Wirtschaft : Wenn das Team an einem Strang zieht

Aufmerksame Chefs, gegenseitiger Respekt und Zeit für die Familie: was einen guten Arbeitsplatz ausmacht.

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Wenn alle so sympathisch wären. Eine gute Beziehung zu den Kollegen ist für viele Beschäftigte wichtig – neben fairen Gehältern und Work-Life-Balance.Foto: Nick Freund/Fotolia
Wenn alle so sympathisch wären. Eine gute Beziehung zu den Kollegen ist für viele Beschäftigte wichtig – neben fairen Gehältern...Foto: Nick Freund Fotolia

Irgendwann stellt es sich ein, das Aha-Erlebnis. Nach einigen Sitzungen mit der Berufs- und Karriereberaterin Imke Haack verstehen viele Führungskräfte plötzlich, dass es wichtig ist, ihre Mitarbeiter zu loben. Bis zu diesem Punkt halten sie es oft schon für ein Zeichen der Anerkennung, wenn sie ihr Team nicht anmeckern. Haack arbeitet oft mit Menschen in Führungspositionen. Sie versucht, den Klienten zu erklären, wie stark sich Lob und ein persönliches Gespräch auf die Mitarbeiterzufriedenheit auswirken. „Anerkennung ist sehr, sehr wichtig“, sagt sie. „Burn-out entsteht zum Beispiel, wenn gefühlter Stress und fehlende Anerkennung zusammenkommen.“

Chefs prägen die Unternehmenskultur. Imke Haack ist davon überzeugt, dass Führungskräfte ihren Mitarbeitern vertrauen, sie beschützen und ihnen den Rücken freihalten sollten. Außerdem müssen sie dazu in der Lage sein, eigene Fehler zuzugeben – den Mitarbeitern aber ebenfalls zugestehen, dass Fehler passieren. Doch auch ein Chef, der – etwa in einem sehr großen Unternehmen – nicht für alle Mitarbeiter ansprechbar ist, kann positive Akzente setzen, zum Beispiel beim Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie. „Ein familienfreundliches Arbeitsklima trägt entscheidend zur Mitarbeiterzufriedenheit bei.“ Wenn Meetings so gelegt werden, dass Mitarbeiter ihr Kind pünktlich aus der Kita abholen oder sich um ihre pflegebedürftigen Eltern kümmern können, dann binden diese Rahmenbedingungen Mitarbeiter ans Unternehmen. In Zeiten des Fachkräftemangels spielt das eine immer größere Rolle.

Ein Beleg dafür sind die Ergebnisse der Personalmarketingstudie 2012, die das Bundesfamilienministerium in Auftrag gegeben hatte. 60 Prozent der 40- bis 49-jährigen Befragten wären dazu bereit, für eine bessere Vereinbarkeit von Familien und Beruf ihre Stelle zu wechseln. Unter den jüngeren Beschäftigten sind es sogar 75 Prozent.

Die Online-Jobbörse Step Stone hat im Februar eine Studie zum Glücksempfinden am Arbeitsplatz veröffentlich. Das Ergebnis: 55 Prozent der rund 13 000 befragen Fach- und Führungskräfte fühlen sich im Job nur mäßig gut oder überhaupt nicht glücklich. Die Autoren der Studie ziehen das Fazit, dass in Unternehmen, deren Mitarbeiter glücklich sind, deutlich mehr Leistung erbracht wird – und die Arbeitnehmer ihren Arbeitgeber verständlicherweise viel häufiger weiterempfehlen. Als wichtigste Faktoren für ein Glücksgefühl gaben die Befragten einen respektvollen Umgang miteinander an, darauf folgten interessante Aufgaben, ein gutes Betriebsklima und eine faire und offene Unternehmenskultur. Auf der Liste stehen außerdem Anerkennung, die Möglichkeit, sich selbst treu bleiben zu können sowie eine gute Work-Life-Balance. Wichtig seien außerdem eine gute Beziehung zu den Kollegen, eine gute Arbeitsausstattung und eine gerechte Vergütung.

Für 87 Prozent der Befragten hat der Job auch Auswirkungen auf das Privatleben – bei 60 Prozent in negativer, bei 27 Prozent in positiver Weise. Das ist auch für Imke Haack ein wichtiger Aspekt: „Das Berufsleben und das Privatleben beeinflussen sich gegenseitig. Wenn große Veränderungen anstehen, sollte man seine Familie darüber informieren und sie einbeziehen.“ Ganz praktisch könne das zum Beispiel bedeuten, dass auch die Kinder mehr Verantwortung im Haushalt übernehmen.

Wie aber sollen Beschäftigte damit umgehen, dass sie oft auch nach Feierabend gar nicht mehr abschalten können? Der Deutsche Gewerkschaftsbund kommt in seiner Analyse zum „Psycho-Stress am Arbeitsplatz“ zu dem Ergebnis, dass 56 Prozent der knapp 5000 befragten Beschäftigten sich bei der Arbeit stark oder sehr stark gehetzt fühlen. 80 Prozent geben außerdem an, dass sie seit vielen Jahren in einer identischen Zeitspanne immer mehr leisten müssten. Fast die Hälfte fühlt sich nach der Arbeit leer und ausgebrannt.

Der aktuelle Stress-Report der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin nennt als wichtigste Belastungen das oft verlangte Multitasking, einen starken Termin- und Leistungsdruck, sich ständig wiederholende Arbeitsvorgänge und häufige Störungen. Wer sich erschöpft fühlt und auch abends ständig an den Job denken muss, sollte laut Imke Haack vor allem auf die folgenden Punkte achten: „Die entscheidenden Aspekte der Work-Life-Balance sind der Beruf, Familie und Freunde, Gesundheit, Sport und Werte.“ Arbeitnehmer sollten sich diese Bereiche genau anschauen und überprüfen, ob sie jeden Punkt in ihrem Leben ausreichend berücksichtigen. Und daran arbeiten, sich im Alltag immer wieder Zeit für sich selbst zu nehmen und „achtsam“ mit sich umgehen.

Wer beruflich so unzufrieden ist, dass er tatsächlich den Job wechselt, geht natürlich ein gewisses Risiko ein – und sollte schon beim Vorstellungsgespräch genau hinschauen. „Ideal ist es natürlich, wenn man Menschen kennt, die bereits in diesem Unternehmen arbeiten.“ Aufschlussreich könne auch sein, darauf zu achten, ob man höflich begrüßt, über längere Wartezeiten informiert und überhaupt respektvoll behandelt wird.

Ein guter Arbeitsplatz wird immer häufiger auch von einem weiteren Kriterium geprägt: der Frage, wie lange man nach dem offiziellen Dienstschluss oder vor Arbeitsbeginn erreichbar sein muss. Die Anrufe und Mails nach Feierabend belasten viele Arbeitnehmer. Laut dem Gesundheitsreport Nordrhein-Westfalen der Deutschen Angestelltenkrankenkasse (DAK) bekommen 15 Prozent der Beschäftigten ein- oder mehrmals pro Woche dienstliche Anrufe nach Feierabend; knapp acht Prozent fühlen sich dadurch belastet. Wenn Angestellte auch außerhalb der Arbeitszeit regelmäßig vom Unternehmen kontaktiert würden, steige ihr Depressionsrisiko, so die DAK. Etwa acht Prozent der Beschäftigten gelten als ständig erreichbar. Jeder Vierte zeigt nach Angaben der Krankenkasse depressive Symptome. Bevor es soweit kommt, sollte man das Thema also offen ansprechen – oder einfach mal das Handy ausschalten.

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