Wirtschaft : Wenn der Puffer fehlt

Neben der Schuldenkrise belastet ein neues Risiko den deutschen Export: Die Schwellenländer verlangsamen ihr Wachstum

Jan Schwartz[Andreas Kröner],Matthias Inverardi
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Hamburg - Nicht nur die Schuldenkrise in Europa und in den USA besorgt die deutsche Wirtschaft. Dass die Schwellenländer nicht mehr so stark wachsen wie bisher, lässt die Unternehmen zunehmend vorsichtiger werden. Denn dadurch fehlt ein Puffer, falls die Wirtschaft auch hierzulande einen Rückschlag erleiden sollte. Vorerst hält der deutsche Exportboom zwar an. Doch die wirtschaftliche Schwächung vieler Staaten durch ihre enorme Verschuldung verunsichert die Verbraucher dort.

So wuchs die Autonachfrage in den USA zuletzt nicht mehr so stark wie bisher, weil viele Verbraucher arbeitslos sind. Sollte die größte Volkswirtschaft der Welt im kommenden Jahr in eine Rezession abgleiten, wie es manche Analysten erwarten, würde sich dieser Trend noch verstärken. Auch in Europa spüren die Autobauer die wirtschaftliche Abkühlung. „In Europa zeichnet sich eine Zweiteilung zwischen den sich gut entwickelnden Automärkten im Norden und den schlecht laufenden Regionen im Süden ab“, sagte BMW-Vertriebsvorstand Ian Robertson jüngst.

Zwar können Volkswagen, Daimler und BMW die Schwäche in den Mittelmeerländern problemlos verkraften, die für deutsche Autobauer ohnehin nur geringe Bedeutung haben. Entscheidend ist ihr rasantes Wachstum in den Schwellenländern Asiens und Südamerikas. Eine deutliche Abkühlung des chinesischen Marktes würde sie deshalb hart treffen. Chinas Industrie verliert bereits merklich an Tempo. Die Wirtschaft legte im vorigen Jahr um 10,3 Prozent zu, für 2011 erwartet der Internationale Währungsfonds ein Wachstum von 9,6 Prozent. Die Machthaber in Peking arbeiten ganz bewusst daran, das Wachstum zu drosseln, damit sich die Konjunktur nicht überhitzt.

In Europa sinken die Absatzchancen ebenfalls. Konsumartikelhersteller und Handelskonzerne wie Beiersdorf und Metro beklagen bereits schleppende Geschäfte in Portugal, Spanien oder Griechenland, die mit massiven Sparprogrammen die Verbraucher verschrecken. Auf dem deutschen Heimatmarkt läuft es für die Konsumbranche dagegen gut. „Der Verbraucher ist in seiner Kauflaune stabiler als gedacht“, sagt Stefan Genth, der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands HDE. So belegten die aktuellen Zahlen, dass der Sommerschlussverkauf „durchaus vernünftig“ laufe. „Wir leben von einer sehr positiven Entwicklung am Arbeitsmarkt.“

Ob das so bleibt, ist aber offen. Denn im Herbst- und Weihnachtsgeschäft – im Dezember fährt der Handel traditionell den Löwenanteil seiner Gewinne ein – „könnte das Thema eine Rolle spielen“, räumt Genth ein. Deshalb erhöhe der HDE trotz eines überzeugenden ersten Halbjahrs auch seine Jahresprognose nicht. Und der Handelskonzern Metro knüpft seine Gewinnprognose daran, dass sich die „gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen“ verbessern. Die Deutsche Post, die zahlreiche Sendungen von Internet-Händlern transportiert, blieb angesichts der Unsicherheiten ebenfalls vorsichtig – und hob ihren Geschäftsausblick jüngst nicht noch weiter an.

Ökonomen erwarten für die deutsche Wirtschaft 2011 zwar bisher ein Wachstum von mindestens 3,5 Prozent. Das wäre das zweite Boomjahr in Folge. Aber 2012 dürfte schwächer werden. „Die Konjunktureintrübung kommt vor allem von den Schwellenländern“, sagt Andreas Rees, Deutschland-Chefvolkswirt der Bank Unicredit. China, Indien und Co. hätten nach der Lehman-Pleite Ende 2008 am schnellsten aus der Krise gefunden und die globale Wirtschaft mit nach oben gezogen. Die Staaten vor allem in Asien seien aber im Konjunkturzyklus schon viel weiter und spürten wegen steigender Zinsen bereits eine Abkühlung. „Die Schuldenkrise in Europa kann die Verlangsamung der Konjunktur in den nächsten Monaten weiter beschleunigen.“ Auch Deutschland müsse sich auf eine langsamere Gangart einstellen, die Gefahr eines Absturzes bestehe aber nicht. Die Exportaussichten der Unternehmen lägen nur noch auf dem langjährigen Durchschnittsniveau. „Durch die Auftragsbestände haben wir noch eine Art Airbag“, sagte Rees. „Im nächsten Jahr könnte es ungemütlich werden.“ rtr

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