Präsident Rolf Breuer, bis Mai Chef der Deutschen Bank, vergangenen Oktober ein. „Die Zeiten der Quersubventionierung sind endgültig vorbei“, sagt Gerke heute. Angesichts der niedrigen Aktienkurse können die Banken die Löcher nicht einmal durch den Verkauf von Beteiligungen stopfen. Das Tafelsilber verschleudern wollen die Vorstände schließlich auch nicht, zumal das im Moment an der Börse auch nicht viel wert ist.

Nur Josef Ackermann, der neue Vorstandssprecher der Deutschen Bank, kann alles etwas gelassener sehen. Mehr als 900 Millionen Euro Gewinn hat die Deutsche Bank im zweiten Quartal eingefahren. „Operativ“, also im eigentlichen Bankgeschäft. Trotzdem streicht auch die Deutsche Bank weltweit fast 15000 Stellen. Ackermann hat Zeit, neue Pläne zu schmieden und sich um die Garderobe seiner Mitarbeiter zu kümmern: Das Tragen besserer Anzüge und Kostüme wünscht er sich von ihnen. Solche Probleme hätten die Herren in den anderen Banktürmen in Frankfurt und München auch gerne.

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