Wirtschaft : Wenn der Nachbar schwächelt

Deutschlands Wirtschaft schrammt knapp an der Rezession vorbei – weil die wichtigsten Handelspartner in der Krise versinken.

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Noch nicht richtig rund. Auch in Deutschland wuchs die Wirtschaftsleistung nur minimal. Einer der Gründe sei der tiefe Winter gewesen, erklärten die Statistiker. Foto: dpa
Noch nicht richtig rund. Auch in Deutschland wuchs die Wirtschaftsleistung nur minimal. Einer der Gründe sei der tiefe Winter...Foto: dpa

Berlin - Die wirtschaftliche Lage Frankreichs verschlechtert sich zusehends. Europas zweitgrößte Volkswirtschaft ist zu Jahresbeginn in die Rezession gerutscht, das Bruttoinlandsprodukt verringerte sich im Vergleich zum Vorquartal um 0,2 Prozent. Auch in Italien, der Nummer drei auf dem Kontinent, ist kein Ende der Krise in Sicht. Deutschland schaffte dagegen ein Plus von 0,1 Prozent, schrammte damit aber nur knapp an einer Rezession vorbei. Das geht aus den neuen Konjunkturzahlen vom Mittwoch hervor.

Von Rezession sprechen Ökonomen, wenn die Wirtschaft zwei Quartale in Folge schrumpft. Frankreich hatte bereits im Schlussquartal ein Minus von 0,2 Prozent bei seiner Wirtschaftsleistung gemeldet. Fast zehn Prozent des deutschen Exports gehen ins westliche Nachbarland, es ist der wichtigste Handelspartner der Bundesrepublik. Die Verbraucher gaben weniger aus, die Unternehmen investierten weniger, die Exporte sanken. „Die wirtschaftliche Situation ist ernst, es hat keinen Sinn, das kleinzureden“, sagte Frankreichs Präsident François Hollande dazu nach Angaben seiner Sprecherin. Es ist für das Land die erste Rezession seit vier Jahren. Die EU-Kommission kritisierte Paris. „Die Wahrheit ist, dass Frankreich seine Wettbewerbsfähigkeit in den vergangenen 20 Jahren verloren hat“, sagte Präsident José Manuel Barroso.

Italien schnitt noch schlechter ab als der Nachbar: Hier schrumpfte die Wirtschaft um 0,5 Prozent – es war das siebte Minus-Quartal in Folge und mithin die längste Rezession in dem Land seit 1970. Sowohl die Binnennachfrage als auch der Export schwächeln. Die Euro-Zone insgesamt schrumpfte um 0,2 Prozent. Neben Deutschland schafften von den 17 Ländern der Währungsunion nur Belgien und die Slowakei ein kleines Plus.

„Frankreich und Italien sind derzeit die größten Sorgenkinder in Europa“, sagte Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING Diba. Während Griechenland, Spanien oder Portugal ihre Arbeitskosten gesenkt hätten, sei dort kaum etwas passiert. „Echte Strukturreformen gab es nicht, vom Aufschwung der Weltwirtschaft in den kommenden Monaten werden Frankreich und Italien daher auch kaum profitieren“, prognostizierte Brzeski.

Auch in Deutschland ist die Lage nicht rosig: Die Wirtschaftsleistung wuchs nur minimal um 0,1 Prozent; das Minus für das Schlussquartal 2012 senkten die Statistiker auf 0,7 Prozent. Einer der Gründe für die schwache Leistung sei der tiefe Winter gewesen, erklärte das Statistische Bundesamt am Mittwoch. Allein der Verbrauch der privaten Haushalte stützte die Konjunktur – vom Außenhandel gab es dagegen keine Impulse, und der seit Monaten rückläufige Trend bei den Unternehmensinvestitionen setzte sich fort. „Die Unsicherheit darüber, wie es im Euro-Raum weitergehen wird, dämpft wohl die Investitionen“, sagte Oliver Holtemöller, Konjunkturchef beim Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

In den nächsten Monaten wird sich die Lage in Deutschland nach Einschätzung von Forschern verbessern. „Die jüngsten Daten deuten darauf hin, dass es im zweiten Quartal etwas besser laufen wird“, befand Holtemöller. Anzeichen für eine anhaltende Schwäche gebe es nicht. Zudem unterstütze die für deutsche Verhältnisse zu lockere Geldpolitik die Wirtschaft.

Dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) zufolge stehen „die Zeichen gut für ein Anziehen der Nachfrage nach deutschen Produkten in der zweiten Jahreshälfte“. Im März seien mehr Aufträge aus dem Ausland eingegangen als im Februar. Gleichwohl wird das Wachstum für das Gesamtjahr 2013 angesichts des schwachen Jahresauftakts schwächer ausfallen als angenommen – die Commerzbank etwa senkte ihre Prognose von 0,5 auf 0,2 Prozent. Das ist immerhin mehr als im Euro-Raum. Dort werde sich die Lage „weiter wie eine Rezession anfühlen. Die Arbeitslosigkeit im Euro-Raum wird auf neue Rekordniveaus steigen“, warnte Bankökonom Christoph Weil.

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