Wirtschaft : Wenn der Chef zur Schaufel greift

Claudia Keller

"Ehrenamt"- das Wort entlockte deutschen Managern bis vor kurzem nur ein müdes Lächeln. Neuerdings aber heißt Ehrenamt "Corporate Citizenship" und entwickelt sich nach amerikanischem Vorbild zum beliebten Marketing- und Managementinstrument. Zum Beispiel bei McKinsey. Zum zweiten Mal schreibt die Unternehmensberatung jetzt den Wettbewerb für soziale Ideen "Startsocial" aus. McKinsey hat das Projekt im vergangenen Jahr zusammen mit Daimler-Chrysler, dem Gerling-Konzern, der Pro Sieben Sat 1 Media AG und der Deutschen Post ins Leben gerufen, um ehrenamtliche Initiativen zu unterstützen. Nicht mit einem Scheck, sondern indem McKinsey Know-How zur Verfügung stellt.

Bis zum 30. Juni können sich karitative Projekte bewerben. Auch jeder, der eine Idee hat, wie man helfen könnte, aber nicht weiß, wie er sie umsetzen soll, ist willkommen. Hundert ausgewählte Projekte bekommen ein dreimonatiges Beratungsstipendium. Zusammen mit McKinsey-Beratern, Mitarbeitern anderer Unternehmen, BWL- oder Jurastudenten entwickeln die Hilfsinitiativen Geschäftsmodelle, entwerfen Fundraising-Strategien und Werbekonzepte. Die besten Projekte werden mit Geldpreisen prämiert.

Bei der ersten Runde im vergangenen Jahr haben sich 2007 Hilfsprojekte beworben. 800 Experten aus mehr als 100 Unternehmen und 90 sozialen Institutionen unterstützten als Juroren und Coaches den Wettbewerb. Unter den sechs Gewinnern war die Berliner Björn Schulz Stiftung, die Familien mit unheilbar kranken Kindern betreut. 81 Familienbegleiter hatte der Verein bereits ausgebildet, als er sich bei McKinsey bewarb. Bis 2003 soll ihre Zahl auf 130 aufgestockt werden. Dafür hat Startsocial den Geschäftsführer des Markenverbandes, Horst Prießnitz, als Coach vermittelt. "Herr Prießnitz war ein echter Gewinn. Er hat uns über die gesetzlichen Rahmenbedingungen aufgeklärt und mit uns das Finanzierungskonzept für das Schulungsvorhaben erarbeitet", sagt der Stiftungsvorsitzende Jürgen Schulz. Der Wettbewerb habe sie zudem gezwungen, das eigene Konzept ständig zu hinterfragen.

Warum investiert eine Unternehmensberatung Zeit, Geld und Energie in karitative Ideen? "Es ist gut, wenn McKinsey in der Öffentlichkeit mal nicht als Sündenbock für Stellenstreichungen dasteht", sagt Projektleiter Dieter Düsedau. McKinsey ist keine Ausnahme. Ob Siemens oder Daimler-Chrysler, BMW oder mittelständische Unternehmen - mittlerweile macht fast jede Firma etwas Soziales. "Die Unternehmen verstehen sich als soziale Wesen, nicht mehr nur als Profitmaschinen", sagt Robert Henkel vom Bundesverband der Deutschen Industrie, der dieses Jahr zum zweiten Mal einen Corporate-Citizenship-Preis vergibt.

Gutes tun und darüber reden ist für die Firmen aber nicht die einzige Devise. Die Personalchefs haben entdeckt, dass das soziale Engagement nicht nur nach außen wirkt, sondern auch als Managementinstrument genutzt werden kann. Zum Beispiel, um die soziale Kompetenz der Führungskräfte zu schulen. "Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schwierig es ist, einem Unternehmen Geld für wohltätige Zwecke aus dem Kreuz zu leiern", sagt Düsedau. Die McKinsey-Mitarbeiter machen Erfahrungen, die mit dem Beratungsalltag nichts zu tun haben.

Und wenn 180 Siemens-Mitarbeiter von der Sekretärin bis zum Chef im Münchner Umland in der Erde schaufeln und Kindergärten bauen, stärkt das nicht nur ihre Muskeln und die soziale Kompetenz, sondern auch das Zusammengehörigkeitsgefühl. "Teambildungsmaßnahme" nennt das Albrecht Wild von der Siemens Management Consulting, die die Arbeitsausflüge alle zwei Jahre organisiert. Wild schwört darauf. Manager müssen nicht mehr über heiße Kohlen laufen. Das Geld, das man früher für Abenteuerevents ausgegeben habe, könne man sich sparen und zugleich etwas für die Gesellschaft tun.

In den USA ist die Idee nicht mehr neu. Dort hat fast jede Firma eine eigene Abteilung, die sich mit der Organisation sozialer Events beschäftigt. Doch es mehren sich die Stimmen, die dem sozialen Engagement nicht nur Positives abgewinnen. Die Gewerkschaften beklagen, dass Arbeitnehmer ihre Freizeit dafür opfern müssen und mitunter großer Druck ausgeübt werde. Stephan Seidel von der Enquete-Kommission des Bundestages zur Zukunft des bürgerschaftlichen Handelns erinnert daran, dass sich auch schon vor 100 Jahren Unternehmer um die Freizeitgestaltung ihrer Arbeiter kümmerten. Sie bauten Arbeitersiedlungen und gründeten Arbeitervereine - nicht nur aus Selbstlosigkeit, sondern auch, um die Arbeiter zu disziplinieren.

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