Wirtschaft : Wenn der Computer den Fahrer ausbremst

Alfons Frese

Hoffentlich kommt kein Regen. Denn das Wasser könnte einen Weg in den Kofferraum finden, dort ein Steuergerät nässen und damit den ganzen Wagen lahmlegen. Nicht irgendeinen Wagen. Es geht um den neuen 7er von BMW, das Oberklassenmodell der Münchener, den Image- und Technologieträger an der Spitze der BMW-Flotte zum Preis von mindestens 65 000 Euro. Im vergangenen Herbst kam das Auto auf den Markt, vom 17. November bis Ende Februar wurden in Deutschland 2600 Fahrzeuge verkauft. "Das entspricht den Erwartungen", heißt es bei BMW. "Wir haben mehr erwartet", sagt ein Berliner BMW-Händler. Auf der Straße sieht man das große Auto der Münchener noch kaum.

Doch von massiven Anlaufschwierigkeiten wegen unzuverlässiger Elektronik, abschreckendem Design, oder zu kompliziertem Bediensystem "i-Drive" könne keine Rede sein, behaupten Hersteller und Händler. Von "ganz normalen Problemen", wie sie bei der Neuauflage eines Modells üblich seien, spricht Uwe Nüßer, Geschäftsführer des Berliner Autohauses Riller und Schnauck. Die schwache Nachfrage bringt der Händler eher mit der Konjunktur als dem Produkt in Verbindung.

In der Branche gibt es den Spruch, dass ein Autohändler als erstes mit seiner Automarke und erst dann mit seiner Ehefrau verheiratet sei. Offene Kritik verbietet sich, weil sie den Verkauf behindert. Ein leichtes Murren erlaubt sich Nüßer immerhin hinsichtlich des Designs, vor allem über die bullige Hinterpartie des 7er. Und wirbt gleichzeitig für Verständnis: "Welches Auto ist durchgängig stimmig?" Peter Enders ist Vorsitzender des BMW-Händlerverbands. "Das kraftvolle Design braucht Gewöhnungszeit", gibt er zu, aber "es spiegelt auch die Marke BMW". Das sieht BMW-Sprecher Uwe Mahla ganz genau so. "Uns wurde lange vorgeworfen, wir seien beim Design zu vorsichtig. Jetzt sind wir einen deutlichen Schritt gegangen, was natürlich auch Kritik provoziert."

Ende Mai kommt der VW-Phaeton auf den Markt. Das erste Volkswagen-Oberklassenmodell ist ein paar tausend Euro billiger als der 7er und soll gegen diesen und die S-Klasse von Mercedes antreten. In Wolfsburg ist man glücklich, für den Phaeton nicht auch ein Bediensystem wie BMW gewählt zu haben. Tatsächlich ist i-Drive modern und kompliziert, also umstritten. Anstatt den Innenraum des Autos mit noch mehr Schaltern, Reglern und Knöpfen auszurüsten, wird der neue BMW wie ein Computer gesteuert. Die wichtigsten Funktionen für das eigentliche Fahren sind am Lenkrad untergebracht. Komfortelemente wie CD-Player, Telefon, Klimaanlage oder Navigationssystem werden von einem Knopf in der Mittelkonsole gesteuert; mit diesem Knauf, Controller genannt, lassen sich 700 Funktionen ansteuern. "i-Drive ist eindeutig eine Umstellung", sagt BMW-Händlerverbandschef Enders. Aber wer sein Handy zu nutzen wisse, der komme auch mit der Steuerung des neuen BMW klar. Das meint auch eine Berliner Autohändlerin, die anonym bleiben möchte. "Die Fahrer des 7er brauchen etwas mehr Köpfchen, um die komplizierte Steuerungstechnik bedienen zu können."

Enders zufolge hat es bei der Markteinführung Ärger mit der Elektronik gegeben. Eine neue Software habe dann im Dezember die Probleme gelöst. BMW selbst gibt eine andere Erklärung für die Startschwierigkeiten: In den Schauräumen der Autohäuser hätten potenzielle Käufer sich ins Auto gesetzt und alle möglichen Funktionen der Limousine ausprobiert. Das habe die Batterie erschöpft, was wiederum dazu führte, dass sich das Auto nicht mehr starten ließ. Mit dem Auswechseln der Batterie sei auch dieses Problem gelöst worden, sagt BMW-Sprecher Afred Broede. Die Münchener wollen in diesem Jahr 49 000 Autos der 7er-Reihe verkaufen - das ist exakt das Volumen, das vom Vorgängermodell abgesetzt wurde. Wenn der deutsche Markt so schwach bleibt, wird das schwierig. Dagegen ist der 7er in den USA gut angelaufen.

Für Autoprofessor Will Dietz von der Fachhochschule Nürtingen ist die Konjunktur entscheidend für den Erfolg des BMW. Rund 80 Prozent der Käufer eines Oberklassenautos seien Geschäftsleute, und die könnten sich in schlechten Zeiten kaum ein so teures Auto leisten. Weniger, weil das Geld fehlt, sondern "weil die bei Kunden und Mitarbeitern unter Beobachtung stehen, wenn sie auf den Hof fahren". Die Hochelektronik im 7er ist für Diez nur konsequent, da die Münchener immer auf imagebildende Elektronik gesetzt hätten: "BMW war der erste Hersteller, der Anfang der 80er Jahre nicht mehr vom Armaturenbrett, sondern vom Cockpit gesprochen hat."

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