Wirtschaft : Wenn die Schienen beben

Weil es der Wirtschaft gut geht, boomt auch der Güterverkehr der Bahn. Doch für viele Anrainer wird der Aufschwung zum Problem

Nils-Viktor Sorge

Düsseldorf - Hans-Joachim Mehlhorn nennt sich einen „Eisenbahnfreak“. Dass aber manchmal alle 90 Sekunden ein Güterzug zwei Meter hinter seinem Hotel in Koblenz vorbeidonnert, ist ihm dann doch zu viel. „Es ist jedes Mal wie ein leichtes Erdbeben. Die Gläser fangen an zu klirren, meine Gäste können nicht mehr schlafen“, sagt Mehlhorn. Die Zimmer an der Rückseite vermiete er nicht mehr. „Der Lärm kostet mich 150 000 bis 200 000 Euro Umsatz im Jahr.“ Nur aus Angst vor Strafe hätten der Hotelier und seine Mitstreiter der „Bürgerinitiative gegen Bahnlärm im Rheintal“ die Strecke noch nicht blockiert, sagt er.

Die Bahnanrainer bekommen die Kehrseite des wirtschaftlichen Aufschwungs zu spüren, der dem Güterverkehr auf der Schiene rasantes Wachstum beschert. In den ersten drei Quartalen 2006 transportierten die Bahnen auf deutschen Schienen laut Statistischem Bundesamt mit 253,2 Millionen Tonnen 8,3 Prozent mehr Güter als im Vorjahreszeitraum. Marktführer und Bahngütertochter Railion erwartet für das Gesamtjahr einen Transportzuwachs von zehn Prozent.

„Wir erleben einen Boom des Güterverkehrs, wie wir ihn seit Jahren nicht hatten“, sagt eine Sprecherin der Netzgesellschaft der Bahn. Gründe sind neben dem Aufschwung der rapide wachsende Containerhandel und die Lkw-Maut. Ihren Anteil im Güterverkehr könnten die Bahnen 2006 von gut 16 auf 17,5 Prozent steigern, erwarten Experten.

Experten warnen bereits vor Engpässen. „Wenn die Kapazität der Hinterlandverbindungen der Seehäfen nicht erhöht wird, können die Güter schon in absehbarer Zeit nicht mehr abtransportiert werden“, sagt der Geschäftsführer des Deutschen Verkehrsforums, Thomas Hailer. „Dann würde zwangsläufig mehr Verkehr über die Straße abgewickelt werden.“ Das Verkehrsforum fordert daher mehr Investitionen in Schienen- und Straßeninfrastruktur.

Die Bahntochter DB Netz bestätigt, dass die Steigerungsraten im Frachtverkehr Probleme machen. „Wir sind vielerorts bis an die Kapazitätsgrenze belegt.“ Weil mehr und längere Züge fahren, nutzen die Schienen aber auch schneller ab, die Wagen rattern deshalb lauter, bestätigt die Bahn. Damit steigt die Zahl derjenigen, die unter Schienenlärm leiden. Etwa 2,5 Millionen Menschen fühlen sich in Deutschland laut Umweltbundesamt „äußerst“ oder „stark“ gestört und belästigt von Schienenlärm in der Nähe ihrer Wohnung. Mehlhorns Hotel mit Blick aufs Deutsche Eck liegt an der Nord-Süd-Strecke von Rotterdam nach Genua, wo das Verkehrsaufkommen besonders hoch ist. Zwischen Köln und Mainz sind laut DB Netz täglich 270 schwere Güterzüge unterwegs – beladen mit Kohle, Erz, Chemikalien und Stahl. „Das ist, wie wenn ständig ein Hammer auf den Amboss schlägt“, sagt Mehlhorn.

20 Kommunen haben sich am Rhein inzwischen zusammengetan, um Druck auf Politik und Bahngesellschaften zu machen. Sie wollen das Unesco-Welterbe Oberes Mittelrheintal vor Lärm zu schützen. Leisere und langsamere Züge, neue Strecken und sogar Nachtfahrverbote fordern sie. Für das Frühjahr ist ein „Lärmgipfel“ angesetzt, im Februar stellt sich Bahnchef Hartmut Mehdorn in Bingen den Fragen der Genervten. Bürgerinitiativen in ganz Deutschland haben ihren Protest bereits nach Berlin getragen, wo sich im Bundestag eine Abgeordneteninitiative mit dem Thema beschäftigt.

Die Deutsche Bahn als größter Spediteur auf der Schiene hat den Protestlern bereits Entgegenkommen signalisiert. „Wir nehmen das Thema sehr ernst“, heißt es bei der Tochter DB Netz. Die Gütersparte Railion will alle 130 000 Waggons mit leiseren Bremsen ausstatten. Allerdings solle sich die Politik an den Kosten von rund einer halben Milliarde Euro beteiligen. Weil derzeit eigentlich jeder Wagen gebraucht werde, sei es besonders teuer, sie für eine Überholung aus dem Verkehr zu ziehen. „Bei uns muss derzeit alles fahren, was Räder hat. Das Lärmproblem lässt sich nicht kurzfristig lösen“, sagt ein Bahnsprecher. Problematisch sei zudem, dass Züge wie im Rheintal vielerorts auf Trassen aus dem 19. Jahrhundert unterwegs seien, die mitten durch die Dörfer führten.

Was das für ihn und sein Hotel bedeutet, erfährt Lärmopfer Mehlhorn jeden Tag. Besonders heikel könnte es werden, wenn er demnächst die Rückwand seines Hauses renovieren will. Dafür müsste die Bahn ein Gleis sperren, weil Züge sonst das Gerüst wegreißen würden. Für Kosten, die der Bahn deshalb durch Verspätungen entstehen, solle Mehlhorn selbst aufkommen, habe ihm ein Bahner gesagt – und ihm gleich ein Pauschalangebot in Höhe von 10 000 Euro gemacht.

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