Wirtschaft : Wenn David Bowie auf die Festplatte singt

Dirk-Hinrich Heilmann

Der Musikindustrie gehen durch illegal produzierte Tonträger Millionen durch die LappenDirk-Hinrich Heilmann

Die Musikindustrie feiert einen Schlag gegen die Kriminalität: "Die Arbeit des Piraterie-Ermittlungsdienstes trägt Früchte", meldet der Bundesverband der Phonographischen Industrie. "Die Infrastrukturen der Piraterieszene wurden hart getroffen." Nur noch 115 000 illegal produzierte Tonträger haben die Fahnder 1999 in Deutschland beschlagnahmt. 1998 waren es noch über drei Mal und 1997 über fünf Mal so viele.

Doch die Zahlen künden weniger von abnehmender krimineller Energie als vielmehr vom technischen Fortschritt. Hunderttausende von CD-Brennern gehen jährlich über den Ladentisch, immer mehr Musikfans kopieren sich ihre Lieblings-Hits damit zu Hause und tauschen dann mit Freunden. Das Unrechtsbewusstsein ist bei ihnen ähnlich groß wie beim Kopieren von Computer-Software: gleich null.

Verzweifelt versuchen die Tonträgerhersteller, mit einer PR-Kampagne gegenzuhalten: Unter dem Motto "Copy Kills Music" argumentieren sie, die durch illegale Kopien entgangenen Einnahmen fehlten ihnen nun für den Aufbau von Nachwuchskünstlern. Die Branche spürt die neuen technischen Möglichkeiten für Raubkopierer in den Bilanzen. Bereits 1998 sank der Umsatz der deutschen Tonträgerindustrie - erstmals seit 15 Jahren - um 1,5 Prozent auf knapp fünf Milliarden Mark. Im ersten Halbjahr 1999 betrug das Minus beim Absatz schon fast zehn Prozent. 220 Millionen Mark sind der Branche nach Verbandsschätzung 1999 durch Piraterie entgangen. Weltweit ist der Markt zwar leicht gewachsen, doch die großen Player rücken enger zusammen, um den technologischen Herausforderungen zu begegnen. Das zeigt auch die jüngste Fusion von Time Warner und Emi Music.

Die kleinen CD-Kopierer treiben den Managern der großen Musikkonzerne Sorgenfalten auf die Stirn - aber was ihnen wirklich Angst macht, ist die Kompressionstechnik MP3. Forscher des Fraunhofer-Instituts in Erlangen haben das Verfahren erfunden, das für Menschen unhörbare Töne herausfiltert und Musikdateien auf ein Zwölftel ihrer Größe eindampft. So können sie in Windeseile kreuz und quer durch das Internet verschickt werden.

Dank MP3 tut sich ein ganz neuer Vertriebskanal für die Industrie auf - aber eben auch für Produktpiraten. Den Verlust durch illegal verbreitete MP3-Dateien schätzt die Branche für Deutschland auf 40 Millionen Mark im Jahr. Auch gegen diese Form der Produktpiraterie geht sie mit Fahndern vor. 800 deutsche Anbieterseiten haben sie 1999 aufgespürt und schließen lassen.

Doch all das sind verzweifelte Abwehrkämpfe gegen einen Trend, der sich nicht aufhalten lassen wird: Dem digitalen Vertrieb von Musik in Form von MP3-Dateien gehört die Zukunft. Zahlreiche Internetfirmen bieten schon Musiktitel kostenlos oder gegen Bezahlung zum Herunterladen an. Musiker können so ohne Plattenvertrag und Handel ihre Fans beliefern. Pop-Stars wie David Bowie, die Beastie Boys und Public Enemy sind dabei. Die Marktforscher von Market Tracking International schätzen, dass 2010 schon jeder vierte bis fünfte verkaufte Musiktitel als Datei aus dem Netz kommen wird.

Der Fan sucht bei Internet-Musikanbietern wie MP3.com oder bei Suchmaschinen wie Listen.com nach dem gewünschten Titel, lädt ihn aus dem Netz auf seine Festplatte und hat nun drei Möglichkeiten: Er kann ihn einfach auf dem PC anhören, mit Hilfe eines Brenners auf eine CD kopieren und in der Stereoanlage abspielen oder auf einen MP3-Player laden. Die kleinen walkmanähnlichen Geräte mit dem Chip zum Abspeichern von Musik entwickeln sich bei Preisen ab 150 Mark zu Verkaufsschlagern.

Als die US-Firma Diamond Multimedia mit "Rio" das erste dieser Geräte auf den Massenmarkt brachte, klagte der Verband der US-Musikindustrie, RIAA, vergeblich dagegen. Er versucht auch heute noch mit juristischen Mitteln, den Fortschritt aufzuhalten: Am vergangenen Freitag reichte er Klage wegen Verletzung des Urheberrechts gegen MP3.com ein. Das Unternehmen bietet seit zwei Wochen eine Dienstleistung an, die den Musikkonzernen überhaupt nicht gefällt: MP3-Kunden erhalten, wenn sie eine CD kaufen, eine digitale Kopie, die auf einem Server abgelegt wird. So können Kunden von jedem PC aus ihre Lieblingsmusik anhören, neu kombinieren und auf CD brennen.

Für die RIAA sind das illegale Kopien, für MP3.com-Chef Michael Robertson ist es dagegen nicht mehr als ein "virtueller CD-Player". Er wirft der Industrie vor, sie wolle "die Kunden zwingen, veraltete Technologien zu benutzen, damit sie weiter CD verkaufen kann."

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